Mattot / Massei – Das wichtigste Erbe ist nicht Land, sondern Glaube
Zu Beginn der Paraschah Massei blickt Israel auf eine lange Reise zurück. Gott lässt Mose die 42 Stationen der Wüstenwanderung aufschreiben (4. Mose 33,1-49). Danach beschreibt er die Grenzen des verheißenen Landes, bestimmt dessen Aufteilung, setzt die Levitenstädte und die Zufluchtsstädte ein. Alles scheint auf das große Ziel hinauszulaufen: Israel steht kurz davor, das Land Kanaan einzunehmen.
Doch dann endet das vierte Buch Mose überraschend nicht mit einer Eroberung, sondern mit einer Familie. Noch einmal treten die Töchter Zelofhads vor Mose. Noch einmal geht es um das Erbe ihres Vaters. Warum schließt Gott die Wüstenwanderung ausgerechnet mit dieser Begebenheit ab?
Vielleicht, weil Massei uns darauf hinweisen will, dass Gottes Geschichte nicht bei Orten endet, sondern in Familien weiterlebt.
Paraschat Mattot / Massei
4. Mose 30,2-36,13
Jeremia 2,4-28; 3,4; Markus 11,12-25
Massei endet nicht mit einer Landkarte, sondern mit Menschen
Die Paraschah beginnt mit einer scheinbar nüchternen Aufzählung:
Dies sind die Wanderzüge der Kinder Israels, die unter Mose und Aaron nach ihren Heerscharen aus dem Land Ägypten gezogen sind.
(4. Mose 33,1; Schlachter 2000)
Anschließend beschreibt Gott sehr genau die Grenzen Kanaans. Jeder Stamm erhält seinen Anteil. So weit scheint alles klar zu sein. Die Verteilung des Landes sollte per Los vollzogen werden, sodass jede Sippe ihren Landstrich erhalten sollte. Damit war die Bühne für die Einnahme des Landes eigentlich bereitet.
Doch anstatt das Buch mit dem Einzug ins Land enden zu lassen, lenkt Gott den Blick auf fünf Frauen: Machla, Noa, Hogla, Milka und Tirza – die Töchter Zelofhads.
Das ist bemerkenswert. Aus menschlicher Sicht wäre das Ende einer langen Reise der Moment des Triumphs. Doch Gott richtet den Blick zum Ende des Buchs Bamidbar nicht auf das Land, sondern auf diejenigen, die es einmal bewahren und an kommende Generationen weitergeben sollen.
Denn ein Land ohne Glauben ist nur Boden. Ein Erbe ohne Erinnerung verliert seinen Wert.
Warum die Töchter Zelofhads noch einmal erwähnt werden
Bereits in der Paraschah Pinchas hatten die Töchter Zelofhads Mose gebeten, den Namen ihres verstorbenen Vaters nicht aus dem Erbe Israels verschwinden zu lassen.
Gott antwortete damals eindeutig:
Die Töchter Zelophchads haben recht geredet. Du sollst ihnen unbedingt unter den Brüdern ihres Vaters ein Erbbesitztum geben und sollst das Erbteil ihres Vaters auf sie übergehen lassen!
(4. Mose 27,7; Schlachter 2000)
Nun, am Ende von Massei, wird das Thema erneut aufgegriffen. Führende Männer aus dem Stamm Manasse befürchteten, dass Stammesland verloren gehen könnte, wenn die Töchter außerhalb ihres Stammes heirateten. Das war eine berechtigte Sorge, denn eine Frau war immer dem Haus ihres Vaters oder ihres Ehemanns zugeordnet.
Gott ordnete deshalb an, dass sie innerhalb ihres Stammes heiraten sollten, damit das Erbe erhalten blieb (4. Mose 36). Auf den ersten Blick wirkt diese Regel streng. Gerade aus der Perspektive des aktuellen Zeitgeistes, in dem die Partnerwahl kaum an Kriterien von außen gebunden ist. Doch ihr Ziel ist nicht Einschränkung, sondern Bewahrung. Gott schützte damit die Ordnung, die jedem Stamm seinen Platz im verheißenen Land gab.
Bemerkenswert ist die Reaktion der Frauen. Ohne Widerstand folgen sie Gottes Weisung.
Der Talmud betont in Bava Batra 119b, dass die Töchter Zelofhads weise und gerecht waren. Zudem legten sie die Schriften aus, wie es manch Gelehrter dieser Zeit nicht vermochte. Demnach ist es auch nicht verwunderlich, dass sie das Gebot Gottes in Bezug auf ihre Partnerwahl bereitwillig annahmen.
Sie vertrauten darauf, dass Gottes Anweisungen einen Segen beinhalten mussten. Zumindest lesen wir nichts von einem Protest der Frauen.
Das Erbe Israels ist mehr als Besitz
Im Hebräischen steht für Erbe häufig das Wort נַחֲלָה (Nachalah). Dieses Wort meint weit mehr als Eigentum. Es beschreibt den von Gott zugewiesenen Anteil, den Platz innerhalb seines Bundesvolkes und eine Gabe, die letztlich ihm gehört.
Das Land Israel war deshalb niemals bloß Besitz. Israel durfte es nicht unabhängig von Gott verwalten. Immer wieder erinnert die Torah daran, dass das Land dem HERRN gehört und sein Volk darin als Verwalter lebt (3. Mose 25,23).
Die Töchter Zelofhads kämpfen deshalb nicht in erster Linie um Felder oder Weinberge.
Sie kämpfen darum, dass ihre Familie ihren Platz innerhalb von Gottes Bundesgeschichte behält. Das verändert unseren Blick auf das Thema Erbe.
Auch wir denken häufig zuerst an Häuser, Geld oder Besitz. Die Torah richtet unseren Blick jedoch auf etwas Größeres: Welchen Glauben hinterlassen wir? Welche Hoffnung geben wir weiter? Welche Geschichte erzählen unsere Kinder eines Tages über Gottes Wirken in unserer Familie?
Familien bewahren Gottes Geschichte
Auffällig ist, dass die Töchter Zelofhads immer wieder den Namen ihres Vaters erwähnen.
Ihnen geht es darum, dass sein Name nicht aus Israel ausgelöscht wird.
Damit berühren sie einen zentralen Gedanken der Bibel: Gott handelt von Generation zu Generation.
Der Psalmist schreibt:
Ein Geschlecht rühme dem andern deine Werke und verkündige deine mächtigen Taten!
(Psalm 145,4; Schlachter 2000)
Der Glaube Israels war nie dazu gedacht, bei einer Generation stehenzubleiben. Eltern sollten ihren Kindern erzählen, wie Gott geführt, versorgt, vergeben und bewahrt hat. Kinder wiederum sollten diese Geschichten eines Tages ihren eigenen Kindern weitererzählen.
Vielleicht endet Massei deshalb mit einer Familie. Nicht weil Familien wichtiger wären als das Land. Sondern weil das Land ohne glaubende Familien seine eigentliche Bestimmung verlieren würde.
Was Massei Familien heute lehren kann
Auch wir befinden uns auf einer Reise. Vielleicht nicht durch die Wüste Sinai, aber durch die Herausforderungen des Alltags: Arbeit, Schule, Krankheiten, Sorgen, Freuden und Entscheidungen.
Wenn wir zurückblicken, erkennen wir oft erst im Nachhinein, wie Gott uns geführt hat. Genau das geschieht in Massei. Gott blickt mit Israel auf den zurückgelegten Weg zurück.
Keine Station war bedeutungslos. Selbst Orte des Versagens und der Enttäuschung gehörten zu seiner Führung. Dasselbe gilt für unsere Familien.
Vielleicht erzählen wir unseren Kindern oft von Urlauben oder Geburtstagen. Doch erzählen wir ihnen auch, wie Gott Gebete erhört hat? Wissen sie, wie Gott uns in schweren Zeiten getragen hat? Kennen sie die Momente, in denen wir seine Hilfe erlebt haben?
Das größte Erbe, das Eltern weitergeben können, ist kein Bankkonto. Es ist ein lebendiger Glaube. Ein Kind, das lernt, Gott zu vertrauen, besitzt einen Schatz, der weit über materiellen Reichtum hinausgeht.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
