Devarim – Warum elf Tage zu vierzig Jahren wurden
Mit Devarim beginnen wir den letzten Abschnitt der Torah. Israel steht wenige Wochen vor der Einnahme des Landes. Mose hält eine letzte Rede, in der er das Volk noch einmal auf diese letzte Etappe vorbereitet.
Doch innerhalb der Paraschah begegnet uns eine erstaunliche Feststellung. Die Reise vom Horeb bis ins Land Kanaan hätte nur 11 Tagesreisen betragen müssen. Und doch waren es letztlich 40 Jahre. Wir werfen einen Blick auf die Gründe und welche Lehre heute für uns darin steckt.
Paraschat Devarim
5. Mose 1,1-3,22
Jesaja 1,1-27; Matthäus 24,1-22
Devarim zeigt: Der kürzeste Weg ist nicht immer der richtige
Geografisch betrachtet hätte Israel das verheißene Land in kurzer Zeit erreichen können. Gottes Verheißung war da. Das Ziel war klar. Der Weg war bekannt.
Die Kinder Israels wären zwar in der Lage gewesen, diese Strecke in 11 Tagen zurückzulegen, schließlich sagt uns der Text:
Elf Tagereisen sind es vom Horeb auf dem Weg zum Bergland Seir bis Kadesch-Barnea.
(5. Mose 1,2; Schlachter 2000)
Doch ging es Gott nicht nur um die körperliche Fitness, um das Ziel zu erreichen. Die Kinder Israels hatten Füße, die laufen konnten. Doch sie hatten auch ein Herz, das Vertrauen lernen musste.
Die Generation des Auszugs hatte Ägypten zwar körperlich verlassen, doch Ägypten hatte ihre Herzen noch nicht vollständig verlassen. Sklavendenken, Angst, Misstrauen und Rebellion begleiteten sie immer wieder auf ihrem Weg. Deshalb wurde aus einer kurzen Reise eine jahrzehntelange Wüstenwanderung.
Dabei dürfen wir die Wüste nicht nur als Strafe verstehen. Sie war vor allem eine Schule Gottes. In der Wüste empfing Israel die Torah. Dort wurde die Stiftshütte errichtet. Dort lernte das Volk Opferdienst, Reinheit, Heiligkeit und Gemeinschaft. Dort offenbarte sich die Herrlichkeit Gottes mitten im Lager. Dort lernte Israel, täglich vom Manna abhängig zu sein und der Wolkensäule zu folgen.
All diese Erfahrungen wären in elf Tagen niemals möglich gewesen. Devarim offenbart vor diesem Hintergrund, dass Gott nicht nur Menschen an ein Ziel bringen möchte. Er möchte sie unterwegs verändern.
Die Wüste ist Gottes Werkstatt
Wünschst du dir auch manchmal, dass Gott Hindernisse einfach beseitigen würde? Doch oft benutzt Gott gerade diese Hindernisse, um an unserem Charakter zu arbeiten.
Die Wüste ist in der Bibel immer wieder ein Ort der Begegnung mit Gott. Dort gibt es wenig Ablenkung. Dort zeigt sich, worauf unser Vertrauen wirklich gegründet ist.
Israel lernte Schritt für Schritt:
- Gott versorgt.
- Gott führt.
- Gott vergibt.
- Gott richtet.
- Gott heiligt.
Jede Station hatte ihren eigenen Zweck. Die Stiftshütte war dabei weit mehr als ein transportables Heiligtum. Sie war ein sichtbares Bild dafür, dass Gott mitten unter seinem Volk wohnen wollte. Jeder Opferdienst, jede priesterliche Handlung und jedes Fest bereitete Israel darauf vor, einmal als heiliges Volk im Land zu leben.
Das verheißene Land war kein gewöhnliches Land. Deshalb musste auch das Volk vorbereitet werden. Und so sehen wir in Devarim, dass nicht die Entfernung das eigentliche Problem war, sondern die innere Reife des Volkes.
Die Ewigkeit ist näher, als wir denken
Diese Wahrheit betrifft nicht nur Israel. Auch wir leben gewissermaßen nur wenige Schritte von unserer eigentlichen Heimat entfernt.
Die Bibel beschreibt, dass Gott einen Schleier über die Völker gelegt hat.
Und er wird auf diesem Berg die Schleierhülle wegnehmen, die alle Völker verhüllt, und die Decke, womit alle Nationen bedeckt sind.
(Jesaja 25,7; Schlachter 2000)
Unsere sichtbare Welt ist nicht die ganze Wirklichkeit. Hinter dem Schleier befindet sich Gottes ewige Herrlichkeit. Der Abstand zwischen Himmel und Erde lässt sich deshalb nicht allein in Kilometern messen. Vielmehr trennt uns gewissermaßen nur ein dünner Schleier von der Ewigkeit. Und dieser Schleier ist nichts weiter als die sichtbare Welt.
Diese Perspektive begegnet uns an vielen Stellen der Schrift. Gottes Gegenwart ist niemals fern. Vielmehr sind unsere Augen oft noch nicht bereit, sie vollständig wahrzunehmen.
So wie Israel das Land zwar sehen konnte, aber innerlich noch nicht bereit war, es einzunehmen, so leben auch wir in einer Zeit der Vorbereitung.
Devarim lehrt Geduld auf Gottes Wegen
Gerade in einer Zeit, in der alles möglichst schnell gehen soll, wirkt die Botschaft von Devarim beinahe fremd. Wir wünschen uns schnelle Gebetserhörungen. Schnelle Veränderungen. Schnelles geistliches Wachstum.
Doch Gott arbeitet häufig langsam – nicht weil er langsam handeln könnte, sondern weil echte Reife Zeit braucht. Ein Baum trägt nicht unmittelbar nach dem Pflanzen Früchte. Ein Kind wird nicht an einem Tag erwachsen. Und beides sind Bilder, mit denen die Gerchten verglichen werden.
Geistliche Reife entsteht nicht über Nacht. Deshalb sollten wir Perioden, in denen scheinbar nichts vorangeht, nicht vorschnell als verlorene Zeit betrachten. Vielleicht sind gerade diese Abschnitte die wichtigsten unseres Lebens.
Denn oft geschieht Gottes tiefste Arbeit dort, wo wir äußerlich kaum Fortschritt erkennen.
Die Wüste war niemals Gottes Endziel. Aber sie war der notwendige Weg dorthin.
Devarim lädt uns ein, Gott heute zu vertrauen
Vielleicht befindest auch du dich gerade in einer persönlichen Wüstenzeit. Du fragst dich, warum sich Gottes Verheißungen noch nicht erfüllt haben oder weshalb manches so viel länger dauert, als du erwartet hast.
Die Paraschah Devarim schenkt hier eine tröstliche Perspektive. Gott hatte Israel nicht vergessen. Er hatte sich nicht verspätet. Jeder einzelne Schritt durch die Wüste bereitete das Volk auf das vor, was vor ihm lag.
Dass aus elf Tagen vierzig Jahre wurden, war deshalb weit mehr als eine geografische Verzögerung. Es war ein geistlicher Reifungsprozess. Und vielleicht gilt genau das auch für unser eigenes Leben. Die Ewigkeit ist näher, als wir oft glauben. Gottes Herrlichkeit ist nicht weit entfernt. Doch bevor wir sie in ihrer Fülle sehen, möchte Gott unser Herz vorbereiten. Das ist unser Weg in die künftige Welt.
Im Grunde besteht die Botschaft dieser Passage aus Devarim darin, dass Gottes Ziel nicht nur darin besteht, uns möglichst schnell ans Ende unserer Reise zu bringen. Sein Ziel ist es vielmehr, Menschen hervorzubringen, die bereit sind, in seiner Gegenwart zu leben – egal, welchen Umständen sie ausgesetzt sind. Wenn wir das verstehen, erkennen wir: Nicht die Länge oder Dauer des Weges entscheidet über seinen Wert, sondern das, was Gott auf diesem Weg aus uns macht.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
