Ekev – Dankbarkeit nach dem Essen
Ein kleiner Einblick in unseren Familienalltag: Das Essen ist beendet. Die Teller sind fast abgeräumt, die Kinder wollen schon aufstehen. Doch bevor sich die Meute in alle Richtungen verstreut, heißt es: „Setzt euch noch einmal hin! Wir haben das Tischgebet noch nicht gesprochen.“ Manchmal widerwillig kommen die Kinder dann zurück. Doch diese wenigen Minuten des Innehaltens sind uns wichtig. Denn sie machen aus einer alltäglichen Mahlzeit einen heiligen Moment der Dankbarkeit – zumindest in der Theorie. Doch genau um diese Dankbarkeit geht es in der Parascha Ekev.
Der Name Ekev bedeutet eigentlich „Ferse“. Raschi greift einen Midrasch auf und erklärt, dass damit auch jene Gebote gemeint sind, die der Mensch leicht mit der Ferse tritt – die kleinen Mizwot, die im Alltag schnell übersehen oder als selbstverständlich betrachtet werden. Dazu gehört vielleicht auch der Dank nach dem Essen. Gerade weil wir mehrmals täglich essen, kann das Tischgebet leicht zur Nebensache werden. Doch ausgerechnet dieser scheinbar kleine Moment steht im Zentrum der Parascha.
Paraschat Ekev
5. Mose 7,12-11,25
Jesaja 49,14-51,3; Matthäus 16,13-20
Ekev lehrt: Erfolg ist Gottes Segen und unsere Verantwortung
Israel steht unmittelbar vor dem Einzug in das verheißene Land. Das Volk wird Häuser beziehen, die es nicht gebaut hat, Weinberge und Olivenhaine nutzen, die es nicht gepflanzt hat, und von einer bereits vorhandenen Infrastruktur profitieren. Mose weiß, dass Israel durch Gottes Segen und die eigene Arbeit Wohlstand erlangen wird. Deshalb mahnt er eindringlich zur Dankbarkeit.
Er malt seinem Volk kein romantisches Bild vom Leben im Land Israel. Er weiß, dass dort gearbeitet werden muss. Felder wollen bestellt, Häuser erhalten und Familien versorgt werden. Die Torah spricht niemals gegen Fleiß oder wirtschaftlichen Erfolg. Im Gegenteil: Der Mensch soll die Erde bebauen und verantwortungsvoll mit den Gaben Gottes umgehen.
Doch gleichzeitig warnt Mose vor einer Gefahr, die oft erst mit dem Erfolg beginnt.
Und wenn du gegessen hast und satt geworden bist, dann sollst du den HERRN, deinen Gott, loben für das gute Land, das er dir gegeben hat. … und damit du nicht in deinem Herzen sagst: Meine eigene Kraft und die Stärke meiner Hand hat mir diesen Reichtum verschafft!
(5. Mose 8,10.17; Schlachter 2000)
Diese Mahnung hat bis heute nicht an Aktualität verloren. Wer lange auf etwas hingearbeitet hat, darf sich über den Erfolg freuen. Wer eine Ausbildung abschließt, ein Unternehmen aufbaut oder für seine Familie sorgt, leistet Großartiges. Aber genau hier setzt die Torah einen wichtigen Akzent: Unsere Arbeit allein erklärt unseren Erfolg nicht.
Wer hat uns Gesundheit geschenkt? Wer hat uns Begabungen gegeben? Wer öffnet Türen, schenkt Begegnungen, Möglichkeiten und günstige Umstände? Mose erinnert Israel daran, dass hinter allem menschlichen Einsatz letztlich Gottes Segen steht.
Dankbarkeit bedeutet deshalb nicht, die eigene Leistung kleinzureden. Dankbarkeit ordnet unsere Leistung richtig ein. Sie bewahrt uns vor der Illusion, wir seien allein unseres Glückes Schmied.
Vielleicht lässt sich der Gedanke so zusammenfassen: Dankbarkeit führt zur Demut. Und fehlende Dankbarkeit führt leicht zu Hochmut und Arroganz. Genau davor möchte die Parascha Ekev uns bewahren.
Der Birkat ha-Mason – ein Tischgebet, das die Geschichte Israels erzählt
Auffällig ist, dass die Torah nicht zuerst gebietet, vor dem Essen zu danken. Das ausdrückliche Gebot lautet vielmehr:
Und wenn du gegessen hast und satt geworden bist, dann sollst du den HERRN, deinen Gott, loben für das gute Land, das er dir gegeben hat.
(5. Mose 8,10; Schlachter 2000)
Gerade nach dem Sattwerden soll der Mensch danken. Denn genau dann besteht die größte Gefahr, Gott zu vergessen.
Aus diesem Gebot entwickelte sich der Birkat ha-Mason, das Tischgebet nach dem Essen. Bemerkenswert ist, dass dies das einzige Tischgebet ist, dessen Verpflichtung unmittelbar aus der Torah stammt. Die Segenssprüche vor dem Essen wurden erst später von den rabbinischen Weisen eingeführt. Das schmälert ihre Bedeutung keineswegs, macht aber deutlich, welchen Stellenwert die Torah dem Dank nach dem Essen beimisst.
Der Talmud (Berachot 48b) beschreibt eindrucksvoll, wie der Birkat ha-Mason über viele Jahrhunderte gewachsen ist.
- Den ersten Segen führte Mose ein, als Israel in der Wüste täglich das Manna empfing. Er erinnert daran, dass Gott seine Schöpfung ernährt und sein Volk versorgt.
- Den zweiten Segen ergänzte Josua nach dem Einzug in das verheißene Land. Nun stand nicht mehr allein die tägliche Nahrung im Mittelpunkt, sondern auch die Dankbarkeit für das Land Israel, das Gott seinem Volk geschenkt hatte.
- Der dritte Segen geht auf König David und König Salomo zurück. David dankte für Jerusalem als Hauptstadt Israels, Salomo für den Tempel, den Ort der besonderen Gegenwart Gottes.
- Der vierte Segen, HaTow weHaMetiw, wurde nach der verheerenden Niederlage von Betar im Zusammenhang mit dem Bar-Kochba-Aufstand von den Weisen eingefügt. Trotz einer der dunkelsten Stunden der jüdischen Geschichte bekannten sie sich weiterhin zu Gottes Güte und Barmherzigkeit. Selbst in Zeiten tiefster Trauer bleibt Gott seinem Volk treu.
So ist der Birkat ha-Mason weit mehr als ein Dank für eine Mahlzeit. Wer ihn betet, begibt sich auf eine Reise durch die Geschichte Israels – von der Wüste über das verheißene Land bis nach Jerusalem und sogar durch Zeiten schwerster Prüfungen. Das Tischgebet verbindet Generationen miteinander und erinnert daran, dass Gottes Treue alle Epochen der Geschichte durchzieht.
Gerade deshalb sollte der Birkat ha-Mason in unseren Familien einen festen Platz haben. Kinder lernen Dankbarkeit nicht zuerst durch Erklärungen, sondern dadurch, dass sie erleben, wie ihre Eltern nach einer Mahlzeit bewusst innehalten und Gott danken. So wächst das Bewusstsein, dass ein voller Tisch keine Selbstverständlichkeit ist, sondern Ausdruck göttlicher Fürsorge.
Die Parascha Ekev erinnert uns daran, dass Wohlstand niemals nur das Ergebnis unserer eigenen Anstrengungen ist. Gott schenkt Fähigkeiten, Kraft, Möglichkeiten und seinen Segen. Indem wir nach dem Essen den Birkat ha-Mason sprechen, danken wir nicht nur für Brot und Nahrung. Wir bekennen uns zur Geschichte Israels, zur Versorgung Gottes in der Wüste, zur Gabe des Landes, zu Jerusalem und zu der Hoffnung, dass Gottes Güte selbst in schweren Zeiten nicht endet.
Gerade deshalb ist Ekev eine Einladung, Dankbarkeit als Lebenshaltung einzuüben. Denn ein dankbares Herz wird demütig – und ein demütiger Mensch erkennt Gottes Segen selbst in den alltäglichsten Dingen.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
