Schelach – Die Freiheit, falsche Entscheidungen zu treffen
Die Paraschah Schelach gehört zu den bedeutendsten Abschnitten der Torah. Sie berichtet von der Aussendung der zwölf Kundschafter in das verheißene Land Kanaan. Damit befinden wir uns nach der Lesung Beha’alotcha nun endgültig auf dem Weg durch die Wüste.
Auf den ersten Blick scheint die Geschichte vor allem von Angst, Unglauben und den Folgen falscher Entscheidungen zu handeln. Doch wenn wir genauer hinsehen, entdecken wir eine wichtige Lektion über Freiheit, Verantwortung und Gottes Umgang mit uns Menschen.
Die Ereignisse in Schelach zeigen uns, dass Gott nicht jeden Irrweg verhindert. Er lässt dem Menschen die Möglichkeit, eigene Entscheidungen zu treffen – selbst dann, wenn diese Entscheidungen schmerzhafte Konsequenzen nach sich ziehen. Damit stellt die Lesung eine wichtige Lehre zum Thema Verantwortung dar.
Paraschat Schelach
4. Mose 13,1-15,41
Josua 2,1-24; Matthäus 10,1-14
Schelach – Wer wollte die Kundschafter eigentlich aussenden?
Auf den ersten Blick erscheint es so, als ob Gott Mose den Auftrag gab, Kundschafter in das Land zu schicken. Doch ein genauer Blick auf die Schrift zeigt ein anderes Bild.
Im fünften Buch Mose erinnert Mose das Volk an die damaligen Ereignisse:
Da kamt ihr alle her zu mir und spracht: Lasst uns Männer vor uns hersenden, die für uns das Land erkunden und uns Bericht bringen über den Weg, den wir ziehen, und die Städte, in die wir kommen sollen!
(5. Mose 1,22, Schlachter 2000 – Hervorhebung durch den Verfasser)
Die Initiative ging also vom Volk aus. Die Israeliten wollten sich selbst absichern. Obwohl Gott ihnen bereits mehrfach versprochen hatte, dass das Land gut sei und er sie hineinführen würde (2. Mose 6,8), wollten sie Beweise dafür sehen.
Als Mose daraufhin den Herrn befragte, antwortete Gott:
Sende Männer aus, dass sie das Land Kanaan auskundschaften, das ich den Kindern Israels geben will. Von jedem Stamm ihrer Väter sollt ihr einen Mann schicken, lauter Fürsten aus ihrer Mitte!
(4. Mose 13,2, Schlachter 2000 – Hervorhebung durch den Verfasser)
Im Hebräischen steht hier jedoch nicht einfach „sende Männer aus“, sondern שְׁלַח־לְךָ (Schelach lecha).
Das Wort לְךָ (lecha) bedeutet wörtlich „für dich“ oder „für dich selbst“. Rashi weist deshalb darauf hin, dass Gott Mose hier keinen ausdrücklichen Befehl erteilt. Vielmehr sagt Er sinngemäß: „Wenn du sie senden möchtest, dann sende sie.“
Gott wusste, dass das Land gut war und hat es den Hebräern auch mitgeteilt. Auch seine Führung hatte er ihnen zugesichert. Damit löste er sein Versprechen gegenüber Abraham, Isaak und Jakob ein (1. Mose 13,15). Die Kundschafter waren nicht nötig, um Gottes Plan gelingen zu lassen. Sie waren nur nötig, weil das Volk seinem Wort nicht vollständig vertraute.
Was Schelach über den freien Willen lehrt
Eine der bemerkenswertesten Lektionen aus Schelach besteht darin, dass Gott den Menschen die Freiheit lässt, falsche Wege einzuschlagen.
Gott hätte die Sendung der Kundschafter verhindern können. Er hätte sagen können: „Nein, ihr braucht keine Kundschafter. Vertraut einfach meinem Wort.“ Doch das tat er nicht.
Der Herr ließ zu, dass Mose dem Wunsch des Volkes nachkam. Er ließ zu, dass die Kundschafter ausgesandt wurden. Er ließ sogar zu, dass zehn von ihnen mit einem entmutigenden Bericht zurückkehrten und das Volk in Angst versetzten.
Doch wozu das alles? Was möchte uns Gott damit zeigen?
Die Botschaft dahinter lautet: Echte Liebe und echter Glaube setzen Freiheit voraus. Gott zwingt niemanden zum Vertrauen. Er zwingt niemanden zum Gehorsam. Er zeigt den Weg, aber er lässt dem Menschen die Entscheidung.
Dieses Prinzip zieht sich durch die gesamte Bibel. Bereits im Garten Eden am Baum der Erkenntnis stellte Gott den Menschen vor eine Wahl. Auch später ruft Mose dem Volk zu:
… so erwähle nun das Leben, damit du lebst, du und dein Same, …
(5. Mose 30,19b, Schlachter 2000)
Eine Wahl ist nur dann eine echte Wahl, wenn auch die Möglichkeit besteht, den falschen Weg zu gehen.
Die Folgen des Unglaubens
Als die Kundschafter zurückkehrten, bestätigten sie zunächst Gottes Verheißung.
Und sie erzählten ihm und sprachen: Wir sind in das Land gekommen, in das du uns sandtest, und es fließt wirklich Milch und Honig darin, und dies ist seine Frucht.
(4. Mose 13,27, Schlachter 2000)
Hier wird eines ganz deutlich: Das Problem war also nicht das Land. Das Problem war die Sichtweise der 10 Kundschafter.
Sie konzentrierten sich auf die Schwierigkeiten. Sie sahen befestigte Städte, starke Völker und Riesen. Nur Kaleb und Josua blickten auf Gottes Zusagen.
Das heißt, die Mehrheit ließ sich von Angst bestimmen. Doch Angst ist nie ein guter Ratgeber. Vielmehr ist sie das Gegenteil von Glauben (Markus 4,40).
Wie oft geschieht uns das ebenfalls? Gott öffnet eine Tür, schenkt eine Verheißung oder zeigt einen Weg. Doch statt auf seine Treue zu schauen, richten wir unseren Blick auf Hindernisse, Risiken und mögliche Probleme. Doch Gottes Zusagen werden nicht dadurch unwahr, dass Schwierigkeiten existieren.
Kaleb und Josua – Ein anderer Geist
Doch in dieser Misere zeigt uns Schelach einen Lichtblick. Mitten in der negativen Stimmung treten zwei Männer hervor.
Über Kaleb sagt Gott später:
Aber meinen Knecht Kaleb, in dem ein anderer Geist ist und der mir völlig nachgefolgt ist, ihn will ich in das Land bringen, in das er gegangen ist, und sein Same soll es als Erbe besitzen.
(4. Mose 14,24, Schlachter 2000)
Kaleb und Josua sahen dieselben Städte, dieselben Mauern und dieselben Riesen wie die anderen Kundschafter. Der Unterschied lag nicht in ihren Augen, sondern in ihrem Herzen.
Sie glaubten, dass Gottes Macht größer ist als jedes Hindernis.
Auch wir stehen oft vor Situationen, die uns überfordern. Herausforderungen in der Familie, Schwierigkeiten im Beruf oder geistliche Kämpfe können wie unüberwindbare Mauern erscheinen. Doch der Glaube blickt nicht zuerst auf die Größe des Problems, sondern auf die Größe Gottes.
Was wir aus Schelach für unser Leben lernen können
Die Paraschah Schelach fordert uns heraus, unser eigenes Vertrauen zu prüfen.
Verlangen wir ständig nach zusätzlichen Beweisen, obwohl Gott bereits gesprochen hat?
Warten wir auf absolute Sicherheit, bevor wir einen Schritt des Glaubens wagen?
Oder sind wir bereit, Gottes Wort mehr zu vertrauen als unseren Ängsten?
Gott gibt uns Freiheit. Er lässt uns Entscheidungen treffen. Er lässt sogar zu, dass wir falsche Wege einschlagen. Doch gleichzeitig ruft er uns immer wieder zurück in das Vertrauen auf seine Verheißungen.
Die Geschichte der Kundschafter zeigt, dass Unglaube oft nicht mit mangelnden Informationen zusammenhängt. Die Israeliten hatten genügend Beweise für Gottes Macht gesehen. Das eigentliche Problem lag im Herzen. Darum beginnt echter Glaube nicht mit besseren Umständen, sondern mit der Entscheidung, Gottes Wort ernst zu nehmen und darauf zu bauen.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
