Emor – Der Preis des Priestertums
Mit der Lesung Emor setzen wir inhaltlich das Thema der Heiligung aus Kedoschim fort. Allerdings wird es in dieser Paraschah etwas spezifischer. Zu Beginn geht es nämlich um bestimmte Vorschriften für die Priester der aaronitischen Linie.
Dabei sind den Söhnen Aarons bestimmte Dinge verboten, die den meisten Israeliten erlaubt sind. Gleichzeitig sind die Kohanim zu anderen Dingen verpflichtet, die für die Hebräer keine Rolle spielen. Auch wenn wir keine levitischen Priester sind, so sollten uns deren Rahmenbedingungen dennoch interessieren, denn auch wir sind zu Priestern (nach der Ordnung Melchisedeks) berufen.
Paraschat Emor
3. Mose 21,1-24,23
Hesekiel 44,15-31; Matthäus 26,59-66
Die besondere Stellung der Priester
Wir wollen zunächst einmal einen Blick auf den aaronitischen Priester werfen. Diese hatten in Israel eine herausragende Stellung. Nur die Linie Aarons war berufen, als Priester in der Stiftshütte und später im Tempel zu dienen. Doch diese spezielle Berufung hatte eine Vorgeschichte.
Aaron war ein Levit und damit ein Nachfahre des Stammvaters Levi. Auf den ersten Blick erschien die Zukunft des Stammes alles andere als segensreich. Der Patriarch Jakob sprach nämlich folgenden „Segen“ über seinen dritten Sohn:
Simeon und Levi sind Brüder, Waffen der Gewalt sind ihre Schwerter! Meine Seele komme nicht in ihren geheimen Rat, und meine Ehre vereine sich nicht mit ihrer Versammlung! Denn sie haben Männer gemordet in ihrem Zorn und Stiere verstümmelt in ihrer Willkür. Verflucht sei ihr Zorn, weil er so heftig, und ihr Grimm, weil er so hart ist! Ich will sie verteilen unter Jakob und zerstreuen unter Israel.
(1. Mose 49,5–7; Schlachter 2000 – Hervorhebung durch den Verfasser)
Simeon und Levi hatten Jakob unter den Kanaanitern in Verruf gebracht, als sie die Stadt Sichem überfielen (1. Mose 34). Ihren ungebändigten Zorn nahm ihnen Jakob so übel, dass er sie mit einem Fluch anstatt eines Segens bedachte.
Levi und Simeon sollten in Israel zerstreut werden, was hieß, dass sie keine Ländereien im verheißenen Land besitzen würden. Letztlich kam es auch so. Levi erhielt kein eigenes Land und Simeons Territorium befand sich mitten in Juda. Nach der Teilung des Reiches verlor somit auch Simeon das eigene Land.
Doch die beiden Stämme gingen unterschiedliche Wege. Wo Simeon nie wirklich umkehrte, war Levi der Stamm, der sich durch echte Teschuva auszeichnete. Denn nach der Sünde des Goldenen Kalbes war es der ganze Stamm Levi, der sich an Moses Seite stellte und das Gericht im Lager ausführte.
Vor diesem Hintergrund war die Grundlage für das Erbe des Priestertums die Umkehr von der Sünde und die volle Hingabe gegenüber Gottes Willen. Dieses kompromisslose Einstehen für die Allmächtigen qualifizierte den Stamm Levi, und insbesondere Aaron und seine Söhne, für den Dienst im Heiligtum.
Emor und die Verantwortung der Priester
In den ersten Versen von Emor erfahren wir nun von einigen Geboten und Verboten, die nur für die Priester relevant waren. Zunächst fällt dabei auf, dass sie sich nur in einem begrenzten Rahmen an einem Verstorbenen verunreinigen durften.
Und der HERR sprach zu Mose: Rede mit den Priestern, den Söhnen Aarons, und sprich zu ihnen: [Ein Priester] soll sich nicht wegen eines Toten unter seinem Volk verunreinigen, …
(3. Mose 21,1; Schlachter 2000)
Auch wenn es diverse Ausnahmen wie die eigene Ehefrau oder nahe Verwandte wie Vater, Mutter oder Geschwister gab, ist das schon eine Ansage. Was, wenn nahe Freunde starben? Oder alte Weggefährten?
Den Priestern war es nicht erlaubt, auch nur deren Grab zu besuchen. Für den Hohepriester galten sogar noch strengere Regeln.
Derjenige aber, der Hoherpriester ist unter seinen Brüdern, auf dessen Haupt das Salböl gegossen wurde und dem man die Hand gefüllt hat, damit er die [heiligen] Kleider anziehe, der soll sein Haupthaar nicht wirr hängen lassen und seine Kleider nicht zerreißen. Er soll auch zu keinem Toten kommen; [auch] um seines Vaters und seiner Mutter willen soll er sich nicht verunreinigen.
(3. Mose 21,10-11; Schlachter 2000)
Dieser durfte nicht einmal seinen Vater oder seine Mutter persönlich zu Grabe geleiten oder auch nur deren Grab besuchen. Sein Amt war in diesen Fällen viel zu wichtig.
Letztlich ist es verständlich. Ein unreiner Priester war für mindestens sieben Tage vom Dienst ausgeschlossen. Gerade zu Beginn des aaronitischen Priesterdienstes, als nur Aaron und seine beiden verbliebenen Söhne Eleasar und Itamar den Dienst verrichteten, wäre eine Verunreinigung aller drei eine Katastrophe gewesen. Wer hätte dann die täglichen Brandopfer darbringen und das Räucherwerk sowie die Lampe entzünden sollen?
Auch im Bereich der Partnerwahl waren die Priester sehr eingeschränkt. Tatsächlich war ein Priester, der eine unpassende Frau gewählt hatte, vom Dienst ausgeschlossen. Rashi weist sogar darauf hin, dass der Priester in einem solchen Fall Strafen über sich hat ergehen lassen müssen, bis er sich von der entsprechenden Frau getrennt und geschieden hatte.
Wir sehen hier also, dass das Priesteramt das ganze Leben eines Aaronsohnes überschattete.
Die Berufung zum Priesterdienst
In Emor heißt es:
Sie sollen ihrem Gott heilig sein und den Namen ihres Gottes nicht entweihen; denn sie opfern die Feueropfer des HERRN, das Brot ihres Gottes, und sie sollen heilig sein.
(3. Mose 21,6; Schlachter 2000)
Der heilige Wandel war eine Pflicht für den Priester – keine Option. Der obige Vers steht im Zusammenhang mit äußerlichen Zeichen der Trauer. Gott verbietet diese ausdrücklich und erwartet, dass seine Priester heilig für ihn sind.
Auch hier kommentiert Rashi, dass die Priester notfalls zur Heiligung gezwungen werden sollten. Einem Priester standen einfach gewisse Dinge oder Praktiken, die für die meisten Israeliten erlaubt waren, nicht zu. Dies beinhaltete die Art der Trauer um die Toten sowie die Wahl der Ehefrau.
Da das Priestertum vererbt wurde und keine Wahl war, wuchsen die Priester auch anders auf als die restlichen Hebräer. Für einen Nachfahren Abrahams war klar, dass er eines Tages Priester werden würde. Berufe wie Landwirt, Handwerker oder Viehzüchter kamen für ihn nicht infrage.
Schon von klein auf war das Leben eines aaronitischen Sohnes vorherbestimmt. Er würde Priester werden, und sein ganzes Leben, seine ganze Ausbildung war ausschließlich darauf ausgerichtet. Es gab keine andere Option für ihn.
Können wir uns das heute vorstellen? In einer Welt, in der wir von Selbstverwirklichung sprechen, von Individualität und Wahlfreiheit, erscheint uns diese Berufung etwas verstaubt. Doch wir können leicht Parallelen zu uns persönlich ziehen.
Das Priestertum nach Melchisedek
Der Apostel Petrus erinnert uns daran, dass auch wir, die wir nicht aus der Linie Aarons stammen, eine priesterliche Berufung haben.
Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, ein heiliges Volk, ein Volk des Eigentums, damit ihr die Tugenden dessen verkündet, der euch aus der Finsternis berufen hat zu seinem wunderbaren Licht …
(1. Petrus 2,9; Schlachter 2000)
Mit seinem Hinweis in Vers 10, dass seine Leser einst nicht Gottes Volk waren, nun aber zum Volk geworden sind, nimmt Petrus Bezug auf den Propheten Hosea (Hosea 2,1), der sich explizit an das Nordreich Israels richtete.
Damit wird deutlich: Die priesterliche Berufung ist im Neuen Bund nicht mehr an eine Abstammung gebunden, sondern an die Zugehörigkeit zu Gott selbst. Während die Söhne Aarons durch ihre Geburt in diese Aufgabe hineingestellt wurden, geschieht unsere Berufung durch Gnade und durch den Glauben.
Doch bedeutet das, dass unsere Berufung weniger verbindlich ist? Keineswegs.
Wenn wir die Anforderungen aus Emor betrachten, dann erkennen wir ein Prinzip, das weit über das aaronitische Priestertum hinausgeht: Nähe zu Gott bringt Verantwortung mit sich.
Die Parallele: Aaronitisches Priestertum und die Ordnung Melchisedeks
Das aaronitische Priestertum war sichtbar, strukturiert und an klare Gebote gebunden. Reinheit, Lebensführung und sogar persönliche Entscheidungen standen unter dem Anspruch der Heiligkeit. Der Priester lebte nicht für sich selbst, sondern für den Dienst vor Gott.
Das Priestertum nach der Ordnung Melchisedeks, von dem wir im Neuen Testament lesen (Hebräer 7), ist in seiner Natur anders – aber nicht weniger anspruchsvoll.
Während die aaronitischen Priester:
- durch Abstammung berufen waren,
- einen irdischen Tempel dienten,
- äußere Reinheitsgebote einhalten mussten,
sind wir als Priester nach der Ordnung Melchisedeks:
- durch den Glauben berufen,
- Tempel des Heiligen Geistes (1. Korinther 6,19; Schlachter 2000),
- zu einem inneren, ganzheitlichen heiligen Leben aufgerufen.
Die äußeren Vorschriften sind nicht mehr das Zentrum – aber die innere Haltung umso mehr. Unser Tempeldienst findet nicht mehr in einem Gebäude aus Stein statt, sondern in einem geistlichen Tempel.
Oder anders gesagt:
Was bei Aaron sichtbar geregelt war, ist bei uns ins Herz geschrieben.
Der Preis bleibt derselbe
Wenn wir ehrlich sind, wünschen wir uns oft die Nähe Gottes – aber ohne die Konsequenzen. Doch genau hier fordert uns Emor heraus.
Die Priester konnten nicht einfach leben wie alle anderen. Sie mussten anders denken, anders handeln, anders entscheiden. Ihr ganzes Leben war ein Zeugnis dafür, dass sie Gott gehörten. Und genau das gilt auch für uns.
Auch wir sind berufen:
- uns nicht von allem „verunreinigen“ zu lassen, was unsere Beziehung zu Gott trübt,
- bewusste Entscheidungen zu treffen – auch wenn sie uns etwas kosten,
- ein Leben zu führen, das Gottes Heiligkeit widerspiegelt.
Vielleicht sind es heute keine Reinheitsgesetze oder Ehevorschriften wie bei Aaron. Doch es sind andere Bereiche: unsere Gedanken, unsere Prioritäten, unser Umgang mit Menschen, unsere Zeit.
Eine persönliche Frage
Wenn du dein Leben betrachtest:
Sieht man daran, dass du zu diesem „königlichen Priestertum“ gehörst?
Oder unterscheidet sich dein Alltag kaum von dem eines Menschen, der Gott nicht kennt?
Das ist keine Anklage – sondern eine Einladung.
Denn so wie der Stamm Levi durch Umkehr (תשובה, Teschuva) seinen Weg veränderte, so dürfen auch wir immer wieder neu ausgerichtet werden.
Fazit zu Emor
Die Parascha Emor zeigt uns eindrücklich: Priestertum ist kein Titel, sondern ein Lebensstil – und dieser hat seinen Preis.
Für die Söhne Aarons bedeutete es Verzicht, Disziplin und klare Grenzen.
Für uns bedeutet es Hingabe, innere Heiligkeit und ein Leben in der Nachfolge.
Doch bei aller Herausforderung liegt darin auch eine große Würde:
Wir dürfen Gott nahe sein. Wir dürfen ihm dienen. Und wir dürfen sein Licht in diese Welt tragen. Die Frage ist nicht, ob wir berufen sind. Die Frage ist, wie wir auf diese Berufung antworten.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
