Tzav – Wenn einfaches Mehl zum heiligen Opfer wird
Mit der Paraschah Tzav fahren wir dort fort, wo Wajikra aufgehört hat. Nachdem wir in der Lesung der letzten Woche einen Überblick über die 5 wichtigsten Opfer am Tempel erhalten haben, erfahren wir nun noch einige zusätzliche Details.
In diesem Kommentar werden wir uns das Mincha genauer ansehen und schauen, was die Details uns zu sagen haben.
Paraschat Tzav
3. Mose 6,1-8,36
Maleachi 3,4-24; Matthäus 17,9-13
Was ist das Mincha?
Die meisten Opfer am Tempel bzw. an der Stiftshütte waren Tieropfer. In der Zeit, als diese Heiligtümer standen, wurden unzählige Rinder, Schafe, Ziegen und Tauben dem Allmächtigen als Opfergabe dargebracht.
Doch es gab auch ein Opfer, welches komplett ohne Blut auskam – das Mincha. In vielen Übersetzungen wird das Mincha auch Speisopfer genannt.
Wenn aber eine Seele dem HERRN ein Speisopfer darbringen will, so soll ihre Opfergabe aus Feinmehl bestehen, und man soll Öl darübergießen und Weihrauch darauftun.
(3. Mose 2,1; Schlachter 2000 – Hervorhebung durch den Verfasser)
Diese Übersetzung folgt dem logischen Schluss, dass das Mincha aus Mehl, Öl und Weihrauch bestand. Doch ist Speisopfer keine genaue Übersetzung. Wenn wir die Bedeutung des hebräischen Wortes Mincha ergründen, dann stoßen wir auf einige interessante Zusammenhänge.
Die Wortbedeutung von Mincha
Das Speisopfer finden wir nicht nur in den Lesungen Tzav oder Wajikra. Es kommt an vielen anderen Stellen ebenfalls vor. Manchmal steht das Wort völlig unabhängig von einer Opfergabe im Text.
Und er brachte die Nacht dort zu und nahm von dem, was er erworben hatte, als Geschenk für seinen Bruder Esau: …
(1. Mose 32,14; Schlachter 2000 – Hervorhebung durch den Verfasser)
Als Jakob nach 20 Jahren bei Laban zurückkehrte, stand er vor der Begegnung mit Esau. Er wusste, dass Esau ihm nicht wohlgesonnen war, und so versuchte er, ihn zu besänftigen. Unter anderem übersandte er ihm verschiedene Tiere als Geschenke. Diese Geschenke entsprechen im hebräischen Text dem Wort מִנְחָה (Mincha). Die Heilige Schrift zählt die Geschenke sehr präzise auf (1. Mose 32,15-22). Darunter befanden sich jedoch keine Mehlgaben.
Auf der Suche nach dem Wurzelwort für Mincha wird es noch etwas spannender. Hier gibt es nämlich verschiedene Möglichkeiten, die ich unten kurz darstelle.
- נָחָה (nachah): etwas zur Ruhe bringen, führen, leiten
Und es geschah, als der Pharao das Volk ziehen ließ, da führte sie Gott nicht auf die Straße durch das Land der Philister, obwohl sie die nächste war; denn Gott sprach: Es könnte das Volk reuen, wenn es Kämpfe vor sich sehen würde, und es könnte wieder nach Ägypten umkehren. (2. Mose 13,17; Schlachter 2000 – Hervorhebung durch den Verfasser) - נוּחַ (nuach): ruhen, liegen, zufrieden sein
Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darin ist, und er ruhte am siebten Tag; darum hat der HERR den Sabbattag gesegnet und geheiligt. (2. Mose 20,11; Schlachter 2000 – Hervorhebung des Verfassers)
Mincha ist nun eine Substantivierung dieser Wurzelverben. Wenn man es also rein wörtlich von der Wurzel herleitet, dann könnte es auch “das Geleitet/die Drabringung“ oder “die Beruhigung/Besänftigung” bedeuten. Doch was hat dies mit dem Speisopfer zu tun? Wir kommen noch darauf.
Wenn eine Seele ein Opfer bringt
Der obere Vers aus Wajikra (3. Mose 2,1) hat noch eine weitere Besonderheit. Dort ist nicht von einem Menschen, einem Mann oder einer Frau die Rede, die ein Opfer darbringen wollen. Es heißt: Wenn eine Seele …
Das hier verwendete hebräische Wort lautet Nefesch und bezeichnet tatsächlich die niedrigste Form der menschlichen Seele. Jeder Mensch wird mit einer Nefesch geboren. Dies ist die Lebenskraft, die uns dazu befähigt, uns in dieser Welt zu bewegen.
Denn das Leben [Nefesch] des Fleisches ist im Blut, und ich habe es euch auf den Altar gegeben, um Sühnung zu erwirken für eure Seelen. Denn das Blut ist es, das Sühnung erwirkt für die Seele.
(3. Mose 17,11; Schlachter 2000 – Hervorhebungen und Ergänzungen durch den Verfasser)
Rashi erklärt diese Formulierung wie folgt:
Nirgendwo wird das Wort „nefesch“ im Zusammenhang mit freiwilligen Opfergaben verwendet, außer im Kontext des Speiseopfers. Denn wer bringt gewöhnlich ein Speiseopfer dar? Der Arme! Der Heilige, gesegnet sei Er, sagt sozusagen: Ich werde es für ihn so betrachten, als hätte er seine eigene Seele (nefesch) als Opfer dargebracht.
(Rashi zu Wajikra 2,1 – nach Übersetzung des Verfassers)
Das Speisopfer ist damit eine Opfergabe, die in erster Linie von denen dargebracht wurde, die sich kein Tier leisten konnten. Gott nahm dieses jedoch genauso an, wie jedes andere Opfer. Tatsächlich wird das Mincha von manchen Kommentatoren als wertvoller erachtet, als ein Tieropfer.
Das hängt damit zusammen, dass der Arme, der sich kaum Wohlstand oder Luxus leisten konnte, ein Opfer von den Dingen gab, die essenziell für sein Überleben waren. Wer eine große Herde hatte, konnte leicht auf das ein oder andere Tier verzichten. Was machte das schon? Doch was war mit dem, der kaum genug zum Leben hatte?
Der Arme, der gerade genügend Getreide zum Leben hatte und Gott davon abgab, brachte ein viel größeres Opfer als ein Reicher. Im Grunde legte er die Führung seines Lebens damit in Gottes Hände. Er gab Gott einen Teil seines Lebens(-unterhalts) und stellte klar, dass ihm die Beziehung zum Allmächtigen wichtiger war, als sein Dasein in dieser Welt.
Der Opfernde machte Gott ein Geschenk, um bei ihm Ruhe zu finden. Denn in der Welt fand er keinen Frieden. Bei Gott jedoch konnte er zur Ruhe kommen – wenn er sich seiner Führung unterwarf. Jetzt wird der Zusammenhang der Wurzelwörter und ihrer verschiedenen Bedeutungen auch langsam klarer.
Was uns Tzav über das Mincha verrät
In der Lesung Tzav erfahren wir noch einige weitere Details über das Mincha. Da heißt es, nachdem die Söhne Aarons einen Teil auf dem Altar in Rauch aufgehen ließen:
Das Übrige davon sollen Aaron und seine Söhne essen; ungesäuert soll es gegessen werden an einem heiligen Ort; im Vorhof der Stiftshütte sollen sie es essen. Es soll ungesäuert gebacken werden. Ich habe es ihnen gegeben als ihren Anteil an meinen Feueropfern; es ist hochheilig wie das Sündopfer und wie das Schuldopfer.
(3. Mose 6,9-10; Schlachter 2000)
Hier sehen wir, wie Gott die Opfer bewertet. Der äußere Wert ist dabei unerheblich. Wichtig ist, was es dich persönlich kostet. Dein persönlicher Preis macht ein Opfer heilig.
Im Falle des Mincha sehen wir im Text von Tzav, dass es heilig wird. Ein Mensch bringt sein Leben – und sei es noch so sündenbeladen – und reicht es Gott dar. Und er verwandelt es in etwas Heiliges.
Das geht sogar so weit, dass diese Heiligkeit auf andere Dinge übergeht.
Alles, was männlich ist unter den Nachkommen Aarons, darf davon essen; es ist ein auf ewig festgesetzter Anteil an den Feueropfern des HERRN für eure [künftigen] Geschlechter. Alles, was mit ihm in Berührung kommt, soll heilig sein!
(3. Mose 6,11; Schlachter 2000 – Hervorhebung durch den Verfasser)
Wenn dein Leben ein Opfer für Gott ist, dann ist es heilig (Römer 12,1-2). Und deine Umgebung wird es ebenso.
Der Zusammenhang mit dem Nachmittagsgebet
In der Halacha finden wir nun einen interessanten Verknüpfungspunkt. Denn das Nachmittagsgebet wird ebenfalls Mincha genannt. Warum?
Zum einen besteht ein Zusammenhang mit den täglichen festen Brandopfern am Tempel. Die Gebete spiegeln nämlich die Opfer am Tempel wider. Und zu jedem Brandopfer wurden ebenfalls Speisopfer dargebracht.
Das andere Lamm sollst du zur Abendzeit opfern; und mit dem Speis- und Trankopfer sollst du es halten wie am Morgen; [du sollst es opfern] als einen lieblichen Geruch, als ein Feueropfer für den HERRN.
(2. Mose 29,41; Schlachter 2000)
Nur für das Nachmittagsopfer wird das Speisopfer ausdrücklich beim Namen genannt. Wie wir gesehen haben, symbolisierte dieses die tägliche Versorgung, da es aus dem Grundnahrungsmittel Getreide bestand. Das Minchagebet – ein Spiegel des nachmittäglichen Opfers – wird vor diesem Hintergrund als besonders wertvoll erachtet.
Denn für das Gebet müssen wir unsere Geschäftigkeit unterbrechen und uns Zeit für Gott nehmen. Im Grunde geben wir ihm etwas von der Zeit zurück, die er uns geschenkt hat, um unserer alltäglichen Arbeit nachzugehen.
Und so verwundert es nicht, dass das Mincha eine herausragende Stellung in verschiedenen Erzählungen der Bibel einnimmt.
- Kain und Abel bringen jeweils ein Mincha. Dabei ist es das erste Opfer, welches in der Bibel genannt wird. (1. Mose 4)
- Eliah betete zur Zeit des Mincha zu Gott, worauf vor den Augen der Baalspriester Feuer vom Himmel fiel (1. Könige 18,36)
- Sowohl Gideon (Richter 6,18) als auch Manoach (Richter 13,19) brachten ein Mincha dar. Auch wenn es sich hierbei noch nicht um das traditionelle Minchagebet gehandelt hat, wird aus den Texten deutlich, welche spirituelle Kraft in einem Opfer am Nachmittag steckt.
So wie das Speisopfer (Mincha) heilig war, so ist es auch das Nachmittagsgebet (Mincha). Damit zeigt sich, dass der Tempeldienst eine Blaupause für unser alltägliches Leben ist. Nach dessen Vorbild, heiligen wir unseren Alltag.
Fazit zu Tzav
Für einen Kommentar zur Paraschah Tzav haben wir einen weiten Bogen gespannt. Vom Speisopfer im Tempel hin zum Nachmittagsgebet. Doch da sich die Worte gleichen, gibt es einen tieferen Zusammenhang zu entdecken.
Wenn wir unser Leben heiligen wollen, dann können wir sicher sein, dass Gott dies positiv beantwortet. Er ist bereit, jedes Opfer anzunehmen, solange es mit einem aufrichtigen Herzen verbunden ist. Auch wenn wir derzeit keine echten Speisopfer darbringen können, so bleiben uns doch die täglichen Gebete, wobei das Mincha ein besonders kraftvolles ist.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
