Pinchas – Warum Gott nach einer Krise zuerst zählt
In der Paraschah Pinchas begegnen wir zunächst dramatischen Ereignissen. Israel hatte sich in Baal-Peor versündigt, eine Plage war über das Volk gekommen, in deren Folge viele Menschen starben. Gottes Gericht über die Unzucht zwischen den Hebräern und den Töchtern der Moabiter war ernst und konsequent. Immerhin starben dabei 24.000 Menschen.
Doch unmittelbar nach diesen Ereignissen verändert sich die Perspektive der Erzählung auf bemerkenswerte Weise. Statt weiterer Vorwürfe, statt einer langen Aufarbeitung der Schuld oder neuer Strafandrohungen lesen wir:
Und es geschah, als die Plage ein Ende hatte, da sprach der HERR zu Mose und Eleasar, dem Sohn Aarons, des Priesters: Ermittle die Zahl der ganzen Gemeinde der Kinder Israels von 20 Jahren an und darüber, nach ihren Vaterhäusern, von allen in Israel, die kriegstauglich sind!
(4. Mose 26,1–2; Schlachter 2000)
Warum folgt ausgerechnet jetzt eine Volkszählung? Auf den ersten Blick scheint sie lediglich organisatorischen Zwecken zu dienen. Das Land soll bald verteilt werden, deshalb müssen die Stämme gezählt werden. Doch die jüdischen Weisen erkennen darin noch eine tiefere Botschaft.
Paraschat Pinchas
4. Mose 25,10–30,1
Jeremia 1,1–2,3; Lukas 13,1-10
Gott zählt, weil ihm sein Volk am Herzen liegt
Raschi greift den Midrasch Tanchuma Pinchas 4 auf. Darin wird Gott mit einem Hirten verglichen, dessen Herde von einem Wolf angegriffen wurde. Nachdem die Gefahr vorüber war, begann der Hirte nicht etwa den Angriff zu analysieren und mögliche Abwehrstrategien für das nächste Mal zu entwickeln. Er belehrte die Schafe auch nicht, dass sie zukünftig besser aufpassen müssten.
Laut Midrasch würde der Hirte seine Schafe erst einmal zählen. Dabei stand aber nicht die Kontrolle im Vordergrund. Auch nicht die Ermittlung, ob es auch die Richtigen, die schwarzen Schafe, erwischt hätte.
Gott, der Hirte, zählte seine Schafe, weil ihm jedes einzelne Tier wichtig ist.
Was für ein bewegendes Bild! Der Ewige sieht nicht nur die Sünde seines Volkes. Er sieht auch die Menschen, die geblieben sind. Er richtet seinen Blick nicht ausschließlich auf das, was verloren ging, sondern ebenso auf diejenigen, die seine Fürsorge weiterhin benötigen.
Gericht und Fürsorge schließen sich nicht aus
Manchmal entsteht der Eindruck, Gottes Gerechtigkeit und seine Liebe stünden im Widerspruch zueinander. Doch die Paraschah Pinchas zeigt genau das Gegenteil.
Die Plage war real. Die Schuld wurde nicht verharmlost. Gottes Heiligkeit verlangte Konsequenzen.
Aber unmittelbar danach begegnet uns derselbe Gott als fürsorglicher Hirte.
Er ließ sein Volk nach der Krise nicht allein zurück. Er überließ sie nicht sich selbst, sondern sammelte sie und führte sie weiter bis ans Ziel.
Es gibt aber noch einen weiteren Aspekt, den Rashi herausstellt.
Mose gibt das Volk zurück
Als Mose berufen wurde, übernahm er die Verantwortung für ein Volk von 600.000 Männern (2. Mose 12,37). Er wusste also genau, für wie viele Seelen er vom Allmächtigen empfangen hatte. Es war nun also Moses Aufgabe, dieses Volk von 600.000 Männern sicher durch die Wüste zu leiten. Die 603.550 der ersten Zählung werden von Raschi in seinem Kommentar zu Schemot 30,16 so begründet, dass sich darunter 3.550 Männer befanden, die im ersten Jahr nach dem Auszug aus Ägypten 20 Jahre alt geworden sind.
In der Lesung Pinchas nähert sich Mose aber auch so langsam seinem Lebensende. Mit dem Buch Devarim, welches wir in den kommenden Wochen lesen, beginnt der letzte Monat des Leviten.
Mit seinem absehbaren Heimgang war es für Mose also an der Zeit, das Volk an Gott zurückzugeben. Er würde es nicht mehr führen können. Und so stellte der Allmächtige zu diesem Zeitpunkt noch einmal die Zahl der Kinder Israels fest.
Letztlich ist das Ergebnis eine Ehre für Mose.
Das sind die Gemusterten der Kinder Israels, 601 730.
(4. Mose 26,51; Schlachter 2000)
Mose konnte Gott die 600.000 zurückgeben und erreichte sogar einen kleinen Überschuss im Vergleich zur Ausgangslage. Er war dem Allmächtigen somit auch nichts mehr schuldig und konnte in Frieden gehen. Die Zeit seiner Leiterschaft von Gottes Familie wurde mit Moses Heimgang abgeschlossen.
Jeder Einzelne ist von Bedeutung
Jetzt einmal ehrlich: Überspringst du die Namensliste in der Regel? Wenn du die Frage mit JA beantwortest, ist das erst einmal kein Problem. Natürlich erscheinen Aufzählungen von verschiedenen Personen, von denen wir die meisten nicht kennen, etwas öde und langweilig.
Doch wir können sicher sein, dass Gott sich nicht langweilt. Im Gegenteil, er kennt jeden Einzelnen der Gezählten und freut sich über jeden Namen, der in diesem Kapitel auftaucht. Im Übrigen werden ja auch nicht Individuen einzeln gezählt. Nein, es werden ganze Familien und Sippen aufgelistet.
Dies zeigt nur umso mehr, wie wichtig Gott jeder einzelne Hebräer und sein entsprechender Familienverbund ist.
Wir sehen in Pinchas, dass Gottes Geschichte nicht nur aus großen Ereignissen besteht. Sie besteht aus Menschen. Aus Familien. Aus Vätern, Müttern und Kindern, deren Namen Gott kennt.
Gerade nach einer Zeit des Verlustes wird sichtbar, wie kostbar jeder Einzelne ist.
Vielleicht erinnert uns diese Volkszählung auch daran, dass Gott nicht nur auf das schaut, was fehlt. Er sieht ebenso das, was geblieben ist.
Pinchas zeigt einen Blick, der Hoffnung schenkt
Nach Krisen richten wir unseren Blick häufig automatisch auf das Negative. Wir stellen Fragen wie: Was ist schiefgelaufen? Wer hat Schuld? Was hätten wir besser machen können?
Diese Fragen sind nicht falsch. Manchmal müssen sie gestellt werden. Doch wenn sie dauerhaft unseren Blick bestimmen, verlieren wir leicht den Menschen hinter seinem Versagen aus den Augen.
Gott zeigt in der Paraschat Pinchas einen anderen Schwerpunkt. Nachdem das Gericht vollzogen ist, beginnt keine endlose Anklage. Auch eine intensive Fehleranalyse können wir nicht finden.
Stattdessen richtet sich Gottes Blick auf die Zukunft. Wer ist noch da? Wen darf ich weiterführen? Wen möchte ich bewahren? Diese Fragen öffnen eine Tür zur Hoffnung.
Was bedeutet das für unsere Familien?
Auch in Familien gehören Grenzen und Konsequenzen zur Erziehung. Kinder brauchen Orientierung. Sie müssen lernen, dass bestimmte Entscheidungen Folgen haben und Wahrheit manchmal auch unbequem ist.
Doch die Paraschat Pinchas weist uns auch darauf hin, dass Konsequenz niemals das eigentliche Ziel ist. Das Ziel ist immer der Mensch.
Wenn ein Kind einen Fehler gemacht hat, darf dieser Fehler nicht zum Mittelpunkt seiner Identität werden. Es soll wissen, dass sein Verhalten zwar angesprochen wird, seine Person aber nicht infrage steht.
Vielleicht können wir uns deshalb nach schwierigen Tagen dieselbe Frage stellen, die Gott sinnbildlich nach der Plage stellt: Sind eigentlich noch alle da? Nicht körperlich. Sondern mit ihrem Herzen. Fühlt sich unser Kind noch gesehen? Weiß es noch, dass es geliebt wird?
Hat es den Mut, nach einem Fehler wieder auf uns zuzukommen?
Wir Eltern tragen Verantwortung, unsere Kinder zu führen. Doch wir sind zugleich Hirten einer kleinen Herde. Ein guter Hirte zählt nicht nur, wenn alles gut läuft. Gerade nach Konflikten sucht er die Nähe seiner Schafe.
Vielleicht brauchen Kinder nach einer Auseinandersetzung weniger lange Vorträge und mehr das ehrliche Signal: „Ich bin immer noch für dich da.“
Genau diese Haltung leuchtet in der Paraschat Pinchas auf. Gottes Heiligkeit bleibt bestehen. Seine Maßstäbe ändern sich nicht. Doch ebenso unverändert bleibt seine Liebe zu seinem Volk.
Das macht Hoffnung – für Israel damals und für unsere Familien heute.
Denn der Gott, der nach der Plage sein Volk zählt, ist derselbe Gott, der auch heute keinen seiner Menschen aus den Augen verliert.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
