Waera – Die Lasten der Kinder Israels in Ägypten
Nachdem wir in der Lesung Schemot die Vorbereitungen für die Befreiung Israels gesehen haben, beginnt in Waera die Erzählung zur tatsächlichen Erlösung der Hebräer. Allerdings wollen wir diesen Beitrag nutzen, um noch einmal einen kleinen Blick zurückzuwerfen und uns die Lasten, unter denen die Kinder Israels litten, genauer anzusehen.
Nur wenn wir verstehen, worum es hier wirklich ging, können wir die Befreiung wirklich schätzen. Und nicht zuletzt ist das Exil in Ägypten auch ein Bild für unsere Zerstreuung unter den Nationen. So wie Gott sein Volk damals befreite, so wird er es auch wieder befreien. Folglich sollten wir denselben Lasten auch heute wieder begegnen.
Paraschat Waera
2. Mose 6,2-9,35
Hesekiel 28,25-29,21; Lukas 11,14-22
Das Versprechen der Erlösung
Unsere Lesung Waera beginnt mit einer Erinnerung, indem Gott Mose erneut darauf hinweist, dass er mit Abraham, Isaak und Jakob einen Bund geschlossen hat. Dieser Bund war die Grundlage für die Erlösung Israels, denn der Allmächtige hatte dem Stammvater Abraham versprochen, dass das Exil nicht länger als 400 Jahre dauern würde.
Da sprach Er zu Abram: Du sollst mit Gewissheit wissen, dass dein Same ein Fremdling sein wird in einem Land, das ihm nicht gehört; und man wird sie dort zu Knechten machen und demütigen 400 Jahre lang.
(1. Mose 15,13; Schlachter 2000)
Allerdings sollte sich der Startpunkt der 400 Jahre noch einmal ein Stück zurückverlagern, denn der tatsächliche Aufenthalt von Jakob und seinen Söhnen in Ägypten betrug lediglich 210 Jahre. Da die Lasten der Hebräer so schwer waren und sie unaufhörlich darüber weinten und klagten, verkürzte Gott das Exil, indem er den Startpunkt auf die Geburt Isaaks legte.
Und ich habe auch das Seufzen der Kinder Israels gehört, weil die Ägypter sie zu Knechten machen, und habe an meinen Bund gedacht.
(2. Mose 6,5; Schlachter 2000)
Und weiter kündigte der Allmächtige an:
Darum sage den Kindern Israels: Ich bin der HERR, und ich will euch aus den Lasten Ägyptens herausführen und will euch aus ihrer Knechtschaft erretten und will euch erlösen durch einen ausgestreckten Arm und durch große Gerichte.
(2. Mose 6,6; Schlachter 2000)
Weil die Lasten in Ägypten so schwer waren, zog der Allmächtige die Erlösung vor. Doch wie schwer waren sie wirklich?
Körperliche Zwangsarbeit
Auf den ersten Blick offensichtlich war die körperliche Zwangsarbeit, die im Bibeltext auch so benannt wird.
Darum zwangen die Ägypter die Kinder Israels mit Gewalt zum Dienst, und sie machten ihnen das Leben bitter mit harter Zwangsarbeit an Lehm und Ziegeln und mit allerlei Feldarbeit, lauter Arbeiten, zu denen man sie mit Gewalt zwang.
(2. Mose 1,13-14; Schlachter 2000)
Ein Blick in die jüdische Überlieferung gibt uns allerdings ein etwas umfassenderes Bild davon, wie diese Zwangsarbeit aussah. Schemot Rabba 1,11 zeigt uns beispielsweise, dass Männer zu Frauenarbeiten und Frauen zu typischen Männerarbeiten verpflichtet wurden. Dies hatte nicht nur zur Folge, dass die Geschlechter den Anforderungen der Arbeiten nicht gerecht werden konnten, sondern griff zusätzlich die Geschlechtsidentität und das Selbstwertgefühl der Hebräer an.
Es ging nicht nur darum, die Kinder Israels körperlich zu brechen, sondern auch darum, ihren Geist zu zerstören. Um dies zu erreichen, stellte der Pharao Anforderungen, die die Hebräer unmöglich erfüllen konnten (2. Mose 5,6-13).
Psychischer Druck
Zur körperlichen Misshandlung kamen der psychische Druck und Terror. Wenn etwa die Hebräer ihre Quote nicht erfüllten, wurden die israelitischen Aufseher stellvertretend geschlagen.
Und die Aufseher der Kinder Israels, welche die Treiber des Pharao über sie gesetzt hatten, wurden geschlagen, und es wurde zu ihnen gesagt: Warum habt ihr weder heute noch gestern euer Maß an Ziegeln erfüllt wie zuvor?
(2. Mose 5,14; Schlachter 2000)
Mit anderen Worten: Es gab auch über eine „Beförderung“ keine Möglichkeit, den Peinigungen zu entkommen. Die Aufseher trugen die Verantwortung dafür, dass die Hebräer ihre Quoten erfüllten, was diese aber gar nicht leisten konnten. Das Ziel war hier ganz klar, das israelitische Volk gegeneinander aufzuhetzen und den Zusammenhalt zu zerstören.
Die Bedrohung der Familien
Doch die Schikanen der Ägypter plagten nicht nur die Individuen, sondern auch ganze Familien. Schemot Rabba 1,12 berichtet, dass es das Ziel des Pharaos war, die Israeliten durch die schwere Arbeit von der Fortpflanzung abzuhalten. Da die Männer so viel arbeiten mussten, schliefen sie auf dem Feld auf dem Boden. Sie kamen einfach nicht mehr nach Hause.
Rabbi Akiva entgegnete hierauf jedoch:
(Schemot Rabba 1,13 – nach Übersetzung des Verfassers)
Rabbi Akiva erklärte: Aufgrund der rechtschaffenen Frauen, die in dieser Generation lebten, wurde Israel aus Ägypten befreit. Was taten sie? Wenn sie Wasser holen gingen, sorgte der Heilige, gesegnet sei Er, dafür, dass sich kleine Fische in ihren Krügen befanden, und sie holten halb Wasser und halb Fische. Sie brachten es ihren Ehemännern und stellten zwei Töpfe auf das Feuer [veshoftot], einen mit heißem Wasser und einen mit Fischen. Sie gaben ihnen zu essen, badeten sie, salbten sie mit Öl und gaben ihnen zu trinken, und sie verkehrten mit ihnen zwischen den Töpfen [shefatayim], wie es heißt: „Nun kannst du in den Schafställen [shefatayim] liegen, mit silbernen Flügeln der Taube“ (Psalmen 68:14). Als Belohnung dafür, dass sie zwischen den Töpfen lagen, verdiente Israel die Beute Ägyptens, wie es heißt: „Flügel der Taube, überzogen mit Silber.“
Am Ende waren es die Frauen, die dafür sorgten, dass der Plan der Ägypter nicht aufging. Doch nicht nur die Fortpflanzung war bedroht. Die Ägypter töteten auch geborene Babys.
Einerseits erließ der Pharao ein Gesetz, das den Mord an allen neugeborenen Jungen rechtfertigte. Die Ägypter sollten sie in den Nil werfen (2. Mose 1,22). Zum anderen erzählt der Midrasch, dass der Pharao jede Nacht und jeden Morgen 150 hebräische Kinder töten ließ, um in ihrem Blut zu baden. Dies sollte ihn von seinem Aussatz heilen.
Zudem berichtet die Überlieferung von regelmäßigen Misshandlungen, Vergewaltigungen und Morden an den Hebräern. Können wir uns dieses Leben vorstellen?
Waera und die Parallelen zu heute
Auch wenn wir sicher nicht so weit sind, dass das Leben in dieser Welt unerträglich ist, so können wir doch einige Parallelen zur heutigen Zeit erkennen, die zumindest die Ansätze des damaligen Leidens erkennen lassen.
Werden nicht auch heute Kinder getötet (abgetrieben) und Ehepaare von der Fortpflanzung abgehalten? Ist nicht auch heute das Arbeitspensum um ein Vielfaches höher als noch vor einigen Jahrzehnten? Sind nicht auch heute die Geschlechterrollen zunehmend verwaschen, sodass sich Frauen in Männerrollen wiederfinden und umgekehrt?
Wenn wir uns die Drangsale der Hebräer von damals ansehen, können wir schon einige Ähnlichkeiten erkennen. Und so dürfen auch wir darauf vertrauen, dass Gott uns darin nicht umkommen lässt, sondern rechtzeitig erlöst.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
