Wa’etchanan – Den Sinai bewahren
Mit der Lesung Wa’etchanan setzt die Torah die Erzählung nahtlos dort fort, wo Devarim endete. Nachdem Mose einige kritische Worte an Israel gerichtet hatte, zog er es im weiteren Verlauf seiner letzten Rede vor, Ermutigungen und Ermahnungen an das Volk zu richten.
Letztlich gelten diese Worte aber auch uns. Und so erscheint eine Formulierung – sogar im Kontext ihrer Zeit – etwas kryptisch.
Paraschat Wa’etchanan
5. Mose 3,23-7,11
Jesaja 40,1-26; Lukas 3,2-15
Wa’etchanan und die Erinnerung an Gottes Gebote
Mose setzte seine Rede in den Ebenen Moabs mit den folgenden Worten fort:
Und nun, Israel, höre auf die Satzungen und auf die Rechtsbestimmungen, die ich euch zu tun lehre, damit ihr lebt und hineinkommt und das Land in Besitz nehmt, das euch der HERR, der Gott eurer Väter, gibt.
(5. Mose 4,1; Schlachter 2000)
Mit dieser Aufforderung leitete er einen neuen Abschnitt seiner Rede ein. Mose rügte Israel nun nicht mehr, er ermahnte es, sich die Gebote Gottes zu Herzen zu nehmen. Gleichzeitig gab er dem Volk deutlich zu verstehen, dass allein durch das Hören der Gebote eine Ankunft und Einnahme des Landes möglich waren.
Dabei stellte das Hören nur die Mindestanforderung. Es beinhaltete lediglich, Gott einen Raum zu verschaffen, in dem er zu jedem einzelnen Israeliten sprechen konnte. Wie du bemerkst, steht dort nicht: „Lies über die Gebote!” Wie konnte Israel aber hören?
Der wichtigste Baustein war dabei ein Lehrer. Der später lebende Rabbi und Vorsitzende des Sanhedrin Joshua ben Perachia sagte, dass wir uns unbedingt einen Lehrer suchen sollten (Pirkei Avot 1,6). Dieser Lehrer erfüllte mehrere Aufgaben.
- Lernbereitschaft: Zunächst bleibt ein Schüler, der einen Lehrer anerkennt, lernbereit.
- Demut: Die Unterordnung unter einen Lehrer lehrt den Schüler Demut.
- Harmonie: Wer sich einen festen Lehrer sucht, schwankt nicht ständig zwischen verschiedenen Auslegungen oder halachischen Meinungen hin und her.
- Überlieferung: In antiker Zeit war die mündliche Torah nicht verschriftlicht und konnte nur persönlich weitergegeben werden. Dabei ist sie aber ein essenzieller Bestandteil, um die Torah und deren Gebote zu verstehen.
Das Hören (auf einen Lehrer) war also die Grundvoraussetzung, ins Land zu kommen. Doch dies allein genügte noch nicht.
Die Bewahrung der Seele
Später fügte Mose noch weitere Aufforderungen hinzu. Er sagte:
Nur hüte dich und bewahre deine Seele wohl, dass du die Geschehnisse nicht vergisst, die deine Augen gesehen haben, und dass sie nicht aus deinem Herzen weichen alle Tage deines Lebens; sondern du sollst sie deinen Kindern und Kindeskindern verkünden!
(5. Mose 4,9; Schlachter 2000)
Im obigen Vers wies er das Volk darauf hin, dass jeder Israelit seine Seele bewahren sollte, um die Geschehnisse am Sinai nicht zu vergessen. Was heißt das?
Untersuchen wir zunächst die relevanten hebräischen Worte.
- Seele: Hinter dem Wort für Seele verbirgt sich der hebräische Begriff נֶפֶשׁ (nefesch). Diesen könnten wir auch als den inneren Menschen übersetzen (Epheser 3,16).
- Bewahre: Hinter dem deutschen Wort bewahren steht das hebräische Verb שָׁמַר (schamar). Es bedeutet nicht nur aufpassen oder beschützen, sondern auch hüten, bewachen oder sorgfältig bewahren. Dasselbe Verb wird an vielen Stellen verwendet, wenn Israel dazu aufgefordert wird, Gottes Gebote zu bewahren. Es geht also nicht um ein passives Festhalten, sondern um ein aktives Hüten dessen, was Gott anvertraut hat.
Mose sprach hier folglich nicht davon, die eigene Seele vor Gefahren zu schützen. Vielmehr sollte Israel seinen inneren Menschen bewahren, damit die Offenbarung am Sinai niemals in Vergessenheit geriet.
Bemerkenswert ist dabei, dass Mose nicht von etwas sprach, das Israel lediglich gehört hatte. Er erinnerte das Volk an das, was seine Augen gesehen hatten. Die Offenbarung am Sinai war keine philosophische Idee und keine menschliche Lehre, sondern ein Ereignis, das einen bleibenden Eindruck hinterlassen sollte.
Doch halt. War es nicht die Vätergeneration, die am Sinai stand? Ein Teil von Moses Zuhörern wurde erst nach der Offenbarung am Sinai geboren. Wie konnten diese sich an die Ereignisse am Horeb erinnern? Und wie könnten es spätere Generationen – etwa wir? Doch nur durch das regelmäßige Studium der Torah.
Die späteren jüdischen Ausleger greifen diesen Gedanken auf. Der Malbim erklärt, dass Israel seine Seele dadurch bewahrt, dass es sich stets daran erinnert, dass die Torah nicht menschlichen Ursprungs, sondern von Gott gegeben ist. Wer den Sinai vergisst, läuft Gefahr, die Torah nur noch als Sammlung kluger Gedanken zu betrachten. Die Erinnerung an die Offenbarung bewahrt dagegen den Glauben daran, dass Gott selbst gesprochen hat.
Die Seele bewahren heißt, die Torah lebendig zu halten
Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass die Mischna genau diesen Vers auf das Torastudium anwendet.
Rabbi Dostai ben Rabbi Yannai lehrte im Namen von Rabbi Meir:
Wer auch nur eine einzige Lehre aus seinem Lernen vergisst, dem rechnet die Schrift an, als hätte er sein eigenes Leben verwirkt, denn es heißt: „Hüte dich und bewahre deine Seele sehr, damit du nicht vergisst…“
(Pirkei Avot 3,8 – nach Übersetzung des Verfassers)
Die Mischna schränkt diese Aussage unmittelbar ein. Gemeint ist nicht jemand, der aufgrund seines Alters oder einer Krankheit vergisst. Vielmehr spricht sie von dem Menschen, der das Gelernte bewusst aus seinem Herzen verdrängt und sich nicht mehr darum bemüht, die Worte der Torah festzuhalten.
Damit erhält die Aufforderung aus Wa’etchanan eine sehr praktische Bedeutung. Die Seele wird nicht dadurch bewahrt, dass wir religiöse Gefühle pflegen. Sie wird bewahrt, indem wir die Worte Gottes immer wieder hören, lernen, wiederholen und im Herzen bewegen. Genau deshalb gehörten in Israel Lehrer, Schüler und die Weitergabe an die nächste Generation untrennbar zusammen.
Wer aufhört zu lernen, verliert mit der Zeit nicht nur Wissen. Er verliert auch die lebendige Erinnerung daran, wer Gott ist und was er getan hat.
Was bedeutet das für uns heute?
Wir leben in einer Zeit, in der Informationen jederzeit verfügbar sind. Mit wenigen Klicks finden wir Bibeltexte, Kommentare oder Vorträge. Dennoch besteht die Gefahr, dass wir zwar viel lesen, aber immer weniger bewahren.
Mose fordert uns deshalb zu mehr auf als zu einem gelegentlichen Bibelstudium. Er fordert uns auf, unser Herz so auszurichten, dass Gottes Wort darin einen festen Platz behält.
Das beginnt damit, dass wir – wie Rabbi Joshua ben Perachia empfiehlt – bereit sind, von anderen zu lernen. Niemand versteht die Torah allein. Gott hat sein Volk so geschaffen, dass Lernen in Gemeinschaft geschieht: durch Lehrer, durch Freunde und durch das Gespräch miteinander.
Es setzt sich fort, indem wir die Torah regelmäßig studieren. Nicht, um möglichst viel Wissen anzuhäufen, sondern damit Gottes Worte unser Denken, unsere Entscheidungen und unser Handeln prägen.
Und schließlich erfüllt sich Moses’ Auftrag darin, dass wir die Torah weitergeben. Die Offenbarung am Sinai sollte nicht bei einer Generation enden. Sie sollte Kindern und Kindeskindern erzählt werden. Jede Generation empfängt die Torah neu und trägt die Verantwortung, sie unverfälscht an die nächste weiterzureichen.
Vielleicht bedeutet die Formulierung aus Wa’etchanan, „die Seele zu bewahren“, vor allem, unseren inneren Menschen immer wieder dorthin zurückzuführen, wo Israel einst stand – an den Fuß des Sinai. Denn wer sich daran erinnert, dass Gott gesprochen hat, wird seine Worte nicht als bloße Information behandeln, sondern als Weisung für das eigene Leben.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
