Re’eh – Die Autorität und Grenzen der rabbinischen Tradition
In diesem Kommentar zu Re’eh schauen wir uns einen scheinbaren Widerspruch an, der sich innerhalb des Textes der Paraschah ergibt. Denn beim Blick auf das traditionelle orthodoxe Judentum stellen wir schnell fest, dass es da eine ganze Reihe von Regeln gibt, die nicht direkt in der Torah zu finden sind.
Dennoch werden viele dieser Regeln als verbindlich betrachtet. Und so stellt sich für den Außenstehenden schnell die Frage, wie das mit dem Verbot der Torah, ein Gebot hinzuzufügen, zu vereinbaren sei. In diesem Beitrag versuchen wir diesen Widerspruch aufzuklären.
Paraschat Re’eh
5. Mose 11,26-16,17
Jesaja 54,11-55,5; Johannes 6,35-51
Re’eh und das Verbot die Torah zu verändern
Einer der Schlüsselverse aus Re’eh lautet:
Das ganze Wort, das ich euch gebiete, das sollt ihr bewahren, um es zu tun; du sollst nichts zu ihm hinzufügen und nichts von ihm wegnehmen!
(5. Mose 13,1; Schlachter 2000)
Mit diesem Satz erinnerte Mose das Volk Israel daran, dass die Torah des Allmächtigen vollständig und vollkommen ist. Sie darf weder verkürzt noch erweitert werden. Das bedeutet, dass keine Gebote hinzugefügt oder weggenommen werden dürfen.
Auf den ersten Blick erscheint es jedoch so, als würde das rabbinische Judentum dieses Verbot missachten. Zudem finden wir Aussagen in den Evangelien wie diese:
Denn die Pharisäer und alle Juden essen nicht, wenn sie sich nicht zuvor gründlich die Hände gewaschen haben, weil sie die Überlieferung der Alten halten. Und wenn sie vom Markt kommen, essen sie nicht, ohne sich gewaschen zu haben. Und noch vieles andere haben sie zu halten angenommen, nämlich Waschungen von Bechern und Krügen und ehernem Geschirr und Polstern. …
Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Trefflich hat Jesaja von euch Heuchlern geweissagt, wie geschrieben steht: »Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, doch ihr Herz ist fern von mir. Vergeblich aber verehren sie mich, weil sie Lehren vortragen, die Menschengebote sind.«
(Markus 7,3-4.6-7; Schlachter 2000)
Es sieht also ganz so aus, als hätten die Pharisäer damals ein eigenes Rechtssystem entwickelt und die Torah damit erweitert und verwässert. Nun, da ist sogar ein Stück Wahrheit drin. Wir kommen noch einmal darauf zurück. Doch schauen wir uns zunächst einmal an, auf welchem Rechtsrahmen die Pharisäer standen.
Die Autorität der Richter
Wenn wir von der Lesung Re’eh ausgehend einige Kapitel weiterschauen, begegnen wir einer interessanten Information. Gott wies das Volk an, Richter in den Toren der Städte einzusetzen. Diese Richter sollten über Rechtsfälle entscheiden. War es ihnen zu schwer und sie kamen nicht zu einem Beschluss, sollten sie den Fall nach Jerusalem geben (5. Mose 17,8-13).
Spannend ist allerdings die folgende Information:
Nach dem Gesetz, das sie dich lehren, und nach dem Urteil, das sie dir fällen, sollst du handeln; du sollst von dem Urteilsspruch, den sie dir verkünden, weder zur Rechten noch zur Linken abweichen. Der Mann aber, der so vermessen wäre, dass er dem Priester, der dort steht, um dem HERRN, deinem Gott, zu dienen, oder dem Richter nicht gehorcht, jener Mann soll sterben! So sollst du das Böse aus Israel ausrotten.
(5. Mose 17,11-12; Schlachter 2000)
Das Wort der Richter sollte so viel Gewicht haben, dass derjenige getötet werden sollte, wenn er davon abwich. Im Grunde hat Gott hier einzelnen Menschen eine ähnliche Autorität gegeben, wie ER sie selbst innehat.
Wenn ein Hebräer von einem bestimmten Toragebot abweicht, findet er den Tod. Wobei nur bestimmte Übertretungen tatsächlich die Todesstrafe vorsehen. Weicht er von einem Urteilsspruch der Richter ab, findet er den Tod. In dieser Betrachtung scheint der Richterspruch noch größeres Gewicht zu haben, als manche Gebote der Torah. Und Gott selbst hat diese Ordnung so gefügt.
Doch wer waren diese Richter in Jerusalem? Die Meinungen sind hier nicht ganz einheitlich, allerdings sehen wir bereits in der Wüste, dass es eine ähnliche Struktur gab. Jethro empfahl Mose, das Volk in verschiedene Richter und Vorsteher aufzuteilen. Diese sollten das Volk richten und Mose selbst nur die schwierigen Rechtsfälle übernehmen (2. Mose 18,13-27).
Doch Mose stellte irgendwann fest, dass er die Last des Volkes immer noch nicht allein tragen konnte. Und so stellte ihm Gott noch 70 Älteste an die Seite (4. Mose 11,16-17). Und so bestand das oberste Gericht aus 71 Männern, die mit einer entsprechenden Salbung ausgestattet waren – der Salbung von Mose.
An dieser Stelle wird es interessant. Denn laut Rambam wurde diese Smicha (Handauflegung, mit der die Salbung übertragen wurde) bis in die Zeit des Talmuds von Mose lückenlos an die nächste Generation weitergegeben. Damit gab es eine Kette an Ältesten und Richtern, die über Jahrhunderte hinweg in der Autorität Moses Entscheidungen treffen konnten. Damit bekommt Jeschuas Aussage, dass die Pharisäer in Moses Stuhl sitzen würden, eine klare Dimension (Matthäus 23,1-3).
Doch welche Entscheidungen waren das?
Eine tiefere Betrachtung der vorherigen Verse
Gehen wir noch einmal zurück zu unserem Ausgangsvers aus Re’eh.
Das ganze Wort, das ich euch gebiete, das sollt ihr bewahren, um es zu tun; du sollst nichts zu ihm hinzufügen und nichts von ihm wegnehmen!
(5. Mose 13,1; Schlachter 2000)
Raschi kommentiert hierzu, dass das Hinzufügen darin bestehen könnte, dass man etwa 5 Arten statt 4 im Lulav hat. Oder 5 Schriftrollen statt 4 in den Tefillin. Nun, das ist eine Art des Verständnisses. Damit wäre es verboten, die bestehenden Gebote aufzublähen oder zu verändern.
Doch genauso ist es verboten, neue Gebote hinzuzufügen und zu behaupten, diese kämen von Gott. Was aber sehr wohl erlaubt und notwendig ist, ist die Konkretisierung und Ausgestaltung der 613 Gebote. Und dies geschieht über die mündliche Torah, die bereits Teil der Offenbarung am Sinai war.
Bei genauerer Betrachtung des hebräischen Textes sehen wir das auch in Bezug auf die Richter in Jerusalem. Devarim 17,8 liest sich im Hebräischen wie folgt:
כִּ֣י יִפָּלֵא֩ מִמְּךָ֨ דָבָ֜ר לַמִּשְׁפָּ֗ט בֵּֽין־דָּ֨ם ׀ לְדָ֜ם בֵּֽין־דִּ֣ין לְדִ֗ין וּבֵ֥ין נֶ֙גַע֙ לָנֶ֔גַע דִּבְרֵ֥י רִיבֹ֖ת בִּשְׁעָרֶ֑יךָ וְקַמְתָּ֣ וְעָלִ֔יתָ אֶ֨ל־הַמָּק֔וֹם אֲשֶׁ֥ר יִבְחַ֛ר יְהֹוָ֥ה אֱלֹהֶ֖יךָ בּֽוֹ׃
Wenn es dir zu schwer wird, ein Urteil zu fällen in Sachen eines Mordes oder eines Streites oder einer Körperverletzung, bei irgendeiner Streitsache, die innerhalb deiner Tore vorkommt, dann mache dich auf und geh hinauf an den Ort, den der HERR, dein Gott, erwählen wird.
(5. Mose 17,8; Schlachter 2000 – Hervorhebung durch den Verfasser)
Die fett markierten Stellen sind im Deutschen sehr frei übersetzt. Wir schauen uns die Stellen einmal Schritt für Schritt an und beleuchten, was Raschi dazu sagt:
- בֵּֽין־דָּ֨ם ׀ לְדָ֜ם (zwischen Blut und Blut): Raschi bezieht dies auf den Ausfluss einer Frau, der rein oder unrein sein könnte, etwa nach der Geburt eines Kindes.
- לְדָ֜ם בֵּֽין־דִּ֣ין לְדִ֗ין (zwischen Gericht und Gericht): Raschi bezieht dies auf die Entscheidung, ob ein Frei- oder ein Schuldspruch in einer Sache zu fällen sei.
- וּבֵ֥ין נֶ֙גַע֙ לָנֶ֔גַע (zwischen Plage und Plage): Raschi bezieht dies auf die Entscheidung, ob eine Plage (der Aussatz) rein oder unrein mache.
Anhand des Textes ist also zu sehen, dass Richter nicht nur über Schuld und Unschuld, sondern auch über konkrete halachische Fragen zu entscheiden hatten. Und daraus entstanden konkrete Gebote, deren Missachtung unter Todesstrafe stand.
Die sieben rabbinischen Gebote
Aus dieser Autorität der Richter leitet das rabbinische Judentum schließlich auch die sogenannten sieben rabbinischen Gebote ab. Diese wurden nicht als neue Offenbarungen verstanden, sondern als verbindliche Anordnungen des obersten Gerichtshofes. Ihre Verbindlichkeit beruht nach rabbinischem Verständnis auf dem Gebot aus 5. Mose 17,11, wonach Israel den Entscheidungen der Richter folgen soll.
Daher konnten die Rabbinen sogar über diese Gebote den Segensspruch sprechen: »Gelobt seist du, HERR, unser Gott, König der Welt, der uns durch seine Gebote geheiligt und uns geboten hat …«
Der Talmud stellt hierzu selbst die Frage: »Wo hat ER uns dies geboten?« (Schabbat 23a). Die Antwort lautet: in 5. Mose 17,11, wo Gott Israel aufträgt, von dem Urteil der Richter weder zur Rechten noch zur Linken abzuweichen.
Zu den klassischen sieben rabbinischen Geboten gehören:
- das Entzünden der Chanukkalichter,
- das Lesen der Estherrolle (Megillat Esther) an Purim,
- das Händewaschen vor dem Essen von Brot (Netilat Jadajim),
- das Errichten eines Eruv,
- das Entzünden der Schabbatkerzen,
- das Sprechen des Hallel an den festgelegten Tagen,
- das Sprechen der Segenssprüche (Berachot).
Nach rabbinischem Verständnis stellen diese Gebote daher keine Erweiterung der Torah dar, sondern die Ausübung jener Autorität, die Gott den Richtern selbst übertragen hatte. Ob 5. Mose 17 tatsächlich auch die Befugnis einschließt, allgemeine und dauerhaft verbindliche religiöse Gebote zu erlassen, oder sich ausschließlich auf die Entscheidung konkreter Rechtsfälle bezieht, ist allerdings eine Frage, die bis heute unterschiedlich beantwortet wird.
Fazit
Aus der Paraschah Re’eh sehen wir, dass Gottes Wort vollkommen ist und weder ergänzt noch verkürzt werden darf. Gleichzeitig zeigt die Torah selbst, dass Gott Richter eingesetzt hat, die schwierige Rechtsfragen entscheiden und das Volk in der Anwendung der Gebote anleiten sollten. Daraus entwickelte sich im Laufe der Geschichte die rabbinische Tradition mit ihren Auslegungen, Schutzvorschriften und später auch den rabbinischen Geboten.
Für uns als Torah-gläubige Nachfolger Jeschuas bedeutet das zweierlei: Zum einen sollten wir die Weisheit der jüdischen Ausleger nicht vorschnell verwerfen. Viele ihrer Entscheidungen helfen dabei, die Gebote Gottes besser zu verstehen und im Alltag anzuwenden. Zum anderen sind wir aufgefordert, jede Lehre – auch die rabbinische – an der Schrift zu prüfen und genau zu unterscheiden, wo es sich um verbindliche Gebote handelt und was im Brauchtum zu verorten ist.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
