Tazria/Metzora – Die 7 Ursachen für Aussatz
Die Lesungen Tazria und Metzora beschäftigen sich ausführlich mit dem Thema des Aussatzes. Über 2 Kapitel werden diesem Thema gewidmet und alle denkbaren Nuancen und Erscheinungsformen des Aussatzes beleuchtet.
Dabei fällt auf, dass die Ursache für die Erkrankung nicht wirklich geklärt wird. Was kann also den Aussatz hervorrufen und welche Bedeutung hat er heute noch? Wir werfen einen Blick darauf.
Paraschat Tazria/Metzora
3. Mose 12,1-15,33
Jesaja 66,1-24; Markus 9,40-50
Was ist der Aussatz?
Zunächst sollten wir klären, was Aussatz eigentlich ist. Das hebräische Wort צָרַ֥עַת (Zaraat) verrät noch nicht viel über die Herkunft. Allerdings können wir ausschließen, dass es sich dabei um eine typische Infektionskrankheit gehandelt hat.
Das wird an der Beschreibung deutlich, dass ein Mensch, der komplett mit Aussatz bedeckt ist, als rein gilt und keinerlei Auflagen unterliegt (3. Mose 13,12-13). In der jüdischen Überlieferung finden wir hingegen viel mehr den Gedanken, dass der Aussatz eine innere Sünde nach außen sichtbar macht.
Und so besteht ein wirksamer Schutz vor dem Aussatz eben nicht in der Beachtung von Hygienemaßnahmen oder der Durchführung von medizinischen Prophylaxen. Vielmehr gibt uns die Tora selbst folgende Anweisung:
Hüte dich vor der Plage des Aussatzes, indem du eifrig alles befolgst und tust, was dich die Priester, die Leviten, lehren. Wie ich es ihnen geboten habe, so sollt ihr es befolgen und tun! Denke daran, was der HERR, dein Gott, mit Mirjam tat auf dem Weg, als ihr aus Ägypten gezogen seid!
(5. Mose 24,8-9; Schlachter 2000)
Die obige Bibelstelle ist eine von insgesamt sechs Aufforderungen zum Gedenken. Ein wirksamer Schutz vor dem Aussatz besteht demnach darin, sich daran zu halten, was die Priester und Leviten lehren – ein Hinweis auf die mündliche Torah? – und sich zu erinnern, was Gott Miriam tat. Doch was war mit Miriam geschehen?
Miriams Aussatz
Wenn wir den Text von Metzora verlassen und uns der Paraschah Beha’alotcha zuwenden, finden wir die Geschichte von Miriam und Aaron, wie diese über Mose und seine Frau lästerten.
Was war der Hintergrund? Rashi lässt in seinem Kommentar zu dieser Geschichte etwas Licht ins Dunkel. Demnach hatte Mose sich als Prophet Gottes entschieden, sich von seiner Frau zu distanzieren. Ihm ging es einerseits darum, sich nicht versehentlich zu verunreinigen, und andererseits auch darum, Zippora mit der Bürde seines Amtes nicht weiter zu belasten.
Mose wollte ihr die Möglichkeit geben, einen anderen Partner zu finden, mit dem sie womöglich ein einfacheres Leben führen konnte.
Miriam hingegen interpretierte Moses Verhalten so, dass er sie verschmähte, weil ihm Zipporas Aussehen nicht passte. Laut Rashi ist die Formulierung “kuschitische Frau” ein Synonym für ihre Schönheit. In Zippora vereinten sich sogar Schönheit und ein feiner Charakter.
Indem Miriam nun aber beide in Verruf brachte, wurde sie mit Aussatz bestraft.
Und die Wolke wich von der Stiftshütte; und siehe, da war Mirjam aussätzig wie Schnee. Und Aaron wandte sich zu Mirjam, und siehe, sie war aussätzig.
(4. Mose 12,10; Schlachter 2000)
Dabei ist auffällig, dass Miriam und Aaron eine private Unterhaltung führten. Ihr Gespräch war nicht öffentlich, sondern blieb unter den Geschwistern. Das bedeutet auch, dass Mose nicht öffentlich beschämt wurde. Es war also noch kein richtiger Schaden entstanden.
Und dennoch strafte der Allmächtige Miriam mit Aussatz. Warum? Weil der Aussatz eine Manifestation der inneren sündigen Herzenshaltung war.
Die Konsequenz des Aussatzes
Im Ergebnis musste die aussätzige Miriam das Lager verlassen. Und genauso ist es auch in Metzora beschrieben, wie mit einem Aussätzigen umzugehen war.
Der Aussätzige, an dem die Plage ist, soll aber in zerrissenen Kleidern einhergehen, mit entblößtem Haupt, und seine Lippen soll er verhüllen, und er soll ausrufen: Unrein, unrein! Solange die Plage an ihm ist, soll er völlig unrein bleiben, [denn] er ist unrein; er soll abgesondert wohnen und außerhalb des Lagers seine Wohnung haben.
(3. Mose 13,45-46; Schlachter 2000)
Im Grunde glich der Aussätzige einem Toten, welcher nicht mehr in der Gemeinschaft der Lebenden weilte. Gleichzeitig finden wir den Gedanken unter den jüdischen Weisen, dass derjenige, der (wenn auch nur in seinen Gedanken) der Gemeinschaft schadet, auch kein Teil mehr davon sein kann.
Doch was sind nun die Ursachen für den Aussatz? Der Talmud wird da sehr präzise und deutlich.
Die 7 Ursachen für den Aussatz
Was der Text von Metzora zunächst schuldig bleibt, liefert uns der Talmud wesentlich ausführlicher. Im Traktat Arachin 16a des Babylonischen Talmuds finden wir 7 Ursachen für den Aussatz.
- Lashon hara (üble Nachrede)
- Blutvergießen (Mord)
- Falscher oder unnützer Eid
- Unzucht und sexuelle Unmoral
- Hochmut und Stolz
- Diebstahl
- Geiz und Hartherzigkeit
Innerhalb des Talmuds werden diese Ursachen auch mit konkreten Textstellen aus der Bibel belegt. Es handelt sich also nicht um eine Erfindung der Rabbis, sondern um ein Ergebnis gründlicher Exegese.
Wenn wir uns diese 7 Ursachen anschauen, dann kann man gut festhalten, dass Menschen, die auch nur eine davon ausprägen, nur schwer bis gar nicht gesellschaftsfähig sind.
Der offensichtlichste Punkt ist wohl Mord. Doch auch ein Dieb, ein Ehebrecher oder ein arroganter Mensch kann große Probleme in einer Gemeinschaft erzeugen.
Doch bei der Betrachtung der 7 Ursachen für den Aussatz ist mir noch eine weitere Parallele aufgefallen.
Der Aussatz und die Noachidischen Gesetze
Bei der Betrachtung der sieben Ursachen für den Aussatz in Metzora fällt eine interessante Parallele auf: Sie lassen sich in Beziehung zu den sogenannten Noachidischen Geboten setzen.
Diese Gebote – שבע מצוות בני נח – werden im Babylonischen Talmud ab Sanhedrin 56a auf Grundlage biblischer Exegese beschrieben und gelten nach jüdischem Verständnis für alle Menschen. Sie umfassen:
- Verbot von Mord
- Verbot sexueller Unmoral
- Verbot von Diebstahl
- Verbot von Götzendienst
- Verbot von Gotteslästerung
- Gebot, Recht und Gerechtigkeit zu etablieren
- Verbot, Fleisch von einem lebenden Tier zu essen
Diese Gebote bilden die Grundlage für ein funktionierendes Zusammenleben.
Parallelen zu Metzora
Einige Verbindungen sind direkt erkennbar:
Mord, Unzucht und Diebstahl tauchen sowohl bei den Noachidischen Geboten als auch bei den Ursachen für Aussatz auf. Wer in diesen Bereichen versagt, zerstört unmittelbar die Grundlage jeder Gemeinschaft.
Doch auch die übrigen Punkte lassen sich zuordnen:
- Lashon Hara (üble Nachrede) steht in enger Verbindung zur Gotteslästerung. Wer Menschen durch Worte angreift, greift indirekt auch den Schöpfer an.
- Falscher Eid ist ebenfalls ein Missbrauch des göttlichen Namens.
- Hochmut kann als eine Form inneren Götzendienstes verstanden werden, da der Mensch sich selbst erhöht.
- Geiz widerspricht der grundlegenden Achtung vor dem Leben und dem Mitmenschen.
Die Bedeutung für Metzora
Die Noachidischen Gebote zeigen, wie der Mensch äußerlich leben soll. Die Ursachen für den Aussatz in Tazria / Metzora gehen jedoch tiefer: Sie betreffen die innere Haltung.
Der Aussatz macht sichtbar, was im Verborgenen beginnt. Noch bevor eine Gesellschaft äußerlich zerbricht, zeigt sich im Herzen des Einzelnen eine Entwicklung, die genau diesen Bruch vorbereitet.
So wird der Metzora (Aussätzige) zum Bild dafür, dass geistliche Fehlhaltungen nicht verborgen bleiben. Was im Inneren entsteht, wird irgendwann nach außen sichtbar.
Fazit
Die Verbindung zwischen den sieben Ursachen für Aussatz und den Noachidische Gebote macht deutlich:
Tazria und Metzora sprechen nicht nur über Reinheit, sondern über die Grundlagen menschlichen Zusammenlebens. Eine Gesellschaft voller Aussätziger hat keinen Bestand. Vielmehr wird sie in sich zusammenbrechen.
Der Aussatz ist damit weniger eine Krankheit als vielmehr ein Hinweis darauf, dass der Mensch sich von den grundlegenden Ordnungen Gottes entfernt hat – nicht nur im Handeln, sondern bereits im Herzen. Insofern fordert uns die Lesung Tazria / Metzora dazu auf, den Aussatz in unserem Leben ausfindig zu machen und zu beseitigen.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
