Jethro – Ein genauerer Blick auf die 10 Gebote
Die Paraschah Jethro ist ein zentraler Bestandteil jedes Torahlaufs. Sie enthält die Offenbarung Gottes am Berg Sinai und damit die Gabe der Torah in Form der zehn Gebote. Diese Gebote bilden so etwas wie das Herz des Gesetzes Gottes. Ohne sie würden viele andere Mizwot keinen Sinn ergeben.
Und dennoch gehen manche Details dieser Gebote verloren. Angesichts dessen schauen wir uns die Worte, die Gott am Sinai sprach, noch einmal genauer an.
Paraschat Jethro
2. Mose 18,1-20,23
Jesaja 6,1-7,6; 9,5-6; Matthäus 19,16-26
Grundlage unserer Betrachtung
Zunächst möchte ich dich aber darüber informieren, auf welcher Grundlage wir uns die Gebote noch einmal anschauen. Natürlich spielt hier der hebräische Text eine wesentliche Rolle, weshalb ich ihn im Zuge dieses Kommentars immer mitliefern werde. Es liegt einfach in der Natur der Sache, dass eine Übersetzung nicht jede Nuance der Muttersprache übertragen kann. Manche Inhalte gehen dabei einfach verloren.
Außerdem stütze ich mich bei der Betrachtung auf die Mischne Torah des mittelalterlichen Rabbis RAMBAM (Rabbi Moshe ben Maimon). In seiner Einleitung der Mischne Torah, erhebt RAMBAM den Anspruch, eine komplette Sammlung der mündlichen Torah zu liefern.
Es heißt dort:
Zusammenfassend lässt sich sagen: [Die Absicht dieses Textes ist es], dass eine Person in Bezug auf das jüdische Gesetz keinen weiteren Text mehr benötigt. Vielmehr wird dieser Text eine Zusammenstellung des gesamten mündlichen Gesetzes sein, einschließlich der Verordnungen, Bräuche und Erlasse, die seit der Zeit unseres Lehrers Moses bis zur Vollendung des Talmuds erlassen wurden, wie sie von den Geonim in den Texten erklärt wurden, die sie nach dem Talmud verfasst haben. Deshalb habe ich diesen Text Mishneh Torah („das Zweite zur Tora“) genannt, mit der Absicht, dass man zuerst das geschriebene Gesetz studieren und dann diesen Text studieren und daraus das gesamte mündliche Gesetz verstehen sollte, ohne zwischen den beiden einen weiteren Text studieren zu müssen.
Bis heute wird die Mischne Torah als das Standardwerk der jüdischen Halacha gesehen. Und da die mündliche Torah im Wesentlichen eine Erläuterung der schriftlichen ist, sollte es uns einen Blick wert sein, was RAMBAM zu den zentralen zehn Geboten am Sinai zusammengetragen hat.
1. Ich bin der Herr dein Gott
Das erste Gebot lautet:
אָֽנֹכִ֖י֙ יְהֹוָ֣ה אֱלֹהֶ֑֔יךָ אֲשֶׁ֧ר הוֹצֵאתִ֛יךָ מֵאֶ֥רֶץ מִצְרַ֖יִם מִבֵּ֣֥ית עֲבָדִ֑͏ֽים׃
לֹֽ֣א־יִהְיֶ֥͏ֽה־לְךָ֛֩ אֱלֹהִ֥֨ים אֲחֵרִ֖֜ים עַל־פָּנָֽ͏ַ֗י׃
Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus dem Land Ägypten, aus dem Haus der Knechtschaft, herausgeführt habe. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!
(2. Mose 20,2-3; Schlachter 2000)
Dieses erste Gebot ist laut RAMBAM das Prinzip, auf dem alles andere aufbaut. Wer nicht glaubt, dass es nur einen Gott gibt, hat die falsche Grundlage gelegt. Interessant ist auch, dass sich Gott hier als denjenigen bezeichnet, der sein Volk aus Ägypten geführt hat.
Es gibt keinen anderen Gott, der selbiges getan hat. Nicht umsonst fragt die Torah:
Oder hat je ein Gott versucht, hinzugehen und sich ein Volk mitten aus einem anderen Volk herauszunehmen durch Prüfungen, durch Zeichen, durch Wunder, durch Kampf und durch eine mächtige Hand und durch einen ausgestreckten Arm und durch furchterregende, große Taten, wie das alles der HERR, euer Gott, für euch in Ägypten getan hat vor deinen Augen?
(5. Mose 4,34; Schlachter 2000 – Hervorhebungen durch den Verfasser)
2. Du sollst dir kein Bildnis machen
Das zweite Gebot, welches wir im Text von Jethro finden, lautet:
לֹֽ֣א־תַעֲשֶֽׂ֨ה־לְךָ֥֣ פֶ֣֙סֶל֙ ׀ וְכׇל־תְּמוּנָ֔֡ה אֲשֶׁ֤֣ר בַּשָּׁמַ֣֙יִם֙ ׀ מִמַּ֔֡עַל וַֽאֲשֶׁ֥ר֩ בָּאָ֖֨רֶץ מִתָּ֑͏ַ֜חַת וַאֲשֶׁ֥ר בַּמַּ֖֣יִם ׀ מִתַּ֥֣חַת לָאָֽ֗רֶץ׃
לֹֽא־תִשְׁתַּחֲוֶ֥֣ה לָהֶ֖ם֮ וְלֹ֣א תׇעׇבְדֵ֑ם֒ כִּ֣י אָֽנֹכִ֞י יְהֹוָ֤ה אֱלֹהֶ֙יךָ֙ אֵ֣ל קַנָּ֔א פֹּ֠קֵ֠ד עֲוֺ֨ן אָבֹ֧ת עַל־בָּנִ֛ים עַל־שִׁלֵּשִׁ֥ים וְעַל־רִבֵּעִ֖ים לְשֹׂנְאָֽ֑י׃
וְעֹ֥֤שֶׂה חֶ֖֙סֶד֙ לַאֲלָפִ֑֔ים לְאֹהֲבַ֖י וּלְשֹׁמְרֵ֥י מִצְוֺתָֽי׃
Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was in den Wassern, unter der Erde ist. Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott, der die Schuld der Väter heimsucht an den Kindern bis in das dritte und vierte Glied derer, die mich hassen, der aber Gnade erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.
(2. Mose 20,4-6; Schlachter 2000)
Interessant ist an dieser Stelle, dass Gott zunächst einmal verbietet, dass wir uns ein Bild von irgendeinem Wesen auf der Erde, über der Erde und in den Wassern über oder unter der Erde machen. Das schließt Engel oder andere Wesen ein.
Doch hier geht es nicht darum, Kunst zu verbieten. Natürlich darfst du eine Skulptur eines Vogels oder eines anderen Tieres anfertigen. Problematisch wird es jedoch, wenn diese Skulptur als Fokus der Anbetung dient.
Doch was bedeutet es, andere Wesen anzubeten? Das hebräische Wort heißt hier vielmehr, sich vor ihnen zu bücken oder sich zu verbeugen. RAMBAM gibt hier vier Handlungen an, die damit in Verbindung stehen, anderen Göttern zu dienen:
- verbeugen
- ein Tier schlachten
- ein Brandopfer darbringen
- ein Trankopfer darbringen
Da diese vier Opfer in der Torah gebotene Handlungen sind, die wir Gott darbringen sollen, dürfen wir sie keinem anderen Gott bieten. Ganz praktisch heißt das, dass wir uns keinem Götzen unterordnen oder Opfer darbringen.
3. Den Namen Gottes nicht missbrauchen
Das dritte Gebot lautet:
לֹ֥א תִשָּׂ֛א אֶת־שֵֽׁם־יְהֹוָ֥ה אֱלֹהֶ֖יךָ לַשָּׁ֑וְא כִּ֣י לֹ֤א יְנַקֶּה֙ יְהֹוָ֔ה אֵ֛ת אֲשֶׁר־יִשָּׂ֥א אֶת־שְׁמ֖וֹ לַשָּֽׁוְא׃
Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen! Denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.
(2. Mose 20,7; Schlachter 2000)
RAMBAM sieht in diesem Vers vorrangig die Bedeutung, dass wir nicht im Namen Gottes schwören sollen, wenn wir den Schwur nicht halten. Es handelt sich also im Kern um das Verbot falscher Schwüre.
Das Gebot geht sogar so weit, dass Gott denjenigen nicht ungestraft lässt, der falsch schwört. RAMBAM sagt, dass jemand, der falsch schwört, zwar mit Peitschenhieben bestraft werden und ein Opfer darbringen kann, doch das hebt seine Strafe vor himmlischen Gerichten nicht auf. Gott persönlich trägt dafür Sorge, dass die Entweihung seines Namens gesühnt wird.
Ihr sollt nicht falsch schwören bei meinem Namen, sodass du den Namen deines Gottes entheiligst! Ich bin der HERR.
(3. Mose 19,12; Schlachter 2000)
4. Der Schabbat
זָכ֛וֹר֩ אֶת־י֥֨וֹם הַשַּׁבָּ֖֜ת לְקַדְּשֽׁ֗וֹ׃
שֵׁ֤֣שֶׁת יָמִ֣ים֙ תַּֽעֲבֹ֔ד֮ וְעָשִׂ֖֣יתָ כׇּֿל־מְלַאכְתֶּֽךָ֒׃
וְי֨וֹם֙ הַשְּׁבִיעִ֔֜י שַׁבָּ֖֣ת ׀ לַיהֹוָ֣ה אֱלֹהֶ֑֗יךָ לֹֽ֣א־תַעֲשֶׂ֣֨ה כׇל־מְלָאכָ֜֡ה אַתָּ֣ה ׀ וּבִנְךָ֣͏ֽ־וּ֠בִתֶּ֗ךָ עַבְדְּךָ֤֨ וַאֲמָֽתְךָ֜֙ וּבְהֶמְתֶּ֔֗ךָ וְגֵרְךָ֖֙ אֲשֶׁ֥֣ר בִּשְׁעָרֶֽ֔יךָ׃
Gedenke an den Sabbattag und heilige ihn! Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun; aber am siebten Tag ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes; da sollst du kein Werk tun; weder du, noch dein Sohn, noch deine Tochter, noch dein Knecht, noch deine Magd, noch dein Vieh, noch dein Fremdling, der innerhalb deiner Tore lebt.
(2. Mose 20,8-10; Schlachter 2000)
Um den Schabbat selbst ranken sich viele Gebote und Verbote, die wir hier unmöglich alle behandeln können. Doch bleiben wir einmal bei dem Wort des Gedenkens. Wie können wir des Schabbats gedenken?
RAMBAM beschreibt, dass der Schabbat zwar von Natur aus heilig ist, doch das Gott von uns auch ein Statement erwartet, dass wir ihn heiligen. Mit diesem Statement gedenken wir seiner Heiligkeit. Traditionell wird diese Heiligung über ein Glas Wein gesprochen. Damit ist der Kiddusch am Freitagabend eine direkte Erfüllung eines Gebots der Torah.
5. Vater und Mutter ehren
Das fünfte Gebot in der Ausführung in Jethro ist mit einer Verheißung verbunden. Es lautet:
כַּבֵּ֥ד אֶת־אָבִ֖יךָ וְאֶת־אִמֶּ֑ךָ לְמַ֙עַן֙ יַאֲרִכ֣וּן יָמֶ֔יךָ עַ֚ל הָאֲדָמָ֔ה אֲשֶׁר־יְהֹוָ֥ה אֱלֹהֶ֖יךָ נֹתֵ֥ן לָֽךְ׃
Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, damit du lange lebst in dem Land, das der HERR, dein Gott, dir gibt!
(2. Mose 20,12; Schlachter 2000)
RAMBAM sieht eine direkte Verbindung zwischen der Ehre und Furcht, die wir unseren Eltern entgegenbringen, und der Ehre und Furcht, die wir Gott gegenüber empfinden.
Wo ist die Verbindung? Gott ist unser Schöpfer. Er hat uns das Leben geschenkt. Doch er war dabei nicht allein. Er hat unsere Eltern in den Prozess mit eingebunden und sie beauftragt, uns in Form ihrer Erziehung viele Fähigkeiten und Erfahrungen mitzugeben, die uns zu dem gemacht haben, was wir heute sind.
Gott ist also unser unsichtbarer Schöpfer. Vater und Mutter sind die sichtbaren.
6. Du sollst nicht töten
Das sechste Gebot ist selbsterklärend. Es steht keinem Individuum in Israel zu, einen anderen Hebräer zu ermorden. Die hebräische Schrift wird hier noch deutlicher. Es geht um das Erschlagen eines Menschen.
לֹ֥֖א תִּֿרְצָ֖͏ֽח
Du sollst nicht töten!
(2. Mose 20,13; Schlachter 2000)
Ausgenommen sind hier Tötungen, die aufgrund eines Gerichtsurteils ergehen, in Notwehr oder im Zuge eines Krieges geschehen.
7. Du sollst nicht ehebrechen
לֹ֣֖א תִּֿנְאָ֑͏ֽף
Du sollst nicht ehebrechen!
(2. Mose 20,14; Schlachter 2000)
Die Ehe ist ein heiliger Bund, der zwischen einem Mann und einer Frau geschlossen ist. Dieser ist exklusiv für diese beiden Parteien. Niemand hat das Recht, sich in diesen Bund einzumischen.
8. Du sollst nicht stehlen
לֹ֣֖א תִּֿגְנֹֽ֔ב׃
Du sollst nicht stehlen.
(2. Mose 20,15; Schlachter 2000)
An dieser Stelle wird es interessant, denn das Gebot besagt nicht einfach, dass wir nicht stehlen sollen. Das hebräische Wort ganab bedeutet eigentlich, einen Menschen zu rauben. Es geht nicht um Bagatelldelikte, wie die geklaute Kaugummipackung aus der Kindheit. Vielmehr verbietet der Vers Menschenraub und Menschenhandel.
9. Du sollst kein falsches Zeugnis reden
לֹֽא־תַעֲנֶ֥ה בְרֵעֲךָ֖ עֵ֥ד שָֽׁקֶר׃
Du sollst kein falsches Zeugnis reden gegen deinen Nächsten!
(2. Mose 20,16; Schlachter 2000)
Mit einem falschen Zeugnis ist nicht einfach nur eine Alltagslüge gemeint. Vielmehr bezieht sich das Gebot auf eine falsche Beschuldigung vor Gericht. Wer auch immer ein Zeugnis ablegt und damit einem Menschen fälschlicherweise etwas zur Last legt oder ein Zeugnis ablegt, das er nur aus zweiter Hand hat, übertritt dieses Gebot.
10. Du sollst nicht begehren
לֹ֥א תַחְמֹ֖ד בֵּ֣ית רֵעֶ֑ךָ
לֹֽא־תַחְמֹ֞ד אֵ֣שֶׁת רֵעֶ֗ךָ וְעַבְדּ֤וֹ וַאֲמָתוֹ֙ וְשׁוֹר֣וֹ וַחֲמֹר֔וֹ וְכֹ֖ל אֲשֶׁ֥ר לְרֵעֶֽךָ׃
Du sollst nicht begehren das Haus deines Nächsten! Du sollst nicht begehren die Frau deines Nächsten, noch seinen Knecht, noch seine Magd, noch sein Rind, noch seinen Esel, noch irgendetwas, das dein Nächster hat!
(2. Mose 20,17; Schlachter 2000)
An diesem zehnten Gebot sehen wir, dass nicht der Diebstahl von Dingen allein problematisch ist, sondern bereits das Begehren von Dingen, die uns nicht gehören.
Fazit zur Paraschah Jethro
Die zehn Gebote sind ein fester Bestandteil im täglichen Gebet vieler Juden. Sie werden meist täglich rezitiert. Umso wichtiger ist es, dass wir wissen, was die einzelnen Gebote tatsächlich bedeuten.
In diesem Kommentar zu Jethro habe ich versucht, einen Überblick auf der Grundlage von RAMBAMs Mischne Torah dazu zu geben. Allerdings ist dieser Überblick nicht umfassend und ersetzt kein eigenes Studium. Doch es lohnt sich, die Kernbedeutung der hebräischen Worte der Bibel zu erforschen.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
