Schoftim – Der besondere Prophet
In der Paraschah Schoftim finden wir eine spannende Prophetie in Bezug auf einen zukünftigen Propheten, der Mose gleich sein soll. Dabei ist zu beachten, dass in der jüdischen Tradition kein Prophet größer war als Mose.
Wie können wir diesen Vers dann verstehen?
Paraschat Schoftim
5. Mose 16,18-21,9
Jesaja 51,12-52,12; Johannes 14,9-20
Die besondere Stellung Moses
In der biblischen Erzählung nimmt Mose eine besondere Stellung innerhalb Israels ein. Er wird mehrfach als herausragender Prophet beschrieben. Es heißt am Ende des Buches Devarim:
Es stand aber in Israel kein Prophet mehr auf wie Mose, den der HERR kannte von Angesicht zu Angesicht, …
(5. Mose 34,10; Schlachter 2000)
Mit der Aussage, dass es in Israel nie wieder einen Propheten gab, der Gott von Angesicht zu Angesicht kannte, offenbart die Torah eine prophetische Aussage für alle kommenden Generationen. Mose hatte eine besondere Stellung unter allen späteren Propheten.
An anderer Stelle heißt es:
Und er sprach: Hört doch meine Worte: Wenn jemand unter euch ein Prophet des HERRN ist, dem will ich mich in einem Gesicht offenbaren oder ich will in einem Traum zu ihm reden. Aber nicht so mein Knecht Mose: Er ist treu in meinem ganzen Haus. Mit ihm rede ich von Mund zu Mund, von Angesicht zu Angesicht und nicht rätselhaft, und er schaut die Gestalt des HERRN. Warum habt ihr euch denn nicht gefürchtet, gegen meinen Knecht Mose zu reden?
(4. Mose 12,6-8; Schlachter 2000 – Hervorhebung durch den Verfasser)
Die obige Aussage kam durch folgende Situation zustande: Aaron und Mirjam lästerten über Mose, weil dieser sich von seiner Frau enthielt und sich sogar von ihr schied. Dabei sahen sie es als völlig unnötig an und hielten ihn für einen schlechten Ehemann. Doch der wahre Hintergrund für seine Trennung war die Tatsache, dass er jederzeit empfangsbereit für Gottes Wort sein wollte. Mose vermied jegliche Form der Verunreinigung und enthielt sich deshalb auch des Verkehrs mit seiner Frau.
Gott stellte gegenüber den Geschwistern Moses klar, dass ihr Bruder eine besondere Rolle innehatte. Denn mit ihm sprach er, anders als mit allen anderen Propheten, von Mund zu Mund – klar und ohne Rätsel oder Gleichnisse. Das war auch nötig, denn Mose sollte dem Volk die Torah lehren. Und dafür benötigte er eine klare Offenbarung.
Rambam über Mose
Der jüdische Gelehrte Rambam (Moses Maimonides) verfasste mit seiner Mischen Torah ein halachisches Mammutwerk. Darin gibt er auch eine Einführung in die Grundlagen der Torah. Dort beschreibt er auch die Ordnung der Propheten.
Er schreibt:
Alles, was wir [bisher] gesagt haben, beschreibt die Art und Weise der Prophetie bei allen früheren und späteren Propheten – mit Ausnahme unseres Lehrers Mose, des Meisters aller Propheten.
Und worin besteht der Unterschied zwischen der Prophetie Moses und derjenigen aller übrigen Propheten?
Alle [anderen] Propheten empfangen ihre Prophetie in einem Traum oder in einer Vision. Unser Lehrer Mose hingegen empfängt Prophetie, während er wach ist und dasteht, wie es heißt:
„Und wenn Mose in das Zelt der Begegnung hineinging, um mit Ihm zu reden, hörte er die Stimme, die zu ihm sprach.“
(Num 7,89)
Alle [anderen] Propheten empfangen [ihre Prophetie] durch einen Engel. Deshalb sehen sie das, was sie sehen, in einem Gleichnis und in einem Rätsel.
Unser Lehrer Mose hingegen [empfängt sie] nicht durch einen Engel, wie es heißt:
„Mund zu Mund rede ich mit ihm.“
(Num 12,8)
Und es heißt:
„Und der HERR redete mit Mose von Angesicht zu Angesicht.“
(Ex 33,11)
Und es heißt:
„Und die Gestalt des HERRN schaut er.“
(Num 12,8)
Das bedeutet: Dort gibt es kein Gleichnis, sondern er sieht die Sache in ihrer Klarheit, ohne Rätsel und ohne Gleichnis. Dies bezeugt die Tora über ihn, wenn sie sagt:
„in deutlicher Erscheinung und nicht in Rätseln“
(Num 12,8).
Das heißt: Er empfängt seine Prophetie nicht in einem Rätsel, sondern in einer deutlichen Erscheinung, sodass er die Sache in ihrer Klarheit sieht.
Alle [anderen] Propheten fürchten sich, erschrecken und werden von ihrer Kraft überwältigt. Bei unserem Lehrer Mose ist es nicht so. Denn die Schrift sagt:
„wie ein Mann mit seinem Nächsten redet“
(Ex 33,11).
Das bedeutet: So wie ein Mensch nicht erschrickt, wenn er die Worte seines Mitmenschen hört, so besaß der Verstand unseres Lehrers Mose die Kraft, die Worte der Prophetie zu erfassen, während er aufrecht und vollkommen in seinem Zustand blieb.
Alle [anderen] Propheten können nicht zu jeder Zeit, zu der sie es wünschen, prophetisch reden. Bei unserem Lehrer Mose ist es nicht so. Vielmehr kleidet ihn, wann immer er es wünscht, der Heilige Geist, und die Prophetie ruht auf ihm.
Er braucht seinen Geist nicht erst darauf auszurichten und sich darauf vorzubereiten, denn er ist bereits ausgerichtet, vorbereitet und steht bereit wie die diensttuenden Engel.
Deshalb kann er zu jeder Zeit prophetisch reden, wie es heißt:
„Bleibt stehen, und ich will hören, was der HERR euch gebieten wird.“
(Num 9,8)
Und darin gab Gott ihm eine Zusicherung, wie es heißt:
„Geh, sprich zu ihnen: Kehrt zurück zu euren Zelten. Du aber bleibe hier bei mir stehen.“
Daraus lernst du: Wenn die Prophetie von allen [anderen] Propheten weicht, kehren sie zu ihrem „Zelt“ zurück, das heißt zu allen körperlichen Bedürfnissen, wie die übrigen Menschen. Deshalb trennen sie sich nicht von ihren Frauen.
Unser Lehrer Mose hingegen kehrte nicht zu seinem früheren Zelt zurück. Deshalb trennte er sich für immer von seiner Frau und von allem, was dem vergleichbar ist.
Sein Geist verband sich mit dem Felsen der Welten [Gott]. Die Herrlichkeit wich niemals mehr von ihm; die Haut seines Angesichts strahlte, und er wurde geheiligt wie die Engel.
(Mischne Torah: Hilchot Yesodei haTorah 7,6 – nach Übersetzung des Verfassers)
Hier sehen wir, dass Moses prophetische Gabe sich sehr wohl von anderen Gaben unterschied. Doch wie können wir dann den folgenden Vers verstehen, der uns in der Paraschah Schoftim gegeben wird?
Schoftim und der Prophet wie Mose
Es heißt im Text zu Schoftim:
Einen Propheten wie mich wird dir der HERR, dein Gott, erwecken aus deiner Mitte, aus deinen Brüdern; auf ihn sollst du hören!
(5. Mose 18,15; Schlachter 2000)
Auf den ersten Blick scheint diese Aussage im Widerspruch zu dem zu stehen, was wir bisher über Mose gelernt haben. Wenn nach Mose kein Prophet mehr aufstand, der ihm gleich war, wie kann Mose dann selbst ankündigen, dass Gott einen Propheten „wie mich“ erwecken werde?
Raschi und die nachfolgenden Propheten
Eine mögliche Antwort finden wir bei Raschi. Er versteht diese Stelle zunächst nicht als Ankündigung eines einzelnen Propheten in ferner Zukunft. Vielmehr bezieht er sie auf die prophetische Nachfolge innerhalb Israels. Zu den Worten „aus deiner Mitte, aus deinen Brüdern, wie mich“ schreibt er sinngemäß:
So wie ich aus deiner Mitte und aus deinen Brüdern bin, wird Er dir an meiner Stelle einen Propheten erwecken – und ebenso von Prophet zu Prophet.
(Raschi zu 5. Mose 18,15 – nach Übersetzung des Verfassers)
Der Ausdruck „wie mich“ muss nach dieser Auslegung also nicht bedeuten, dass jeder dieser Propheten dieselbe prophetische Stufe wie Mose erreichen würde. Das wäre schon aufgrund von 5. Mose 34,10 ausgeschlossen. Vielmehr würde Gott auch nach dem Tod Moses sein Volk nicht ohne prophetische Führung lassen. Immer wieder würde er Männer erwecken, durch die er zu Israel sprach.
Der Zusammenhang unserer Paraschah Schoftim unterstützt diese Auslegung. Unmittelbar vor unserem Vers warnt die Torah Israel davor, sich an Wahrsager, Zeichendeuter und andere okkulte Praktiken der Völker zu wenden. Israel sollte seine Führung nicht auf diese Weise suchen. Raschi erklärt zu 5. Mose 18,14 den Grund dafür: Gott habe seine Schechina auf den Propheten sowie auf den Urim und Tummim ruhen lassen.
Israel war also nicht darauf angewiesen, Gottes Willen auf den Wegen der Nationen zu erforschen. Der Ewige selbst offenbarte sich seinem Volk.
Die Propheten spielten dabei eine wichtige Rolle für die Bewahrung Israels. Sie brachten Israel immer wieder zur Torah zurück, deckten Übertretungen auf, erinnerten an den Bund und verkündigten das Wort Gottes für ihre jeweilige Generation. Solange die prophetische Offenbarung in Israel vorhanden war, hatte das Volk Männer in seiner Mitte, auf denen die Schechina ruhte und durch die Gott zu seinem Volk sprach.
Darum heißt es:
„auf ihn sollst du hören!“
Die Autorität lag dabei selbstverständlich nicht darin, dass ein Prophet eine neue Torah schaffen konnte, sondern in der Aufgabe, Gottes Wort an Israel weiterzugeben und das Volk zur Treue gegenüber dem bereits gegebenen Bund zu rufen.
Doch ist damit bereits alles gesagt? Müssen wir 5. Mose 18,15 ausschließlich als Hinweis auf die Reihe der Propheten verstehen?
Wie der erste Erlöser, so der letzte
Innerhalb der jüdischen Überlieferung finden wir noch einen weiteren interessanten Gedanken. Mose wird nämlich nicht nur als Prophet und Lehrer Israels betrachtet. Er ist auch der erste große Erlöser Israels.
Er war es, den Gott nach Ägypten sandte. Durch ihn wurde Israel aus der Knechtschaft geführt. Durch ihn gab Gott die Torah. Unter seiner Führung zog das Volk aus Ägypten in Richtung des verheißenen Landes.
Und gerade diese Rolle Moses wird in der jüdischen Überlieferung mit dem zukünftigen Erlöser Israels in Verbindung gebracht.
In Kohelet Rabbah 1,9 heißt es:
כגואל הראשון כך גואל האחרון „Wie der erste Erlöser, so der letzte Erlöser.“
Der Midrasch zieht anschließend mehrere Parallelen. Wie Mose, der erste Erlöser, mit einem Esel verbunden war, so wird auch der letzte Erlöser auf einem Esel kommen, entsprechend Sacharja 9,9. Wie zur Zeit des ersten Erlösers das Manna gegeben wurde, so wird auch mit dem letzten Erlöser eine entsprechende Versorgung verbunden sein (Psalm 72,16). Ebenso wird die Gabe des Wassers in der Wüste mit der zukünftigen Erlösung verglichen (Joel 4,18).
Der Gedanke ist bemerkenswert: Die Erlösung durch Mose wird zu einem Muster für die zukünftige Erlösung. Der kommende Erlöser Israels trägt gewissermaßen Züge des ersten Erlösers.
Das bedeutet noch nicht, dass Kohelet Rabbah 5. Mose 18,15 ausdrücklich auf den Messias auslegt. Das sollten wir dem Midrasch auch nicht unterstellen. Doch er zeigt uns, dass die Vorstellung eines zukünftigen Erlösers, dessen Wirken demjenigen Moses entspricht, dem jüdischen Denken keineswegs fremd ist.
Und genau an dieser Stelle wird die Aussage aus Schoftim für uns besonders interessant.
Jeschua – der Prophet wie Mose?
In der Berit Chadascha, dem Neuen Testament, wird diese Verbindung ausdrücklich hergestellt. Petrus zitiert die Worte aus unserer Paraschah und bezieht sie auf Jeschua:
Denn Mose hat zu den Vätern gesagt: »Einen Propheten wie mich wird euch der Herr, euer Gott, erwecken aus euren Brüdern; auf ihn sollt ihr hören in allem, was er zu euch reden wird«.
(Apostelgeschichte 3,22; Schlachter 2000)
Auch Stephanus greift dieselbe Stelle auf:
Das ist der Mose, der zu den Söhnen Israels gesagt hat: »Einen Propheten wie mich wird euch der Herr, euer Gott, erwecken aus euren Brüdern; auf ihn sollt ihr hören!«
(Apostelgeschichte 7,37; Schlachter 2000)
Damit wird 5. Mose 18 nicht gegen die fortlaufende prophetische Auslegung Raschis ausgespielt. Es kann sehr wohl wahr sein, dass Gott nach Mose „von Prophet zu Prophet“ Männer erweckte, auf die Israel hören sollte. Gleichzeitig kann die Reihe der Propheten auf einen besonderen Propheten zulaufen, in dem die Mose-Verheißung ihre besondere und endgültige Erfüllung findet.
Und tatsächlich finden wir bei Jeschua auffällige Parallelen zu Mose.
Mose stand in einer einzigartigen Nähe zu Gott. Über ihn heißt es:
Und der HERR redete mit Mose von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freund redet.
(2. Mose 33,11; Schlachter 2000)
Von Jeschua lesen wir etwas, das noch darüber hinausgeht. Er sagt:
Nicht, dass jemand den Vater gesehen hätte; nur der, welcher von Gott ist, der hat den Vater gesehen.
(Johannes 6,46; Schlachter 2000)
Mose kannte Gott „von Angesicht zu Angesicht“. Jeschua aber beansprucht in einzigartiger Weise, den Vater gesehen zu haben. Noch deutlicher wird dies in dem Abschnitt aus Johannes, der zu unserer Paraschah gelesen werden kann. Als Philippus zu Jeschua sagt: „Herr, zeige uns den Vater“, antwortet dieser:
So lange Zeit bin ich bei euch, und du hast mich noch nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, der hat den Vater gesehen.
(Johannes 14,9; Schlachter 2000)
Das ist eine gewaltige Aussage. Mose konnte Gottes Wort mit einer Klarheit empfangen, die keinem anderen Propheten gegeben war. Jeschua dagegen spricht nicht lediglich davon, eine Botschaft Gottes empfangen zu haben. Er beschreibt eine einzigartige Gemeinschaft mit dem Vater:
Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch rede, rede ich nicht aus mir selbst; und der Vater, der in mir wohnt, der tut die Werke.
(Johannes 14,10; Schlachter 2000)
Hier wird verständlich, weshalb Jeschua tatsächlich als der Prophet „wie Mose“ verstanden werden kann – und zugleich größer als Mose ist.
Größer als Mose
Mose bleibt der große Lehrer und Prophet Israels. Die Schriften des Neuen Bundes nehmen ihm diese Ehre keineswegs. Im Gegenteil: Auch dort wird seine einzigartige Treue hervorgehoben.
Doch der Messias steht noch einmal an einer anderen Stelle. Der Hebräerbrief bringt dies besonders deutlich zum Ausdruck:
Und Mose war treu in seinem ganzen Haus als Diener, zum Zeugnis dessen, was verkündigt werden sollte, Christus aber als Sohn über sein eigenes Haus.
(Hebräer 3,5-6; Schlachter 2000)
Hier liegt der entscheidende Unterschied. Mose ist der treue Diener im Haus. Der Messias ist der Sohn über dem Haus.Damit wird Mose nicht erniedrigt. Gerade seine Größe macht den Vergleich so eindrücklich. Wenn Mose der Meister der Propheten ist, dann muss derjenige, der über ihm steht, eine noch außergewöhnlichere Stellung besitzen.
Jeschua ist nach dem Zeugnis des Neuen Bundes nicht lediglich ein weiterer Prophet in der Reihe der Propheten. Er ist der Sohn. Nach seiner Auferstehung wird er zur Rechten Gottes erhöht. David hatte prophetisch gesprochen:
Der HERR sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde hinlege als Schemel für deine Füße!
(Psalm 110,1; Schlachter 2000)
Diese Stelle wird im Neuen Testament mehrfach auf den Messias bezogen. Jeschua selbst greift sie auf (Matthäus 22,41-46), und Petrus verkündet nach seiner Auferstehung und Himmelfahrt, dass Gott ihn zum Herrn und Messias gemacht hat (Apostelgeschichte 2,32-36).
Mose stand vor Gott. Der Messias sitzt zur Rechten Gottes. Mose war der treue Knecht in Gottes Haus. Der Messias ist der Sohn über dem Haus. Mose vermittelte Israel die Worte Gottes. Jeschua sagt, dass die Worte, die er redet, vom Vater kommen.
Mose führte Israel aus der Knechtschaft Ägyptens. Jeschua führt aus der Knechtschaft der Sünde und bringt die endgültige Erlösung.
Damit erhält auch die rabbinische Aussage eine für uns besondere Tiefe:
„Wie der erste Erlöser, so der letzte Erlöser.“
Der letzte Erlöser ähnelt dem ersten – und doch überragt er ihn.
Auf ihn sollt ihr hören
Vielleicht liegt aber gerade in den letzten Worten von 5. Mose 18,15 der Punkt, der für unser Leben am wichtigsten ist: „Auf ihn sollst du hören!“
Es genügt nicht, darüber zu diskutieren, wer dieser Prophet ist. Wenn Jeschua der von Mose angekündigte Prophet und der Messias Israels ist, dann verlangt diese Erkenntnis eine Antwort.
Wir sollen auf ihn hören. Und genau hier wird unsere Paraschah ganz praktisch.
Wir können viel Torah lernen. Wir können jüdische Kommentare studieren, hebräische Begriffe untersuchen und uns mit den unterschiedlichen Auslegungen unserer Weisen beschäftigen. Das alles ist wertvoll. Doch das Ziel unseres Lernens darf niemals allein Wissen sein. Torah soll unser Leben verändern.
Das beginnt in unseren Häusern. Wie reden wir miteinander? Wie gehen Ehemann und Ehefrau miteinander um? Wie behandeln wir unsere Kinder? Wie reagieren wir, wenn jemand einen Fehler macht? Wie gehen wir mit Konflikten um? Wie verbringen wir unseren Schabbat? Welche Priorität hat Gottes Wort in unserem Familienalltag?
Gerade in einer Familie zeigt sich sehr schnell, ob wir das Wort Gottes nur kennen oder ob wir tatsächlich darauf hören.
Mose war „treu in seinem ganzen Haus“. Diese Formulierung aus 4. Mose 12,7 ist bemerkenswert. Treue gegenüber Gott zeigt sich nicht nur in großen geistlichen Augenblicken. Sie zeigt sich auch im Haus.
Wenn Gott sagt: „Auf ihn sollt ihr hören“, dann wollen wir lernen, als Familie auf den Messias zu hören. Wir wollen lernen, einander zu lieben, einander zu vergeben, wahrhaftig miteinander umzugehen, den Schwachen zu tragen und Gottes Gebote nicht nur mit unseren Lippen, sondern mit unserem Leben zu ehren.
Unsere Kinder lernen Torah schließlich nicht nur aus dem Chumasch. Sie lernen Torah auch dadurch, wie Vater und Mutter miteinander reden. Sie lernen etwas über Vergebung, wenn sie sehen, wie wir nach einem Streit wieder aufeinander zugehen. Sie lernen etwas über Barmherzigkeit, wenn wir geduldig mit ihren Fehlern umgehen. Und sie lernen etwas über die Treue Gottes, wenn sie erleben, dass sein Wort in unserem Haus nicht nur am Schabbat geöffnet wird, sondern unseren Alltag prägt.
Fazit
Die besondere Stellung Moses steht außer Frage. Die Torah selbst bezeugt, dass kein Prophet in Israel aufstand wie Mose. Rambam bezeichnet ihn deshalb zu Recht als den „Meister aller Propheten“.
Gleichzeitig verheißt Mose in unserer Paraschah Schoftim, dass Gott einen Propheten „wie mich“ erwecken wird. Raschi sieht darin zunächst die fortlaufende prophetische Führung Israels: von Prophet zu Prophet. Gott ließ sein Volk nicht ohne Zeugnis.
Doch die jüdische Überlieferung kennt zugleich die Hoffnung auf einen letzten Erlöser, dessen Wirken dem ersten Erlöser Mose entsprechen wird: „Wie der erste Erlöser, so der letzte Erlöser.“
Im Neuen Bund wird diese Hoffnung mit Jeschua verbunden. Er ist der Prophet wie Mose, auf den Israel hören soll. Und doch ist er mehr als Mose: Mose ist der treue Diener; der Messias ist der Sohn. Mose kannte Gott von Angesicht zu Angesicht; Jeschua sagt, dass er den Vater gesehen hat und dass derjenige, der ihn sieht, den Vater sieht. Mose führte Israel aus Ägypten; der Messias führt sein Volk zur endgültigen Erlösung.
Darum endet unsere Betrachtung dort, wo die Torah selbst ihren Schwerpunkt setzt:
„Auf ihn sollst du hören!“
Möge der Ewige uns helfen, nicht nur Hörer und Lernende seiner Torah zu sein, sondern Menschen, die danach leben. Und möge dies besonders in unseren Familien sichtbar werden – damit unsere Häuser Orte werden, an denen Gottes Wort geliebt, gelehrt und gelebt wird und an denen die nächste Generation lernt, auf den zu hören, den Gott gesandt hat.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
