Wajikra – Die zehn Namen des Mose
Mit dem dritten Buch der Torah beginnt ein neuer Abschnitt der Offenbarung. Nachdem die Abschnitte Wajakhel und Pekudei den Bau der Stiftshütte abschlossen, beschreibt Wajikra vor allem den Opferdienst, die Heiligkeit des Volkes und den Dienst im Heiligtum. Gleich zu Beginn lesen wir:
Und der HERR rief Mose, und er redete zu ihm aus der Stiftshütte und sprach: …
(3. Mose 1,1; Schlachter 2000)
Paraschat Wajikra
3. Mose 1,1-5,26
Hesekiel 45,16-46,18; Lukas 22,1-13
Die zehn Namen des Mose
Das Buch Wajikra beginnt mit der Aussage, dass Gott Mose aus dem Zelt der Begegnung rief. Rashi kommentiert diesen Vers damit, dass nur Mose das Rufen Gottes hören konnte, weil er den direkten Draht zum Thron Gottes im Inneren der Mischkan hatte.
Doch über diese Beobachtung hinaus beschäftigt sich der Midrasch damit, ob Mose nicht noch zusätzliche Namen hatte. In der Bibel ist das Phänomen weit verbreitet, dass eine Person verschiedene Namen hat. Wir denken dabei an Jakob und Israel, Abram und Abraham oder Esau und Edom.
Allerdings wird Mose von Gott ausschließlich mit diesem Namen benannt. Er erhielt ihn von der Tochter des Pharaos. Doch gab es noch weitere Bezeichnungen für Mose?
Im Midrasch Wajikra Rabba 1,3 wird eine ungewöhnliche Auslegung eines Verses aus den Chronikbüchern vorgenommen. Dort heißt es:
Und seine Frau, die Judäerin, gebar Jered, den Vater Gedors, und Heber, den Vater Sochos, und Jekutiel, den Vater Sanoachs. Und jene sind die Söhne der Bitja, der Tochter des Pharao, welche Mered zur Frau nahm.
(1. Chronik 4,18; Schlachter 2000)
Dieser Vers ist auf den ersten Blick sehr kryptisch. Zunächst gebiert eine Judäerin mit einem Mann, der dem Leser bekannt sein müsste (welcher?), 3 Söhne: Jered, Heber und Jekutiel. Diese bringen wiederum Söhne hervor. Und jene Söhne (der ersten oder zweiten Generation?) kamen von der Tochter des Pharaos, welche Mered (aus Vers 17?) zum Mann hatte. Also war jetzt die Judäerin oder die Tochter des Pharao die Mutter von Jered etc. oder hatten 3 Brüder einer Generation alle die Pharaonentochter zur Frau?
Es ist sehr offensichtlich, dass dieses Geschlechtsregister eine Art Code oder Verschlüsselung ist. Die Rabbiner erklären, dass der Vers metaphorisch auf Mose verweist. Dabei sind mehrere Namen enthalten, die Mose zugeschrieben werden. Der Midrasch fasst zusammen:
Zehn Namen wurden Mose gegeben.
Diese Namen sind:
- יֶרֶד (Jered)
- חֶבֶר (Chever)
- יְקוּתִיאֵל (Jekutiel)
- אֲבִי גְדוֹר (Avi Gedor)
- אֲבִי סוֹכוֹ (Avi Socho)
- אֲבִי זָנוֹחַ (Avi Zanoach)
- טוֹבִיָּה (Tuvija)
- שְׁמַעְיָה (Schemajah)
- לֵוִי (Levi)
- מֹשֶׁה (Mosche)
Der Midrasch erklärt auch, warum Mose diese Namen erhielt.
Was die Namen über Mose sagen
Laut Midrasch beschreibt jeder Name einen bestimmten Aspekt von Moses Dienst.
- יֶרֶד (Jered) bedeutet „der Herabbringende“. Mose brachte die Torah vom Himmel zur Erde.
- חֶבֶר (Chever) bedeutet „Verbindung“. Mose verband Israel mit ihrem Vater im Himmel.
- יְקוּתִיאֵל (Jekutiel) beschreibt jemanden, der Hoffnung gibt. Durch Mose lernte Israel, auf Gott zu hoffen.
- אֲבִי גְדוֹר (Avi Gedor) bedeutet „Vater des Zaunes“. Mose errichtete gewissermaßen geistliche Schutzmauern für Israel.
- אֲבִי סוֹכוֹ (Avi Socho) wird mit Prophetie verbunden. Mose war der Vater der Propheten, die nach ihm kamen.
- אֲבִי זָנוֹחַ (Avi Zanoach) bedeutet „Vater derer, die verwerfen“. Durch Mose wandte sich Israel vom Götzendienst ab.
- טוֹבִיָּה (Tuvija) hängt mit der Aussage bei seiner Geburt zusammen: Und die Frau wurde schwanger und gebar einen Sohn. Und als sie sah, dass er schön [tov] war, verbarg sie ihn drei Monate lang. (2. Mose 2,2; Schlachter 2000 – Hervorhebung durch den Verfasser)
- שְׁמַעְיָה (Schemajah) bedeutet „Gott hat gehört“. Gott hörte die Gebete Moses für sein Volk.
- לֵוִי (Levi) erinnert daran, dass Mose aus dem Stamm Levi stammte.
- Und schließlich מֹשֶׁה (Mosche), der Name, den ihm die Tochter des Pharao gab: Und als das Kind groß geworden war, da brachte sie es der Tochter des Pharao, und es wurde ihr Sohn, und sie gab ihm den Namen Mose. Denn sie sprach: Ich habe ihn aus dem Wasser gezogen. (2. Mose 2,10; Schlachter 2000)
Warum nennt Gott ihn „Mose“?
Der Midrasch endet mit einer erstaunlichen Aussage. Gott spricht zu Mose:
„Bei deinem Leben! Von allen Namen, die dir gegeben wurden, nenne ich dich nur bei dem Namen, den dir die Tochter des Pharao gegeben hat.“
Darum beginnt das Buch Wajikra mit den Worten:
„Und der HERR rief Mose …“
(3. Mose 1,1a; Schlachter 2000)
Der Name, den eine ägyptische Prinzessin einem hebräischen Kind gab, wurde zum Namen, mit dem Gott selbst ihn anspricht.
Die Rabbiner sehen darin eine tiefe Botschaft: Gott ehrt die Barmherzigkeit eines Menschen. Weil die Tochter des Pharao das Kind rettete, wurde ihr gewählter Name zum wichtigsten Namen des größten Propheten Israels.
Wenn wir darüber einen Moment nachdenken, dann ist diese Entscheidung sehr tief. Denn indem sich der Allmächtige entscheidet, Mose bei dem Namen zu nennen, der ihm durch die Pharaonentochter gegeben wurde, setzt er ihr ein Denkmal.
Gott belohnt den Gehorsam und den Glauben der Pharaonentochter, die das kleine hebräische Baby entgegen dem Willen ihres Vaters am Leben ließ – ja es sogar rettete. Und das, obwohl es lediglich einer kleinen Handbewegung bedurft hätte, um Mose im Nil zu ertränken.
Laut Midrasch gab Gott ihr den Namen Batja (Tochter des Ewigen), da sie Mose, obwohl er nicht ihr Sohn war, angenommen hatte wie ihren Sohn. Und so nahm Gott die Tochter des Pharao, obwohl sie nicht seine Tochter war, wie eine Tochter an.
Warum gerade zehn Namen?
Eine interessante Frage ist, warum Mose zehn Namen hatte und nicht etwa drei oder fünf.
Die Zahl zehn spielt in der Bibel eine besondere Rolle. Sie steht oft für Vollständigkeit und göttliche Ordnung. Wir sehen dies an mehreren Stellen:
- Die zehn Worte am Sinai (2. Mose 20)
- Die zehn Plagen über Ägypten
- Die zehn Generationen von Adam bis Noah und von Noah bis Abraham (1. Mose 5; 11)
Zehn beschreibt oft eine vollständige Einheit oder eine vollkommene Struktur.
Die zehn Namen des Mose spiegeln daher die Vollständigkeit seines Dienstes wider. Kein einzelner Name kann seine Aufgabe vollständig beschreiben. Erst zusammen zeichnen sie das Bild seines Wirkens.
Mose war Lehrer, Prophet, Fürsprecher, Gesetzgeber, Führer und Vermittler zwischen Gott und Israel. Jeder Name hebt einen dieser Aspekte hervor.
Ein Mann – viele Rollen
Wenn wir die zehn Namen betrachten, erkennen wir, wie vielseitig Mose war. Er war nicht nur der Mann, der Israel aus Ägypten führte. Er war auch derjenige, der:
- die Tora brachte
- Israel mit Gott verband
- für das Volk betete
- es vor dem Götzendienst bewahrte
- und den Grundstein für die Prophetie legte.
Doch trotz all dieser Titel nennt Gott ihn einfach Mose.
Vielleicht ist das ein Hinweis, dass Größe nicht durch Titel entsteht. Mose wird nicht wegen seiner Namen geehrt, sondern wegen seiner Hingabe an Gott. Und auch aufgrund der Hingabe einer Pflegemutter Batja, die zunächst mit dem Volk Israels nichts zu tun hatte.
Und vielleicht liegt genau darin die tiefste Botschaft dieser zehn Namen: Ein Mensch kann viele Aufgaben erfüllen, doch seine wahre Identität liegt in seiner Beziehung zu Gott.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
