Ki Tetze – Der widerspenstige Sohn
In der Lesung Ki Tetze begegnet uns ein Gebot, welches auf den ersten Blick einige Fragen aufwirft. Es geht um einen Sohn, der seinen Eltern nicht gehorcht, auch wenn seine Eltern alles versuchen, um ihn zum Gehorsam zu führen.
Doch weil er sich nicht führen lässt, bringen Vater und Mutter ihn zu den Ältesten im Tor, wo er gesteinigt werden soll. Gibt uns die Torah hier eine Anweisung, unsere Kinder zu steinigen? Wir werden sehen, dass hinter diesem Text etwas ganz anderes steckt.
Paraschat Ki Tetze
5. Mose 21,10-25,19
Jesaja 54,1-10; Matthäus 24,29-42
Der Text in Ki Tetze
Schauen wir uns zunächst einmal den einfachen Bibeltext an. Die Voraussetzungen sind hier ganz klar formuliert.
Wenn jemand einen widerspenstigen und störrischen Sohn hat, der der Stimme seines Vaters und seiner Mutter nicht gehorcht und ihnen auch nicht folgen will, wenn sie ihn züchtigen, …
(5. Mose 21,18; Schlachter 2000)
Die Ausgangssituation stellt sich also wie folgt dar: Ein Ehepaar hat einen Sohn, der sich nicht in die Ordnungen der Familie einfügen will. Es heißt, er ist widerspenstig und störrisch. Im hebräischen Text stehen hierfür diese beiden Worte, die sinngemäß wie folgt verstanden werden können:
- סורר (sorer): Er weicht vom rechten Weg ab.
- מורה (moreh): Er weist sich selbst einen Weg.
Daher wird dieser Sohn in der rabbinischen Literatur auch Ben Sorer U-Moreh genannt. Er ist also so hartnäckig in seiner Rebellion, dass die Eltern keinen Weg mehr sehen, ihn zur Umkehr zu bewegen. Deshalb sollen sie Folgendes tun:
… so sollen sein Vater und seine Mutter ihn ergreifen und zu den Ältesten seiner Stadt führen und zu dem Tor jenes Ortes, und sie sollen zu den Ältesten seiner Stadt sagen: Dieser unser Sohn ist störrisch und widerspenstig und gehorcht unserer Stimme nicht; er ist ein Schlemmer und ein Säufer!
(5. Mose 21,19-20; Schlachter 2000)
Der Sohn soll zum Tor der Stadt geführt und dort vor die Ältesten gestellt werden. Interessant ist, dass zum Tatbestand der Rebellion noch zwei weitere Eigenschaften hinzukommen. Diese werden in der späteren Betrachtung noch wichtig werden. Der Sohn ist nämlich auch ein Schlemmer und ein Säufer.
Im Ergebnis heißt es dann:
Dann sollen ihn alle Leute seiner Stadt steinigen, damit er stirbt. So sollst du das Böse aus deiner Mitte ausrotten, dass ganz Israel es hört und sich fürchtet.
(5. Mose 21,21; Schlachter 2000)
Auf den ersten Blick scheint dies eine sehr blutrünstige Vorgehensweise zu sein. Der Sohn, der nicht auf seine Eltern hört, wird einfach gesteinigt. Doch wenn wir etwas genauer hinschauen und untersuchen, was die jüdischen Weisen zu dieser Stelle aus Ki Tetze sagen, zeichnet sich ein anderes Bild.
Was es mit dem störrischen Sohn auf sich hat
Zunächst fällt auf, dass die Steinigung eines störrischen Sohnes, wie wir sie ja in Ki Tetze lesen, nicht unter den 613 Geboten der Torah zu finden ist. Im Sefer HaChinuch finden wir zwar, wie mit einem Schlemmer und Säufer umzugehen sei (Gebot 248). Doch es gibt kein ausdrückliches Gebot für Vater und Mutter, ihren Sohn zu den Toren der Stadt zu führen.
Das bedeutet, dass die Weisen in dem entsprechenden Text gar keine Handlungsanweisung sahen. Eine Mizwa ist eine Verpflichtung gegenüber Gott. Weder haben die Eltern die Pflicht, ihren Sohn zur Steinigung zu den Ältesten zu bringen, noch gibt es eine halachische Verpflichtung der Ältesten, die störrischen Söhne anderer Leute zu steinigen.
Was hat es dann aber mit dem Text auf sich? Wenn hieraus kein Gebot abgeleitet wird, worum handelt es sich dann?
Der Ben Sorer U-Moreh wird ausführlich in Mischna und Talmud behandelt. Im Traktat Sanhedrin 68b-72a finden wir eine umfassende Betrachtung dieses merkwürdigen Abschnitts der Torah.
Die Halacha um den Ben Sorer U-Moreh aus Ki Tetze
Um genauer zu verstehen, worum es bei dem widerspenstigen Sohn geht, wollen wir einen Blick auf die Rahmenbedingungen werfen, die die Weisen für die Steinigung desselben gelegt haben. Dafür finden wir in der Mischna (Sanhedrin 8) verschiedene Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, um überhaupt an die Höchststrafe in diesem Fall zu denken.
- Der Sohn muss mindestens 13 Jahre alt sein. Da Kinder unter diesem Alter noch nicht für ihren Ungehorsam gegen Gottes Gebote belangt werden können – sie tragen einfach noch keine Verantwortung dafür –, muss der Sohn mindestens dieses Alter erreicht haben.
- Die ersten beiden Haare. Ferner gibt die Mischna an, dass der betreffende Sohn neben seinem Alter ebenso mindestens zwei Haare aufweisen muss, die er im Zuge der Pubertät erwirbt. Das können Barthaare, Achsel- oder Schamhaare sein. Allerdings gilt er als Mann – und nicht mehr als Ben (Sohn) –, wenn seine Schambehaarung vollständig ausgewachsen ist. Es gibt also nur ein kleines Zeitfenster, in dem der Status eines Ben Sorer U-Moreh überhaupt möglich ist.
- Der Schlemmer und Säufer. Ist der Status festgestellt, kommen weitere Bedingungen hinzu. Um als Schlemmer und Säufer bezeichnet zu werden, gibt die Mischna an, dass er mindestens ein tarteimar Fleisch und ein halbes Log italienischen Wein trinken muss. Die Maßeinheiten könnten wir heute etwa mit 200 g Fleisch und einem ¼ Liter Wein übersetzen. Zudem geben die Kommentatoren an, dass er das Fleisch halb gar und wie ein Räuber und den Wein mit einem Schluck trinken muss.
- Er ist auch ein Dieb. Außerdem muss er Fleisch und Wein vom Vater gestohlen haben und auf einem fremden Gut gegessen haben. Es genügt nicht, wenn nur eine der beiden Bedingungen erfüllt ist.
- Vater und Mutter müssen ihn ergreifen. Da der Text in Ki Tetze besagt, dass Vater und Mutter ihren Sohn ergreifen, ihn zum Tor der Stadt führen und dort mit den Ältesten sprechen sollen, leiten die Weisen hier wieder verschiedene Bedingungen ab. Die Eltern müssen sich zunächst einmal einig sein, diesen Schritt zu gehen, in der Lage sein, ihren Sohn zu ergreifen und zum Tor zu führen, sowie sprechen können.
Wir sehen, dass die jüdischen Weisen zur Zeit der Mischna eine ganze Menge Bedingungen und Schranken aus dem Bibeltext ableiteten. Innerhalb des Talmuds geht die Diskussion darüber allerdings weiter.
Dort finden sich Aussagen, dass der Status eines Ben Sorer U-Moreh eigentlich nur 3 Monate im Leben eines Mannes existieren kann (Sanhedrin 69a). Einfach weil die Zeichen der Behaarung und das Alter so dicht beieinander liegen. Außerdem sollten Vater und Mutter in Stimme, Erscheinung und Höhe identisch sein (Sanhedrin 71a).
Die Realität des widerspenstigen Sohnes aus Ki Tetze
Viele weitere Einschränkungen im Detail führen dazu, dass der Talmud durch Rabbi Jehuda schließlich mit folgender Aussage aufwartet:
Es hat nie einen widerspenstigen und störrischen Sohn gegeben und es wird auch nie einen geben … studiere den Text und empfange Lohn.
(Talmud Sanhedrin 71a)
Das ist ein interessantes Statement. Denn damit ist der Sachverhalt um den störrischen Sohn lediglich theoretischer Natur. Die Weisen sahen im Text von Ki Tetze so viele Hürden, dass eine Hinrichtung des störrischen Sohnes im Grunde unmöglich ist.
Sie sahen in dem Text vielmehr eine Aufforderung Gottes zum Studium, als eine halachische Anordnung. Sie gingen davon aus, dass es ein solches Beispiel in der Realität nie gegeben hat. Doch wie kamen sie darauf?
Die Mischna führt weiterhin aus:
Der störrische und widerspenstige Sohn wird im Hinblick auf sein [späteres] Ende gerichtet. Er soll als Unschuldiger sterben und nicht als Schuldiger sterben. Denn der Tod der Frevler ist ein Gewinn für sie selbst und ein Gewinn für die Welt; für die Gerechten hingegen ist [ihr Tod] schlecht für sie selbst und schlecht für die Welt.
(Mischna Sanhedrin 8,5)
Warum sollte der Sohn unschuldig sterben? Weil das, was aus ihm werden könnte, schlimmer wäre, als das, was er schon war. Es wäre besser für ihn, als störrischer Sohn, der seinen Eltern ungehorsam ist, vor Gott den Richter treten zu müssen, als wenn er schon zum Mörder, Ehebrecher oder Götzendiener geworden wäre.
Fazit
Die Ausführungen zum störrischen Sohn in Ki Tetze sind ein Beispiel dafür, wozu Sünde führen kann und wie Gott Menschen manchmal auch davor bewahrt, noch weiter in die Dunkelheit abzurutschen.
Wahrscheinlich hat es nie ein Beispiel eines solchen Sohnes in der Realität gegeben. Doch der Text und der Umgang der Weisen damit lehren uns viel über Gottes Rechtssystem und sein Handeln mit Sündern.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
