Ha’azinu – Unsere Feinde als Richter
Mit der Parascha Ha’azinu verlassen wir allmählich das Buch Devarim und kommen langsam zum Ende des diesjährigen Torahlaufs. Dabei ist es kein Zufall, dass Ha’azinu inmitten der 10 Tage der Buße, also zwischen Rosch HaSchana und Jom Kippur, gelesen wird.
Das Lied, welches Mose in dieser Paraschah vorträgt, enthält grundlegende Prophetien zur Zukunft Israels. Es sagt den Abfall, aber auch die Umkehr, Teschuva, des Volkes voraus. Ein Satz darin ist mir dabei besonders ins Auge gefallen.
Paraschat Ha’azinu
5. Mose 32,1-52
Hosea 14,2-10; Joel 2,15-27; Matthäus 18,21-35
Ha’azinu und die Vorhersage des Abfalls
Die letzten Kapitel des Buches Devarim beschreiben den letzten Tag in Moses Leben. Der bisherige Führer Israels versuchte in diesen finalen Stunden, die ihm blieben, die wichtigsten Weichen für Israel zu stellen.
Dass dies alles andere als leicht war, liegt auf der Hand. Der Levit bekam bereits in der Paraschah Wajelech die deutliche Vorhersage, dass Israel vom heiligen Weg Gottes abweichen würde.
Und der HERR sprach zu Mose: Siehe, du wirst dich zu deinen Vätern legen, und dieses Volk wird aufstehen und den fremden Göttern des Landes nachhuren, in dessen Mitte es hineinkommt; und es wird mich verlassen und meinen Bund brechen, den ich mit ihm gemacht habe.
(5. Mose 31,16; Schlachter 2000 – Hervorhebung durch den Verfasser)
Wir wollen hier einen Moment innehalten. Stell dir vor, du bekommst von Gott den Auftrag, ein Volk 40 Jahre durch die verschiedensten Herausforderungen zu führen. Dabei hast du den Auftrag, dieses Volk auf ein Ziel vorzubereiten – das Leben als heiliges Volk im gelobten Land. Und kurz vor deinem Tod erhältst du die Botschaft: Dieses Volk wird garantiert von den Wegen abweichen, die du gelehrt hast.
Wie würdest du reagieren? Mit Enttäuschung? Wut? Trauer? Über Mose erfahren wir nichts dergleichen. Die Information führte bei Mose nicht zu einem emotionalen Ausbruch. Vielmehr fokussierte er sich auf die Vorbereitung des Volkes, so dass es auch nach seinem Tod zur Torah zurückfinden würde.
Teil dieser Vorbereitung war das Lied, welches Mose dem Volk hinterließ.
Ha’azinu und das zweite Lied von Mose
Lieder haben eine gewisse Tradition bei Mose. Das erste dokumentierte Lied des Leviten finden wir in der Paraschah Beschalach. Dort stimmte er zusammen mit seiner Schwester Mirjam ein Lied des Dankes und der Freude über die Befreiung aus Ägypten und Gottes Sieg über Pharao und seine Armee an.
Das Lied in Ha’azinu unterscheidet sich jedoch deutlich. Es ist mehr als Warnung zu sehen, denn als Freudenhymne. In diesem Lied sagt Mose den Abfall Israels und die damit verbundenen Konsequenzen voraus.
Es heißt dort unter anderem:
Gegen ihn haben verderblich gehandelt, die nicht seine Kinder sind, sondern Schandflecken, ein verkehrtes und verdrehtes Geschlecht. Dankst du so dem HERRN, du törichtes und unweises Volk? Ist er nicht dein Vater, dem du gehörst, ist er es nicht, der dich gemacht und bereitet hat?
(5. Mose 32,5-6; Schlachter 2000)
Bereits in den ersten Versen wird die Rebellion Israels deutlich. Doch es geht noch weiter.
Sie erregten seine Eifersucht durch fremde [Götter]; durch Gräuel erzürnten sie ihn. Sie opferten den Dämonen, die nicht Gott sind, Göttern, die sie nicht kannten, neuen Göttern, die erst vor Kurzem aufgekommen waren, die eure Väter nicht verehrten. Den Fels, der dich gezeugt hat, hast du außer Acht gelassen; und du hast den Gott vergessen, der dich hervorbrachte!
(5. Mose 32,16-18; Schlachter 2000)
Als Folge der Abwendung von Gott und der Hinwendung zum Götzendienst sagte Mose voraus:
Als der HERR es sah, verwarf er sie, aus Unwillen über seine Söhne und seine Töchter. Und er sprach: Ich will mein Angesicht vor ihnen verbergen; ich will sehen, was ihr Ende sein wird, denn sie sind ein verkehrtes Geschlecht, sie sind Kinder, in denen keine Treue ist.
(5. Mose 32,19-20; Schlachter 2000)
Gott würde sich von seinem Volk ebenfalls abwenden. Er würde sein Angesicht verbergen und es seinen Feinden ausliefern. Dabei ist eine Formulierung im Bezug auf die Feinde Israels sehr interessant.
Die Feinde als Richter
In Haazinu lesen wir den folgenden Vers:
Denn ihr Fels ist nicht wie unser Fels; das müssen unsere Feinde selbst zugeben!
(5. Mose 32,31; Schlachter 2000)
Hier ist die Rede von den Feinden Israels, die erkennen müssten, dass der Fels Israels, Gott persönlich, stärker ist als ihre Götzen. Der Allmächtige hat das Großreich, die damalige Weltmacht Ägypten, komplett zerschlagen und sein Volk Israel herausgerettet. Er hat Jericho dem Erdboden gleichgemacht. Und er hat die Könige Sihon und Og geschlagen.
Woran konnte es also liegen, dass Israel von seinen Feinden besiegt werden würde? Doch nur daran, dass sich ihr Fels infolge des Ungehorsams von ihnen abgewendet hat. Die obige Übersetzung sagt nun, dass dies die Feinde zugeben müssten. Der hebräische Text beinhaltet aber noch eine andere mögliche Lesart.
כִּ֛י לֹ֥א כְצוּרֵ֖נוּ צוּרָ֑ם וְאֹיְבֵ֖ינוּ פְּלִילִֽים׃
(5. Mose 32,31; Schlachter 2000)
Denn ihr Fels ist nicht wie unser Fels; das müssen unsere Feinde selbst zugeben!
Der hebräische Begriff פְּלִילִֽים (p’lilim) kann auch mit „Richter“ übersetzt werden. Folglich ließe sich der zweite Teil des Verses auch so übersetzen:
… unsere Feinde sind unsere Richter.
Diese Variante gibt dem Vers eine zusätzliche Bedeutung. Denn letztlich stellt sich die Frage, von wem wir uns regieren lassen. Ist es Gott? Oder sind es dessen Feinde?
Natürlich leben wir in einer Welt, in der wir weltlichen Regierungen unterworfen sind. Diese Regierungen sind Gott nicht selten feindlich gesinnt. Allein das ist schon eine Art Gericht. Doch daran können wir im Außen gar nichts ändern.
Vielmehr stellt sich die Frage, wem wir im Inneren dienen. Wer hat das letzte Wort bei unseren Entscheidungen? Fürchten wir Regierungen mehr als Gott? Lassen wir Gebote außer Acht, weil bestimmte Gesetze sie unbequem machen? Und welchen Einfluss haben Regierungen und politisches Handeln wirklich auf unser Leben? Lassen wir uns davon einschüchtern oder manipulieren?
Bei der ehrlichen Beantwortung dieser Fragen erhalten wir einen Spiegel, in dem unser Herz wirklich steht. Und vor diesem Hintergrund sind unsere Feinde die Richter über unser Herz, die uns ein wahres Urteil erlauben.
Der Segen der Feinde Gottes
Wenn Gott sein Volk seinen Feinden ausliefert, dann steckt in diesem Handeln selbstverständlich auch ein Segen. Denn durch die gottlose Herrschaft wird die schlafende Seele wach.
Der Hebräer in uns beginnt, nach Gott zu schreien, und sucht ihn. Er sucht die Gerechtigkeit. Er sucht die Torah. Er sucht die Erlösung aus der Knechtschaft.
So wie die Israeliten in Ägypten zu Gott schrien, weil der Pharao sie bedrückte, so schreien auch wir zu Gott, wenn die Last der Fremdherrschaft zu groß für uns wird.
Und so schenkt uns Gott einen Hunger nach ihm, den wir ohne das Gericht durch unsere Feinde nie erfahren hätten.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
