Bo – Midah keneged Midah
Mit der Paraschah Bo erreichen wir das Ende und damit auch den Höhepunkt des hebräischen Exils in Ägypten – die Befreiung. Doch diese Befreiung geht einher mit dem Tod aller Erstgeborenen in Ägypten.
Auch wenn uns diese Plage im ersten Moment sehr grausam erscheinen mag, folgt sie doch einer klaren Logik und einem geistlichen Prinzip. Denn wenn wir betrachten, wie grausam das Verhalten der Ägypter gegen die Hebräer war, können wir feststellen, dass wir hier eine Sühnung Maß für Maß vorfinden – מידה כנגד מידה (Midah keneged Midah)
Parschat Bo
2. Mose 10,1-13,16
Jeremia 46,13-28; Johannes 19,31-37
Die letzte Plage der Lesung Bo
Tatsächlich war der Tod der Erstgeborenen in Ägypten lange zuvor angekündigt. Die rabbinische Chronik Seder Olam Rabbah sagt uns, dass genau ein Jahr zwischen der Erscheinung Gottes im brennenden Busch (s. Schemot) und der Gabe der Torah am Sinai lag. Die 10 Plagen lagen innerhalb dieser 12 Monate.
Schon in der ersten Konfrontation zwischen Mose und dem Pharao machte der hebräische Führer klar, dass Gott die Erstgeborenen in Ägypten töten würde, sollte der Pharao sich weigern.
Und du sollst zum Pharao sagen: So spricht der HERR: »Israel ist mein erstgeborener Sohn; darum sage ich dir: Lass meinen Sohn ziehen, damit er mir dient; wenn du dich aber weigern wirst, ihn ziehen zu lassen, siehe, so werde ich deinen eigenen erstgeborenen Sohn umbringen!«
(2. Mose 4,22-23; Schlachter 2000 – Hervorhebung durch den Verfasser)
In diesen beiden Versen wird der Zusammenhang bereits deutlich – fast ein Jahr vor dem eigentlichen Gericht. Gott sieht Israel als seinen erstgeborenen Sohn an. Folglich trifft auch die letzte Plage den Erstgeborenen des Pharaos. Allerdings gehen die Ereignisse deutlich weiter, sodass nicht nur der ägyptische Thronfolger, sondern alle Erstgeborenen in Ägypten sterben mussten.
Warum musste es so weit kommen?
Maß für Maß
Es gibt ein biblisches Prinzip, welches besagt, dass Gott immer nach dem entsprechenden Maß sanktioniert oder belohnt. Die jüdischen Weisen nennen es מידה כנגד מידה (Midah keneged Midah).
Auch wenn sich diese Formulierung so nicht in der Torah findet, so sehen wir doch verschiedene Aussagen, die darauf hinweisen.
In der Lesung Mischpatim etwa finden wir folgende Aussage:
Wenn aber ein Schaden entsteht, so sollst du geben: Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß, Brandmal um Brandmal, Wunde um Wunde, Beule um Beule.
(2. Mose 21,23-25; Schlachter 2000)
Wenn also ein Schaden entstand, sollte dieser gleichwertig ersetzt werden. Noch klarer ist der Prophet Obadja:
Denn nahe ist der Tag des HERRN über alle Heidenvölker; wie du gehandelt hast, so wird man dir gegenüber handeln; dein Tun fällt auf deinen Kopf zurück!
(Obadja 1,15; Schlachter 2000)
Weitere Beispiele:
- Jakob wurde von Laban betrogen, weil er zuvor seinen Vater betrogen hatte.
- Joseph war 22 Jahre im Exil, weil sein Vater Jakob Isaak 22 Jahre lang nicht ehrte (Exil bei Laban + 2 weitere Jahre).
- Das Blut Abels wurde durch Kain auf die Erde gegossen. Folglich verwehrte ihm der Erdboden einen festen Wohnsitz, wo er leben konnte.
Grundsätzlich stehen unsere Taten und die Folgen darauf immer in einer inneren Beziehung. Kein Lohn, aber auch keine Sanktionierung, erfolgt beliebig. Beim Tod der Erstgeborenen in Ägypten war dies nicht anders.
Bo und der Tod der Erstgebornen
Wie passt dies nun zusammen? Zunächst schauen wir uns die offensichtliche Ebene an. Der Pharao wollte die hebräischen Jungen durch deren Hebammen töten lassen. Als dieser Plan nicht funktionierte, befahl er, dass alle neugeborenen Jungen in den Nil zu werfen waren.
Dieser Befehl war ein Genozid. Die Hebräer litten furchtbar darunter und verloren unzählige ihrer Kinder.
Der Mord an den vielen Knaben war auch ein Mord an der Zukunft des Volkes. Wäre der Genozid immer weitergegangen, hätte der Pharao die Kinder Israels auslöschen können. Doch durch Gottes Eingreifen wurde dies verhindert.
Nun ist aber dennoch die Frage: Warum ist nicht nur Pharaos Sohn gestorben, sondern auch die Erstgeborenen der Gefangenen und des Viehs?
Und es geschah um Mitternacht, da schlug der HERR alle Erstgeburt im Land Ägypten, von dem erstgeborenen Sohn des Pharao, der auf seinem Thron saß, bis zum erstgeborenen Sohn des Gefangenen, der im Gefängnis war, auch alle Erstgeburt des Viehs.
(2. Mose 12,29; Schlachter 2000)
Jeder erhält sein Maß
Um diese Fragen zu beantworten, hilft ein Blick in die jüdische Überlieferung. Midrasch Tanchuma Bo 7:1 hält fest, dass die Gefangenen sich über die Drangsal, die über Israel kam, freuten und sie in Gedanken unterstützten. Demnach fielen auch sie unter das Gericht.
Das erstgeborene Vieh starb, weil die Tiere Symbole oder Reinkarnationen der Götzen Ägyptens waren. So mussten auch sie sterben, denn Gott übte Gericht an allen Göttern Ägyptens (4. Mose 33,4).
Zudem galten die Erstgeborenen selbst als Götter, wie wir in 4. Mose 33,4 lesen. Indem Gott die Erstgeborenen schlug, führte er Gericht an den Göttern der Ägypter aus. Mit anderen Worten: Ägypten verhöhnte den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. In der Folge starben ihre Götter, die Erstgeborenen.
Fazit
Bo lehrt uns, dass unsere Taten immer Folgen haben. Diese können sehr positiv sein, nämlich ein Lohn für unsere Mizwot. Die Folge kann aber auch eine Strafe sein. Letztlich hängen aber alle Sanktionen direkt mit unseren Taten zusammen. Wir erhalten immer das gerechte Maß.
Zudem sollten wir uns merken, dass Gott jeden Menschen separat richtet. Es gibt keine Kollektivschuld. Jeder Ägypter hatte die Möglichkeit, selbst das Blut des Lammes an seine Türpfosten zu streichen, und wäre damit gerettet gewesen. Doch wer mit der Masse schwamm und sich nicht für den Gott der Hebräer entschied, bezahlte diese Entscheidung mit dem Leben.
Für uns heute bedeutet diese Geschichte, dass wir uns im Alltag nicht hinter einem Chef, einem Präsidenten oder einer anderen Autoritätsperson verstecken können. Wenn diese offensichtliche Verbrechen zum Gesetz oder zum Befehl machen, sollten wir uns gut überlegen, wo wir stehen.
Midah keneged Midah!
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.

Andreas Hübner
23. Januar 2026 @ 23:57
Lieber Marco, vielen Dank dir für deine Ausarbeitung. Shabbat Shalom.
Marco
25. Januar 2026 @ 7:59
Sehr gerne, Andreas.