Nitzavim / Wajelech – Das Wurmloch in Moab
In diesem Kommentar zu Nitzavim und Wajelech wollen wir einen Blick in die Astrophysik wagen. Keine Angst, es wird nicht zu theoretisch. Doch es ist immer wieder faszinierend, wie einheitlich die Sprache der modernen Wissenschaft und der Bibel doch oft ist.
Hast du schon einmal etwas von Wurmlöchern gehört? Vielleicht aus der Science-Fiction-Literatur? Aber wusstest du, dass wir ein sehr ähnliches Konzept auch in der Bibel finden können? Wir schauen es uns an.
Paraschat Nitzavim / Wajelech
5. Mose 29,9–31,30
Jesaja 61,10–63,9; Johannes 12,41–50
Was sind Wurmlöcher?
Um ein Wurmloch zu verstehen, müssen wir zunächst über Raum und Zeit sprechen. Nach Einsteins Relativitätstheorie sind Raum und Zeit nicht zwei völlig getrennte Dinge. Sie bilden zusammen die sogenannte Raumzeit. Und diese Raumzeit kann gekrümmt werden.
Stell dir dazu ein Blatt Papier vor. Auf die eine Seite malst du einen Punkt A und weit entfernt davon einen Punkt B. Möchtest du von A nach B gelangen, musst du normalerweise die gesamte Strecke über das Papier zurücklegen.
Nun faltest du aber das Blatt so, dass A und B direkt aufeinanderliegen. Wenn du jetzt ein Loch durch das Papier stichst, entsteht eine Abkürzung zwischen den beiden Punkten. Obwohl A und B auf dem Papier weit voneinander entfernt sind, gibt es plötzlich einen sehr kurzen Weg zwischen ihnen.

Ganz grob ist das die Idee eines Wurmlochs.
Ein solches Wurmloch wäre ein Tunnel durch die Raumzeit, der weit voneinander entfernte Punkte miteinander verbindet. In manchen theoretischen Überlegungen könnten dabei nicht nur unterschiedliche Orte, sondern sogar unterschiedliche Zeitpunkte miteinander verbunden werden.
Wichtig ist allerdings: Bis heute wurde kein Wurmloch beobachtet. Wir wissen nicht, ob solche Gebilde tatsächlich existieren oder ob ein durchquerbares Wurmloch überhaupt entstehen könnte. Sie sind zunächst mathematische und theoretische Konstrukte. Innerhalb der Allgemeinen Relativitätstheorie lassen sich jedoch Strukturen beschreiben, die dieser Vorstellung entsprechen.
Und genau dieses Bild ist erstaunlich hilfreich, wenn wir Nitzavim lesen.
Nitzavim – ein Wurmloch in Moab?
In Nitzavim befinden wir uns mit Israel in der Ebene von Moab. Das Volk steht kurz davor, in das verheißene Land zu ziehen. Mose versammelt die Menschen und erneuert mit ihnen den Bund.
Das hebräische Wort נִצָּבִים (Nitzavim) bedeutet so viel wie „ihr steht“. Und genau damit beginnt die Parascha: Das Volk steht vor Gott, um den Bund mit ihm zu erneuern.
Doch innerhalb der Erzählung findet sich eine merkwürdige Formulierung. Mose erklärt, mit wem dieser Bund geschlossen wird:
Denn ich schließe diesen Bund und diese Eidverpflichtung nicht mit euch allein, sondern sowohl mit dem, der heute hier mit uns steht vor dem HERRN, unserem Gott, als auch mit dem, der heute nicht hier bei uns ist.
(5. Mose 29,13-14; Schlachter 2000 – Hervorhebung durch den Verfasser)
Wer ist dieser Mensch, der nicht dort steht und gleichzeitig in den Bund eingeschlossen wird?
An dieser Stelle bekommt Nitzavim eine erstaunliche zeitliche Dimension. Der Bund bleibt nicht auf die Menschen beschränkt, die damals tatsächlich in Moab standen. Er reicht über diesen Augenblick hinaus.
Man könnte sagen: Nitzavim verbindet verschiedene Punkte der Geschichte miteinander. Natürlich beschreibt die Tora hier kein physikalisches Wurmloch. Aber als Bild ist die Ähnlichkeit faszinierend. In Moab stehen Menschen an einem bestimmten Ort zu einem bestimmten Zeitpunkt – und trotzdem reicht das, was dort geschieht, weit über diesen Ort und diesen Zeitpunkt hinaus. Menschen, die noch gar nicht dort stehen können, werden ebenfalls in den Bund hineingenommen. Sie zählen, als wären sie dort.
Plötzlich stehen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht mehr unverbunden nebeneinander. Sie werden durch einen gemeinsamen Schnittpunkt in der Raumzeit vereint.
Nitzavim verbindet Generationen
Und genau hier wird Nitzavim für uns persönlich. Wir leben gerne mit der Vorstellung, unser Leben würde hauptsächlich uns selbst betreffen. Doch biblisch betrachtet stehen wir niemals vollkommen isoliert da. Wir haben etwas von den Generationen vor uns empfangen und hinterlassen gleichzeitig etwas für diejenigen, die nach uns kommen.
Das gilt besonders für unser geistliches Erbe. Wenn wir heute in der Schrift graben, Zusammenhänge entdecken und Gottes Wort besser verstehen, tun wir das nicht nur für uns. Wir bauen auf dem auf, was andere vor uns erarbeitet haben. Gleichzeitig legen wir eine Grundlage, auf der unsere Kinder und Kindeskinder einmal weiterbauen können.
Jede Generation steht an einem anderen Punkt der Geschichte. Deshalb können wir heute manches erkennen, was frühere Generationen nur schemenhaft sehen konnten. Gerade im Blick auf Prophetie wird das deutlich. Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto mehr Zusammenhänge können sichtbar werden.
Doch Nitzavim lässt uns noch in eine andere Richtung denken. Nicht nur die kommenden Generationen brauchen uns. In gewisser Weise wartet auch die Geschichte der vergangenen Generationen darauf, von uns weitergeschrieben zu werden.
Abraham erhielt Verheißungen, deren vollständige Erfüllung er selbst nicht erlebte. Jitzchak führte diesen Weg weiter. Israel – Jakob – führte ihn weiter. Ihre Kinder gingen weiter. Generation folgte auf Generation.
Der Hebräerbrief formuliert diesen Gedanken bemerkenswert:
Und diese alle, obgleich sie durch den Glauben ein gutes Zeugnis empfingen, haben das Verheißene nicht erlangt, weil Gott für uns etwas Besseres vorgesehen hat, damit sie nicht ohne uns vollendet würden.
(Hebräer 11,39–40; Schlachter 2000)
Es heißt: Nicht ohne uns. Was für ein Gedanke!
Die Geschichte, die Gott mit Abraham begonnen hat, ist größer als Abraham. Sie ist größer als Jitzchak und Jakob. Und sie ist auch größer als unsere eigene Generation. Gott schreibt eine Geschichte über Jahrtausende hinweg und gebraucht dafür Menschen, deren Lebenszeiten sich niemals überschneiden.
Fazit
Vielleicht ist genau das eines der schönsten Bilder aus Nitzavim: Vor Gott stehen Generationen nicht einfach unverbunden nebeneinander. Was eine Generation beginnt, führt die nächste weiter. Was wir von unseren Vätern empfangen haben, dürfen wir vertiefen. Und was wir heute lernen, leben und weitergeben, kann zur Grundlage für Menschen werden, die noch gar nicht geboren sind.
Wie bei unserem Wurmloch liegen die einzelnen Punkte weit auseinander – und sind doch miteinander verbunden.
Nitzavim weist uns deshalb darauf hin, dass unser Leben Teil einer viel größeren Geschichte ist. Wir bauen auf dem auf, was Menschen vor uns begonnen haben, und bereiten zugleich etwas für diejenigen vor, die nach uns kommen. Vielleicht werden erst unsere Kinder oder Kindeskinder Zusammenhänge erkennen und Verheißungen erleben, die wir heute nur aus der Ferne sehen. Doch auch dann gehört unser heutiger Schritt bereits zu dieser Geschichte. Denn in Nitzavim zeigt Gott: Seine Geschichte verbindet Generationen.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
