Zedaka – Wie die Welt durch Gerechtigkeit gebaut wird
Das hebräische Wort צְדָקָה (Zedaka) wird meist mit „Gerechtigkeit“ übersetzt. Doch in der Bibel und der jüdischen Überlieferung steckt weit mehr dahinter. Zedaka beschreibt ein Leben nach Gottes Willen – ein Leben, das nicht nur den Menschen verändert, sondern sogar Anteil am Aufbau der zukünftigen Welt hat.
Besonders spannend ist dabei 5. Mose 6,25. Dort heißt es, dass das Halten der Gebote „uns zur Gerechtigkeit dienen“ wird. Doch was bedeutet das genau? Im Folgenden sehen wir uns an, wie verschiedene jüdische Ausleger diesen Vers verstanden haben und warum sie darin eine Verbindung zwischen Zedaka und dem Aufbau der kommenden Welt sahen.
Was bedeutet Zedaka?
Schauen wir uns zunächst das hebräische Wort צְדָקָה (Zedaka) etwas genauer an. Es stammt von der Wurzel צָדַק (zadak), die so viel wie „gerecht“ oder „rechtschaffen“ bedeutet. Auf den ersten Blick geht es bei diesem Wort also um einen Zustand, der juristisch bewertet wird.
Doch was ist gerecht? Die Bibel gibt uns darauf eine klare Antwort.
Und wo ist ein so großes Volk, das so gerechte Satzungen und Rechtsbestimmungen hätte, wie dieses ganze Gesetz, das ich euch heute vorlege?
(5. Mose 4,8; Schlachter 2000)
Im obigen Vers erfahren wir, dass Gottes Satzungen und Rechtsbestimmungen gerecht sind. Tatsächlich beschreibt die gesamte Torah, wie eine gerechte Ordnung innerhalb Israels aussehen soll. Vor diesem Hintergrund ist es auch nicht schwer zu erraten, was es für uns bedeutet, wenn wir diese Satzungen und Rechtsbestimmungen tun.
Und es wird uns zur Gerechtigkeit dienen, wenn wir darauf achten, alle diese Gebote vor dem HERRN, unserem Gott, zu tun, wie er es uns geboten hat.
(5. Mose 6,25; Schlachter 2000)
Im letzten Vers finden wir eine interessante Formulierung. Was bedeutet es, dass uns das Halten der Gebote zur Gerechtigkeit dienen würde? Wäre diese Formulierung nicht einfacher: „Ihr werdet gerecht, indem ihr die Gebote tut.“? Doch Gott nutzt hier bewusst eine andere Formulierung.
Demnach scheint der Vers noch eine weitere Ebene zu haben, welche von den jüdischen Weisen über die Jahrhunderte intensiv diskutiert wurde. Im Folgenden sehen wir uns einige Beispiele dieser Kommentare an.
Malbim
Der Bibelkommentar Malbim (Meir Leibush ben Yehiel Michel Wisser) aus dem 19. Jahrhundert kommentiert den Vers etwa so:
Das ist die Bedeutung von: „Und Gerechtigkeit wird es für uns sein“ —
das heißt: Diese Gebote werden für uns wie Gebote zwischen Mensch und Gott sein.
Und das geschieht dadurch, „dass wir darauf achten, dieses ganze Gebot vor dem HERRN, unserem Gott, zu tun“ – also dass wir die Rechtsgebote nicht aufgrund menschlicher Vernunft halten, sondern weil der HERR sie geboten hat.
(Malbim zu 5. Mose 6,25 – nach Übers. d. Verf.)
Mit anderen Worten: Er erklärte, dass mit Zedeka grundsätzlich die Gebote gemeint sind, die die Beziehung zwischen Gott und dem Menschen regeln. Diese Gebote erschließen sich nicht immer mit dem Verstand. Wir haben keine eindeutige Erklärung dafür, warum wir Zitzit tragen, kein Schweinefleisch essen, in der Mikwe eintauchen oder das Schma beten sollen. Wir tun es einfach, weil Gott es uns geboten hat – auch wenn wir den Sinn dahinter nicht verstehen.
Für Malbim entsprach Zedeka dem Halten dieser Gebote. Und dadurch werden wir vor Gott gerecht.
Levi Jitzchak
Der chassidische Lehrer Levi Jitzchak erklärte in seinem Kommentar Keduschat Levi, dass wahre „Gerechtigkeit“ (Zedaka) nicht nur darin besteht, Gottes Gebote äußerlich zu tun, sondern sie mit einer inneren Haltung der Liebe und Ehrfurcht zu erwarten und erfüllen zu wollen. Ein Mensch, der Gott aufrichtig dient, sieht seinen Dienst niemals als vollständig an und erwartet keinen Anspruch auf Belohnung, sondern erkennt alles Gute und jeden Lohn als reine Gnade Gottes an.
Er übersetzte unseren Vers wie folgt:
Und Gerechtigkeit wird uns sein, wenn wir darauf warten und danach verlangen, alle Gebote des HERRN zu tun.
(5. Mose 6,25 in Keduschat Levi – nach Übers. d. Verf.)
Ibn Ezra
Der mittelalterliche Kommentator Ibn Ezra führt uns noch auf eine andere Fährte. Er kommentierte 5. Mose 6,25 wie folgt.
Manche sagen, dieser Vers deute auf den Lohn im Jenseits für die Einhaltung der Gebote hin. Nach dem wörtlichen Sinn des Textes lehrt unser Vers jedoch, dass es das Gerechte ist, Gottes Willen zu befolgen, denn Er ist unser Herr. Ich glaube, die richtige Bedeutung ist, dass alle Völker sehen werden, dass wir gerecht sind, wenn wir Gottes Gebote und Satzungen halten, von denen die Schrift eindeutig sagt, dass sie gerecht sind.
(Ibn Ezra zu 5. Mose 6,25 – n. Übers. d. Verf.)
Auch wenn Ibn Ezra diese Auslegung nicht teilte, brachte er ins Spiel, dass es einige gab, die den Vers mit dem Lohn in der künftigen Welt, Olam HaBa, in Verbindung brachten.
Tatsächlich ist diese Variante sowohl im Targum Onkelos als auch im Targum Jonathan zu finden. Beide Werke sind aramäische Übersetzungen der Torah, welche eine hohe Autorität unter den Weisen genießen. Die aramäische Entsprechung zu Zedaka lautet זכה (zakah) und trägt die Bedeutung von „Lohn“ oder „Verdienst“ in sich.
Demnach beinhaltet das Halten der Gebote einen Lohn, den wir jedoch erst in der kommenden Welt empfangen werden.
Sforno
Obadja ben Jacob Sforno, ein im 15. bis 16. Jahrhundert lebender Rabbiner, griff diesen Gedanken in seinem Kommentar auf. Er schrieb:
„Und Gerechtigkeit wird uns zuteilwerden.“
(Sforno zu 5. Mose 6,25 – nach Übers. d. Verf.)
Das ist es, was ich dir sagte mit den Worten: „zu unserem Besten alle Tage“. Das bedeutet: zu unserem Besten in dieser Welt und in der kommenden Welt.
Wir sehen hier also auch, dass mit dem Wort „Zedaka“ der Lohn oder der Verdienst in der künftigen Welt gemeint ist.
Wenn wir die verschiedenen Aspekte der genannten Kommentare zusammenbringen, dann ergibt sich ein erstaunliches Bild.
Die Architekten der künftigen Welt
Als Nachfolger Jeschuas ist es unser Ziel, in die künftige Welt, Olam Haba, einzugehen. Doch es stellt sich die Frage, wie Olam HaBa entstehen kann. Wer schafft diese Welt? Wer schafft die Ewigkeit?
Der folgende Vers aus der Bibel gibt uns dazu eine überraschende Antwort:
כַּעֲב֣וֹר ס֭וּפָה וְאֵ֣ין רָשָׁ֑ע וְ֝צַדִּ֗יק יְס֣וֹד עוֹלָֽם׃
Wenn ein Sturm vorüberfährt, so ist der Gottlose nicht mehr da; der Gerechte aber ist für die Ewigkeit gegründet.
(Sprüche 10,25; Schlachter 2000 – Hervorhebung d. Verf.)
An dieser Stelle verstellt die Schlachter-2000-Übersetzung leider den Blick auf das Wesentliche. Die Übersetzung ist nicht falsch, aber nicht die einzige Variante. Der fettmarkierte Text kann auch wie folgt übersetzt werden:
„Der Gerechte ist das Fundament der Welt/der Ewigkeit.“
Das ist ein starkes Bild. Der Gerechte, also derjenige, der nur darauf wartet, Gottes Gebote tun zu können, ist das Fundament der Ewigkeit. Wow!
Das bedeutet letztlich, dass wir mit unseren gerechten Taten, dem Erfüllen der Mizwot und dem Lohn, der daraus entsteht, die künftige Welt aktiv mitformen. Welche Autorität hat uns Gott da gegeben?
Die zukünftige Welt wird durch Zedaka erschaffen
In Pirkei Avot lesen wir:
Schimon der Gerechte war einer der letzten Männer der Großen Versammlung. Er pflegte zu sagen: Die Welt steht auf drei Säulen: der Tora, dem Tempeldienst und der Ausübung frommer Taten.
(Pirkei Avot 1,2 – n. Übers. d. Verf.)
Wir sehen darin Folgendes:
- Die Torah ist die Grundlage für die Schöpfung, sie ist im Grunde der Bauplan.
- Durch den Tempeldienst wird die Herrlichkeit Gottes überhaupt erst mit der Erde verbunden. Wir haben in der Vergangenheit schon einmal beleuchtet, dass der Tempeldienst seine Entsprechung in unseren Häusern und Familien finden kann.
- Die frommen Taten oder Werke sorgen erst dafür, dass die Torah lebendig wird, und tragen als dritte Säule dazu bei, dass die Welt stabil steht.
Aus meiner Sicht ist diese Botschaft unheimlich stark. Gott macht uns zu Partnern in der Schaffung der zukünftigen Welt. Wir arbeiten aktiv daran, dass Olam HaBa entstehen kann, indem wir die Gebote Gottes umsetzen. Und das ohne einen Lohn zu erwarten, sondern aus Liebe und freien Stücken.
Doch der Lohn wird uns dennoch zuteil. Er ist Teil der Zedaka und durch sie wird die zukünftige Welt gebaut.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
