Schemot – Die fruchtbaren Israeliten im Exil
Mit der Lesung Schemot schließen wir das Buch Bereschit ab und landen mitten im Exil der Kinder Israels. Die Lesung Wajechi endete mit dem Tod und Begräbnis von Jakob. Die jüdische Überlieferung teilt uns mit, dass mit dem Tod des Patriarchen auch das Exil seiner Nachkommen begann.
Doch mit diesem Exil in Ägypten war längst nicht alles verloren. Im Gegenteil, die Zeit in Ägypten diente lediglich der Vorbereitung auf die große Erlösung. Schauen wir uns diesen Zusammenhang einmal genauer an.
Paraschat Schemot
2. Mose 1,1-6,1
Jesaja 27,6-28,13; 29,22-23; Matthäus 2,1-12
Schemot: Dies sind die Namen
Die Paraschah Schemot beginnt mit den folgenden Worten:
Und dies sind die Namen der Söhne Israels, die nach Ägypten gekommen waren; sie kamen mit Jakob, jeder mit seinem Haus: …
(2. Mose 1,1; Schlachter 2000)
Nun ist uns bereits bekannt, welche Personen aus der Familie Jakobs nach Ägypten kamen. Die Lesung Wajigasch enthält eine ausführliche Liste der insgesamt 70 Seelen. Warum also die Wiederholung in Schemot?
Eine der möglichen Antworten besteht darin, dass in der obigen Formulierung deutlich wird, dass zwei Lager nach Ägypten kamen. Jakob erkannte bereits vor der Begegnung mit Esau, dass er inzwischen zu zwei Lagern geworden war (1. Mose 32,1-3). Ein Lager bestand aus seiner Familie. Das andere Lager bestand aus den Engeln, die Gott ihm zur Seite gestellt hatte.
Und so verwundert es nicht, dass nicht nur die 12 Söhne des irdischen Patriarchen ins Exil gingen, sondern mit ihnen die Söhne Israels, das himmlische Heerlager der Engel. Die Hebräer waren also zu keinem Zeitpunkt allein. Gott war mit ihnen und wachte über sie, auch im Exil.
Der neue König
Nachdem Jakob gestorben war, begann also das Exil für seine Kinder. Doch wurden sie nicht gleich über Nacht zu Sklaven. Die Entwicklung vollzog sich schrittweise. Der nächste Meilenstein war der Tod von Joseph. Denn nachdem der erste Sohn der Rahel gestorben war, kam ein neuer König auf, der nichts von Joseph wusste. Oder kannte er ihn doch?
Da kam ein neuer König auf über Ägypten, der nichts von Joseph wusste.
(2. Mose 1,8; Schlachter 2000)
Hier gehen die Meinungen der Kommentatoren auseinander. Die einen sagen, es war tatsächlich ein neuer König. Die anderen sagen, dass sich derselbe König nur anders verhalten habe. Jedoch sind sich alle einig, dass er Joseph sehr wohl noch kannte, diese Tatsache jedoch öffentlich verleugnete. Doch warum?
Midrasch Tanchuma Schemot 5:1 erzählt die Geschichte, dass zunächst das Volk Ägyptens die Hebräer töten wollte. Der Pharao jedoch versuchte, sie zu beschwichtigen, und wies darauf hin, dass doch Joseph für deren Überleben in der Hungersnot verantwortlich war. Warum sollten die Ägypter die Hebräer angreifen?
Daraufhin wurde der Pharao abgesetzt. Doch weil er sich an seine Macht klammerte, gab er ihrem Begehren nach, leugnete öffentlich, Joseph gekannt zu haben, und begann, das Volk zu versklaven.
Die fruchtbaren Hebräer
Eine der Ursachen für die feindselige Stimmung der Ägypter gegen die Kinder Israels war deren Fruchtbarkeit. Es heißt im Text von Schemot:
Aber die Kinder Israels waren fruchtbar, regten und mehrten sich und wurden so zahlreich, dass das Land von ihnen voll wurde.
(2. Mose 1,7; Schlachter 2000)
Auch in diesem Vers steckt aber noch eine weit tiefere Ebene, als der erste Blick es offenbart. Wie wir gesehen haben, war Gott mit den Söhnen Jakobs ins Exil gegangen. Und so wirkte er auch für deren Fruchtbarkeit.
Bei der Betrachtung des hebräischen Verses kamen die jüdischen Weisen zu einem Schluss, der auf den ersten Blick seltsam wirkt. Schauen wir uns zunächst den hebräischen Text:
וּבְנֵ֣י יִשְׂרָאֵ֗ל פָּר֧וּ וַֽיִּשְׁרְצ֛וּ וַיִּרְבּ֥וּ וַיַּֽעַצְמ֖וּ בִּמְאֹ֣ד מְאֹ֑ד וַתִּמָּלֵ֥א הָאָ֖רֶץ אֹתָֽם
(2. Mose 1,7 – Hervorhebung durch den Verfasser)
Die Fruchtbarkeit der Israeliten wird mit 6 Wörtern beschrieben, welche im obigen Vers fett markiert sind. Aus dieser Tatsache schlussfolgert der Midrasch, dass jede Frau 6 Kinder auf einmal bekam.
Auch wenn dies eine Übertreibung sein mag, so birgt der Midrasch hier eine tiefe symbolische Offenbarung.
Zusammenfassung der Puzzleteile zu Schemot
Die Zahl sechs steht für die Erschaffung des Menschen. Allerdings war es auch der sechste Tag, an dem der Mensch sündigte und damit den Schabbat verpasste. Eine logische Folge wäre ewige Knechtschaft gewesen, denn Adam und seine Frau verfehlten die Heiligkeit des Schabbats.
Doch Gott schuf einen Weg aus dieser Misere – das Exil außerhalb des Garten Edens, unter Bearbeitung eines verfluchten Bodens.
Die Welt außerhalb des Gartens steht symbolisch für das Exil in Ägypten, für die schwere Arbeit und die Entbehrungen, die der Verlust der Heiligkeit mit sich bringt. Doch auch in diesem Exil ist Gott mit Israel. Und auch wenn der Pharao sich gibt, als würde er Joseph und seinen Gott nicht kennen, so wird sich der Schöpfer von Himmel und Erde bei ihm wieder in Erinnerung rufen.
Wenn die Zeit reif ist, wird Gott sein Volk erlösen. Das Vorbild für diese Erlösung ist der wöchentliche Schabbat. Sechs Tage arbeiten und am siebten Tag ruhen.
Dabei dienen die sechs Wochentage der Vorbereitung auf den Schabbat. Und so ist auch das Exil eine Vorbereitung auf die Erlösung und das messianische Zeitalter.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
