Ki Tavo – 100 Flüche und 100 Segnungen
Mit der Paraschah Ki Tavo nähern wir uns dem Ende der langen Rede Moses in den Ebenen Moabs. Ein wichtiger und umfangreicher Bereich dieses Schlussteils umfasst die Auflistung der Segnungen und Flüche. Dabei unterscheidet sich diese Liste deutlich von der, die wir bereits in Bechukotai gesehen haben.
Wir werfen einmal einen Blick darauf und schauen, was es damit auf sich hat.
Paraschat Ki Tavo
5. Mose 26,1-29,8
Jesaja 60,1-22; Lukas 23,26-56
Ki Tavo und die Flüche Moses
Ein wichtiger Unterschied zwischen den Segen- und Fluchverheißungen aus 3. Mose 26 und 5. Mose 28 besteht darin, wer diese ausgesprochen hat. Während im Buch Wajikra Gott persönlich spricht, ist es im Buch Devarim Mose, der die Flüche gegenüber dem Volk offenbart.
Ein weiterer großer Unterschied ist der Umfang der Flüche. Während die Liste in Bechukotai 49 Fluchandrohungen umfasst, sind es in Ki Tavo 98 – also genau doppelt so viele. Das können wir unmöglich für einen Zufall halten. Was hat es damit also auf sich?
Dabei ist eine Aussage aus dem Talmud besonders interessant:
Jene [die Flüche in Levitikus] sind in der Mehrzahl gesprochen, und Mose sprach sie aus dem Mund der Allmacht; diese [die Flüche im Deuteronomium] sind in der Einzahl gesprochen, und Mose sprach sie aus seinem eigenen Mund.
(Talmud Megillah 31b)
Das bedeutet nicht, dass Mose sich die Flüche ausgedacht hätte. Selbstverständlich übermittelte er den göttlichen Inhalt. Allerdings ist die Form der Übermittlung eine andere.
Indem Mose zum Sprachrohr in Devarim wurde, rückte die Torah ein Stück näher an die Seite Israels. Das möchte ich kurz erklären.
Die Torah ist das Bündnisdokument zwischen Israel und Gott. Der Bund zwischen diesen beiden Parteien wurde durch Mose vermittelt. Das heißt, der Levit stand auf beiden Seiten – er war im Himmel bei Gott (auf dem Berg Sinai) und auf der Erde beim Volk. Letztlich war er aber ein Mensch und stand automatisch auf der Seite der Empfänger der Torah.
Die ersten vier Bücher der Torah sprach Gott. Zwar übermittelte Mose die Botschaften, doch waren es die genauen Wortlaute. Mit dem Buch Devarim änderte sich das. Nun gab Mose in seinen Worten die göttlichen Botschaften weiter. Damit rückte die Torah näher zu den Empfängern.
Es spricht im Buch Devaraim eben nicht mehr der Geber, sondern ein Vertreter der Empfänger – Mose. Und diese Empfänger waren menschlich. Sie hatten einen Körper aus Fleisch und Blut.
Vor diesem Hintergrund könnte man auch die Verdopplung der Flüche sehen. Ein Fluch ist im Grunde eine Züchtigung Gottes. Es geht nicht primär darum, Israel zu bestrafen oder Rache zu üben. Vielmehr möchte Gott mit den Züchtigungen und Flüchen sein Volk zum Nachdenken und letztlich zur Umkehr, Teschuva, bewegen.
Mit der Umkehr ist ein Reinigungsprozess verbunden, der über 49 Stufen verlaufen kann – ähnlich dem Omerzählen, bei dem wir uns 49 Tage bis Schavuot auf die Begegnung mit Gott vorbereiten.
Da der Mensch in zwei Welten lebt – der himmlischen und der irdischen – sind auch zwei Reinigungsprozesse nötig. Einmal der äußerliche Prozess des Körpers und zum anderen der innerliche Prozess des Geistes. Oder anders ausgedrückt: 49 Züchtigungen für den Geist und 49 für den Leib.
Die 100 Flüche in Ki Tavo
Es gibt aber noch eine andere Zählung der Flüche in Ki Tavo. Der Midrasch Tanchuma zählt die Flüche aus Ki Tavo wie folgt:
Weil Israel die hundert Flüche minus zwei hörte, die in diesem Abschnitt ausgesprochen worden waren, zusätzlich zu den neunundvierzig, die in Torat Kohanim [= Levitikus] ausgesprochen worden waren.
(Midrasch Tanchuma Nitzavim 1)
Warum 100 minus 2? Warum sagt der Midrasch nicht einfach 98? Hierfür gibt es die Auslegung, dass neben den genau genannten Flüchen noch zwei weitere im Text angedeutet werden, die eine Gesamtzahl von 100 ergeben würden.
Es heißt im Text:
… dazu alle Krankheiten und Plagen, die nicht in dem Buch dieses Gesetzes geschrieben sind — der HERR wird sie über dich kommen lassen, bis du vertilgt sein wirst!
(5. Mose 28,61; Schlachter 2000)
Die Torah führt hier aus, dass es neben den bereits genannten Flüchen noch Krankheiten und Plagen gibt, die nicht im Buch benannt sind. Es gibt also zwei weitere Flüche, die nicht genau erklärt werden. Und so kommen wir auf 100 Flüche.
Warum nun aber 100? Wir können dies als den Gegenpart der 100 Segnungen (Berachot) sehen, die wir täglich sprechen sollen.
Der Talmud lehrt:
Rabbi Meir sagte: Ein Mensch ist verpflichtet, jeden Tag hundert Segnungen zu sprechen, wie es heißt: „Und nun, Israel, was fordert der HERR, dein Gott, von dir?“
(5. Mose 10,12; Talmud Menachot 43b)
Die Weisen verbinden dabei das hebräische Wort mah (מה – „was“) mit me’ah (מאה – „hundert“). Aus der Frage „Was fordert der HERR von dir?“ wird damit zugleich ein Hinweis auf die hundert Segnungen, mit denen sich der Mensch täglich seinem Schöpfer zuwendet.
Diese hundert Berachot sind keine hundert verschiedenen Segensformeln, die man zusätzlich zu seinem normalen Tagesablauf sprechen müsste. Vielmehr ergibt sich ihre Zahl aus den Segnungen, die das jüdische Leben ohnehin durch den ganzen Tag begleiten: beim Aufstehen, während der täglichen Gebete, vor und nach dem Essen, beim Genuss verschiedener Speisen und bei der Erfüllung der Gebote. Der ganze Tag wird auf diese Weise mit Berachot durchzogen.
Und genau darin liegt ihre Kraft.
Was geschieht, wenn wir Gott segnen?
Zunächst mag die Vorstellung eigenartig erscheinen, dass wir Gott segnen. Braucht Gott unseren Segen? Können wir ihm überhaupt etwas geben, was er nicht bereits besitzt?
Natürlich nicht.
Wenn wir sagen:
Baruch Atah Adonai … – „Gesegnet bist du, HERR …“
Dann machen wir Gott nicht größer oder vollkommener. Vielmehr erkennen wir ihn als Quelle allen Segens an. Eine Berachah verändert nicht Gott – sie verändert zunächst uns.
Denn unsere natürliche Neigung besteht gerade darin, die Welt ohne ihren Schöpfer wahrzunehmen.
- Wir sehen das Brot – aber vergessen den, der die Erde fruchtbar macht.
- Wir genießen die Frucht – aber vergessen den, der sie wachsen lässt.
- Wir wachen morgens auf – und halten einen weiteren Tag für selbstverständlich.
- Wir besitzen Kleidung, Nahrung, Gesundheit, Beziehungen und Fähigkeiten und gewöhnen uns so schnell daran, dass wir sie als unser Eigentum und als Ergebnis unserer eigenen Kraft betrachten.
Genau an diesem Punkt setzt die Berachah an. Sie unterbricht diese Selbstverständlichkeit.
- Bevor ich esse, halte ich inne.
- Bevor ich trinke, halte ich inne.
- Wenn ich am Morgen aufstehe, halte ich inne.
Immer wieder richte ich meine Aufmerksamkeit weg von der Gabe und hin zum Geber. Hundertmal am Tag wird der Mensch dadurch daran erinnert:
Diese Welt gehört nicht mir. Sie gehört Gott.
Der Fluch beginnt mit der Abwendung
Damit kommen wir zurück zu Ki Tavo.
Die Flüche in 5. Mose 28 erscheinen nicht willkürlich. Ihnen geht eine entscheidende Aussage voraus:
Es wird aber geschehen, wenn du der Stimme des HERRN, deines Gottes, nicht gehorchst, sodass du alle seine Gebote und Satzungen nicht bewahrst und tust, die ich dir heute gebiete, so werden all diese Flüche über dich kommen und dich treffen: …
(5. Mose 28,15; Schlachter 2000)
Am Anfang des Fluches steht also die Abwendung von der Stimme Gottes.
Das ist auch die grundlegende Bewegung der Sünde. Der Mensch löst die Schöpfung von ihrem Schöpfer. Er nimmt Gottes Gaben entgegen, ohne sie auf Gott zurückzuführen. Er beginnt, sich selbst, seine Kraft und seine Wünsche zum Mittelpunkt seiner Welt zu machen.
Hier liegt möglicherweise der tiefere Zusammenhang zwischen den hundert Flüchen und den hundert Segnungen.
Die gefallene Welt besitzt eine natürliche Tendenz, sich von ihrem Schöpfer zu entfernen. Und auch der Mensch trägt diese Tendenz in sich. Wenn wir einfach unseren natürlichen Impulsen folgen, vergessen wir Gott immer wieder.
Die Berachah wirkt in die entgegengesetzte Richtung.
Die Sünde trennt die Gabe vom Geber. Die Berachah verbindet die Gabe wieder mit dem Geber.
Hundertmal täglich die Richtung ändern
Vor diesem Hintergrund können wir die hundert Berachot als ein Gegengewicht zu den hundert Flüchen verstehen.
Dabei sollten wir nicht in eine magische Vorstellung geraten. Es geht nicht darum, dass irgendwo hundert Flüche bereitliegen und wir durch das Aussprechen hundert bestimmter Formeln jeden einzelnen davon mechanisch neutralisieren könnten.
Die Wirkung ist tiefer.
Wenn die Wurzel des Fluches die Abwendung von Gott ist, dann setzt die Berachah genau an dieser Wurzel an: Sie wendet den Menschen wieder Gott zu.
So gesehen sind die hundert Berachot eine tägliche Schule der Teschuva. Denn Teschuva bedeutet letztlich „Umkehr“ beziehungsweise „Rückkehr“. Und genau diese kleine Rückkehr vollziehen wir mit jeder bewusst gesprochenen Berachah.
Vielleicht brauchen wir gerade deshalb nicht nur eine Segnung am Morgen. Der Mensch vergisst schnell.
Wir können morgens beten und Gott eine Stunde später bereits wieder aus unserem Denken verdrängt haben. Deshalb verteilt die jüdische Lebensordnung die Berachot über den ganzen Tag. Immer wieder wird unser Alltag unterbrochen und neu auf Gott ausgerichtet.
Hundert Segnungen bedeuten damit sinngemäß:
Hundert Gelegenheiten am Tag, zu Gott zurückzukehren.
Leben und Tod liegen auch in unserer Sprache
Hinzu kommt noch eine weitere Dimension: Unsere Worte sind nicht bedeutungslos.
Die Schrift sagt:
Tod und Leben steht in der Gewalt der Zunge, und wer sie liebt, der wird ihre Frucht essen.
(Sprüche 18,21; Schlachter 2000)
Wir können mit unseren Worten zerstören, entmutigen, verleumden und verfluchen. Wir können mit ihnen aber auch danken, aufrichten, bekennen und segnen.
Das bedeutet nicht, dass positives Sprechen eine Technik wäre, mit der wir uns unsere gewünschte Wirklichkeit erschaffen. Biblisches Segnen ist keine Methode des „positiven Denkens“.
Es geht vielmehr darum, unsere Sprache mit Gottes Wirklichkeit in Einklang zu bringen.
Wer eine Berachah spricht, erklärt nicht einfach: „Alles wird gut.“ Er bekennt vielmehr: Gott ist auch jetzt die Quelle meines Lebens.
Das kann gerade dann entscheidend werden, wenn die äußeren Umstände schwierig sind.
Die Flüche sollen nicht das letzte Wort haben
Genau das zeigt auch der Midrasch Tanchuma zu Nitzavim.
Nachdem Israel die „hundert Flüche minus zwei“ und zusätzlich die 49 Flüche aus Levitikus gehört hatte, heißt es, dass ihre Gesichter erbleichten. Sie fragten:
Wer kann vor all diesen bestehen?
Mose antwortete darauf mit den Worten:
Ihr steht heute alle da.
Der Midrasch zieht daraus eine bemerkenswerte Schlussfolgerung. Die Züchtigungen Israels haben nicht dessen endgültige Vernichtung zum Ziel. Vielmehr sagt Gott nach der Auslegung des Midrasch:
Obwohl diese Flüche über euch kommen, sind sie es, die euch aufrechterhalten.
Das Gericht soll also zur Umkehr führen.
Der Fluch ist nicht das Ziel.
Das Ziel ist die Wiederherstellung der Beziehung zu Gott.
Und genau an dieser Stelle begegnen sich Tochacha, Teschuva und Berachah.
Die Tochacha erschüttert den Menschen, damit er erkennt, wohin Gottesferne führt.
Die Teschuva lässt ihn umkehren.
Und die Berachah übt ihn darin, seinen Alltag anschließend immer wieder auf Gott auszurichten.
So werden die hundert Segnungen zu einer täglichen Antwort auf die hundert Flüche.
Fazit: Entscheiden wir uns für den Segen
Ki Tavo stellt uns eine Welt vor Augen, in der Segen und Fluch keine abstrakten Begriffe sind. Unsere Beziehung zu Gott hat Konsequenzen.
Der gefallene Mensch besitzt die Neigung, Gott zu vergessen, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen und die Gaben der Schöpfung von ihrem Geber zu trennen. Genau diese Bewegung führt letztlich weg von der Quelle des Lebens.
Die Berachah geht den entgegengesetzten Weg.
Mit jeder Segnung halten wir inne und erinnern uns daran, wem unser Leben gehört. Wir richten unseren Blick neu auf Gott. Wir danken ihm. Wir erkennen ihn als König und Quelle unseres Lebens an.
Deshalb sollten wir die Aufforderung zu hundert täglichen Segnungen nicht als Last verstehen. Sie ist eine Einladung, hundertmal täglich Gottes Gegenwart in unserem gewöhnlichen Leben zu entdecken.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
