Mischpatim – Was echte Freiheit bedeutet
Die Paraschah Mischpatim schließt sich direkt an Jethro und damit an die Erzählung der Offenbarung am Sinai an. Nachdem Israel die 10 Gebote empfangen hat, erfährt es nun direkt im Anschluss einige Rechtsordnungen im Umgang mit Sklaven.
Midrasch Schemot Rabbah 30,5 stellt fest, dass diese Ordnung des Textes den Hintergrund hat, dass die Kinder Israels selbst erst aus der Sklaverei in Ägypten befreit worden sind. Nun entstammen die ersten Mizwot diesem Themenbereich: dem Umgang mit hebräischen Sklaven. Denn im Reich Gottes gelten andere Regeln als in Ägypten.
Gleichzeitig hat das Thema der Sklaverei auch immer etwas mit Freiheit zu tun. Denn ein hebräischer Sklave sollte nicht ewig einem Herren dienen.
Wenn du einen hebräischen Sklaven kaufst, soll er sechs Jahre lang dienen, und im siebten soll er unentgeltlich freigelassen werden.
(2. Mose 21,2; Schlachter 2000)
Doch was bedeutet es, frei zu sein? Wir schauen uns das Thema in diesem Kommentar zu Mischpatim genauer an.
Paraschat Mischpatim
2. Mose 21,1-24,18
Jeremiah 34,8-22; 33,25-26; Matthäus 26,20-30
Das hebräische Wort für Freiheit in Mischpatim
Tatsächlich gibt es zwei Worte im hebräischen Text der Bibel, die mit Freiheit übersetzt werden können. Das verwendete Wort im oben zitierten Vers lautet חׇפְשִׁ֖י (chafschi).
Es stammt von der Wurzel חָפַשׁ (chafasch), die mit „freisetzen“ oder „befreien“ übersetzt werden kann. Allerdings gibt es noch ein anderes Wort, welches ebenso geschrieben, jedoch anders ausgesprochen wird.
Dabei handelt es sich um חָפַשׂ (chafas). Dabei steht chafas für eine eifrige Suche, ein Graben nach etwas Kostbarem, etwa nach einem Schatz.
Da sprach sie zu ihrem Vater: Mein Herr möge nicht so grimmig dreinsehen, weil ich vor dir nicht aufstehen kann; es geht mir eben nach der Weise der Frauen! Er aber suchte eifrig und fand die Teraphim nicht.
(1. Mose 31,35; Schlachter 2000 – Hervorhebung durch den Verfasser)
An diesem Zusammenhang ist bereits deutlich zu sehen, dass Freiheit gesucht und gefunden werden muss. Nur wer sich wirklich danach ausstreckt, kann frei werden. Der Zustand kommt nicht einfach über Nacht über uns. Gott erwartet von uns schon eine Mitwirkung.
Für die Kinder Israels in Ägypten bestand diese Mitwirkung unter anderem im Schlachten des Pessachlammes. Denn das männliche Lamm, ein Widder, war gleichzeitig das Symbol eines der wichtigsten Götter in Ägypten. Wer aus der Sklaverei wollte, musste dies deutlich zeigen, indem er den Gott Ägyptens schlachtete, sein Blut an die Türpfosten strich und ihn zusätzlich grillte, sodass sich der liebliche Geruch in der ganzen Nachbarschaft verbreitete.
Die Freiheit gab es also nicht umsonst. Sie war mit einem Opfer verbunden. Doch schauen wir uns das hebräische Wort für Freiheit noch etwas genauer an.
Ein Blick in die Gematria
Jeder hebräische Buchstabe entspricht einem Zahlenwert. Das Wort חׇפְשִׁ֖י (chafschi), welches mit Freiheit übersetzt wird, entspricht folgendem Wert:
- Chet = 8
- Peh = 80
- Schin = 300
- Jud = 10
Der Gesamtwert von chafschi beträgt damit 398. Doch welche Worte entsprechen diesem Wert? Hier gibt es einige Besonderheiten.
1. שַׁלְחֵנִי (Schalcheni) – Sende mich / Lass mich gehen
Der Begriff Schalcheni entspricht ebenfalls dem Wert 398 und hat damit den gleichen Wert wie das in Mischpatim verwendete Wort für Freiheit. Schalcheni heißt so viel wie sende mich, entlasse mich oder lass mich gehen.
Wir finden diese Wendung in 1. Mose 32,27. Dort heißt es:
וַיֹּ֣אמֶר שַׁלְּחֵ֔נִי כִּ֥י עָלָ֖ה הַשָּׁ֑חַר וַיֹּ֙אמֶר֙ לֹ֣א אֲשַֽׁלֵּחֲךָ֔ כִּ֖י אִם־בֵּרַכְתָּֽנִי׃
Und der Mann sprach: Lass mich gehen; denn die Morgenröte bricht an! Jakob aber sprach: Ich lasse dich nicht, es sei denn, du segnest mich!
(1. Mose 32,27; Schlachter 2000 – Hervorhebung durch den Verfasser)
Daraus sehen wir, dass ein freier Hebräer sich freiwillig senden lässt. Er ist nicht zur Arbeit gezwungen und muss keinen Auftrag erfüllen. Er tut es aus freien Stücken und aus Liebe zu Gott.
Doch schauen wir noch einmal weiter, was wir aus der Wurzel chafasch schöpfen können.
שֻׁלְחָן .2 (Schulchan) – Der Tisch
Das hebräische Wort Schulchan bedeutet Tisch und entspricht dem Zahlenwert 388. Damit entspricht es dem Wert von chafasch, welches wir mit befreien oder freilassen übersetzen können.
Der Tisch ist ein Symbol für Gemeinschaft und Versorgung. Ein freier Hebräer ist nicht isoliert. Er ist in Gemeinschaft mit anderen und mit Gott.
3. צֶ֥דֶק צֶ֖דֶק (Tzedek Tzedek) – Gerechtigkeit, Gerechtigkeit
Der Zahlenwert 388 findet sich an einer anderen Stelle.
צֶ֥דֶק צֶ֖דֶק תִּרְדֹּ֑ף לְמַ֤עַן תִּֽחְיֶה֙ וְיָרַשְׁתָּ֣ אֶת־הָאָ֔רֶץ אֲשֶׁר־יְהֹוָ֥ה אֱלֹהֶ֖יךָ נֹתֵ֥ן לָֽךְ׃
Der Gerechtigkeit, ja der Gerechtigkeit jage nach, damit du lebst und das Land besitzen wirst, das der HERR, dein Gott, dir geben will.
(5. Mose 16,20; Schlachter 2000 – Hervorhebung durch den Verfasser)
Der obige Vers enthält die Aufforderung, der Gerechtigkeit nachzujagen. Im biblischen Text steht das Wort Tzedek, also Gerechtigkeit, zweimal hintereinander.
Der Zahlenwert von Tzedek entspricht 194. Eine Verdopplung bildet die 388. Wirklich frei sind demnach nur die Gerechten und Wohltätigen.
Die Bedeutung des Juds
Wir haben ja bereits gesehen, dass sich die Worte chafschi und chafasch eigentlich nur durch den Buchstaben Jud mit dem Zahlenwert 10 unterscheiden. Doch auch hier steckt eine Lehre.
Denn das Freilassen oder die Befreiung (chafasch) allein genügt nicht. Sie stellt zunächst nur ein Potenzial dar. Wirkliche Freiheit wird erst erreicht, wenn wir dieses Potenzial mit der 10 verbinden, etwa mit den 10 Geboten.
Und so ist unsere Lehre aus Mischpatim, dass echte Freiheit nach Gottes Willen nur im Befolgen der Torah, in der Gemeinschaft mit Gott und anderen sowie im Streben nach der Gerechtigkeit verwirklicht werden kann.
Und so verwundert es nicht, dass Jakobus die Torah das Gesetz der Freiheit nennt.
Redet und handelt als solche, die durch das Gesetz der Freiheit gerichtet werden sollen!
(Jakobus 2,12; Schlachter 2000)
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
