Behar / Bechukotai – Auf dem Weg in die künftige Welt
Mit der Paraschah Behar schlagen wir einen kleinen inhaltlichen Bogen. Aus dem Buch Wajikra sind wir bisher verschiedene Bestimmungen zur Stiftshütte und ihrem Dienst sowie zur Heiligung des Volkes gewohnt. Mit Behar bekommen wir nun Anweisungen, die das Land Israel betreffen.
Dabei befand sich das Volk Israel noch nicht einmal im Land. Die Gebote wurden am Berg Sinai in allen notwendigen Details gegeben und innerhalb der 40 Jahre in der Wüste bewahrt, sodass sie bei Ankunft in Kanaan umgesetzt werden konnten.
Bei genauerer Betrachtung des Textes fällt auf, dass es sich hierbei um Gebote handelte, die das Volk besonders herausfordern mussten. Gleichzeitig sehen wir darin aber auch, was es heißt, Gott wirklich zu vertrauen.
Paraschat Behar / Bechukotai
3. Mose 25,1-27,34
Jeremia 16,19-17,14; Matthäus 16,20-28
Behar und die besonderen Jahre in Israel
Als sich das Volk Israel am Berg Sinai lagerte, erhielt es umfassende Anweisungen, die das Leben im Land strukturieren sollten. Unter anderem betrafen diese Anweisungen die sogenannten Schabbat- und Jubeljahre.
Es heißt hierzu im Text:
Sechs Jahre lang sollst du dein Feld besäen und sechs Jahre lang deinen Weinberg beschneiden und den Ertrag [des Landes] einsammeln. Aber im siebten Jahr soll das Land seinen Sabbat der Ruhe haben, einen Sabbat für den HERRN, an dem du dein Feld nicht besäen noch deinen Weinberg beschneiden sollst.
(3. Mose 25,3-4; Schlachter 2000)
Wenn Israel ins Land gekommen war, so durfte es die ersten sechs Jahre die Felder bestellen und die Weinberge bewirtschaften. Doch das siebente Jahr sollte andere Regeln bekommen.
In diesem Jahr war es den Kindern Israels verboten, das Land zu bearbeiten. Dieses sollte einen Schabbat der Ruhe (שַׁבַּ֤ת שַׁבָּתוֹן֙, Schabbat Schabbaton) haben. In dieser Zeit sollte kein Feld gepflügt, kein Same gesät und keine Frucht geerntet werden.
Israel und dessen Vieh hingegen sollten von dem leben, was das Land von selbst hervorbrachte. Zudem würde Gott im sechsten Jahr eine Ernte schenken, die für drei Jahre genügen würde (3. Mose 25,20-21).
In den Jubeljahren, welche alle 49 Jahre wiederkehren, galten im landwirtschaftlichen Bereich dieselben Regeln.
Die Botschaft des Schabbatjahres
Zunächst erscheint es wie ein Widerspruch, wenn Gott einerseits die Ernte verbot, doch andererseits einräumte, dass Israel die Früchte, die frei wuchsen, sammeln durfte. Doch bei genauerer Betrachtung offenbart sich, worum es dem Allmächtigen mit den Geboten aus Behar wirklich ging.
Das Land Israel gehört Gott allein. Auch wenn einzelne Stämme und Familien Ländereien und Territorien zugewiesen bekamen, hatten sie keinen Besitzanspruch. Sie waren lediglich mit Nutzungsrechten ausgestattet.
Ihr sollt das Land nicht für immer verkaufen; denn das Land gehört mir, und ihr seid Fremdlinge und Gäste bei mir.
(3. Mose 25,23; Schlachter 2000)
Doch wie schnell meinen wir, dass die Dinge, über die wir verfügen können, uns auch gehören? Wie schnell glauben wir, dass wir die Eigentümer von Häusern, Grundstücken oder anderen Gegenständen sind?
Um diesem Trugschluss vorzubeugen, hat Gott die Schabbat- und Jubeljahre gegeben. Denn in diesen Jahren war es verboten, die Ernte in die eigenen Scheunen und Speicher einzuholen. Vielmehr galt der Ertrag des Landes als Gemeingut. Jeder durfte sich von jedem Feld das holen, was er brauchte.
Kein Hebräer durfte im Schabbatjahr einen Besitzanspruch auf sein Land erheben. Alle waren verpflichtet, ihre Ländereien zu öffnen und die Frucht stehenzulassen, damit sich insbesondere die Armen, Witwen und Waisen davon nehmen konnten.
Sechs Jahre sollst du dein Land besäen und seinen Ertrag einsammeln; aber im siebten sollst du es brachliegen und ruhen lassen,damit sich die Armen deines Volkes davon ernähren können; und was sie übrig lassen, das mögen die Tiere des Feldes fressen. Dasselbe sollst du mit deinem Weinberg und mit deinem Ölbaumgarten tun.
(2. Mose 23,10-11; Schlachter 2000 – Hervorhebung durch den Verfasser)
Es ging Gott also vorrangig darum, Israel zu zeigen, dass das Volk allein aus der Gnade und Freigiebigkeit Gottes lebte. Das Land würde niemals dem Volk Israel gehören. Es ist ihm lediglich gegeben, um es im Auftrag Gottes zu verwalten.
Behar und die Lehre für uns
Auch wenn wir auf eine Rückkehr ins verheißene Land warten mögen, so ist dieses Land hier auf der Welt nicht unsere endgültige Heimat. Der Hebräerbrief stellt diesen Zusammenhang klar:
Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.
(Hebräer 13,14; Schlachter 2000)
Was ist diese zukünftige Stadt? Im jüdischen Denken gibt es das Konzept von Olam haBa (עוֹלָם הַבָּא), der zukünftigen Welt. Dabei handelt es sich um eine Welt, die komplett unter Gottes Herrschaft steht und in der Frieden, Gerechtigkeit und die Nähe zu Gott vollständig realisiert sind.
Olam HaBa ist nicht identisch mit dem messianischen Zeitalter. Es beschreibt vielmehr die Zeit danach, wenn es weder Sünde, noch Tod oder Schmerzen geben wird (Offenbarung 21,4).
Doch wie müssen wir uns Olam HaBa dann vorstellen? Der babylonische Talmud zeichnet ein sehr klares Bild:
Die kommende Welt ist nicht wie diese Welt. In der kommenden Welt gibt es weder Essen noch Trinken, weder Fortpflanzung noch Vermehrung, weder Handel noch Geschäftstätigkeit, weder Neid noch Hass noch Wettbewerb. Vielmehr sitzen die Gerechten da, ihre Kronen auf ihren Köpfen, und genießen den Glanz der Gegenwart Gottes (Schechina). Denn es heißt: “Und sie schauten Gott und aßen und tranken.“ (2. Mose 24,11)
(Talmud Bavli Berachot 17a – Nach Übers. d. Verf.)
Unser endgültiges Ziel ist die zukünftige (geistige) Welt. Diese (materielle) Welt ist lediglich ein Abschnitt auf dem Weg dahin. Hier bereiten wir uns vor und bauen unser (metaphorisches) Haus in Olam HaBa.
Diese Welt gleicht einem Vorraum vor der kommenden Welt. Bereite dich im Vorraum vor, damit du in den Festsaal eintreten kannst.
(Pirkei Avot 4,16 – nach Übersetzung des Verfassers)
Wir sind hier also nicht zu Hause. Wir sind in dieser Welt lediglich auf dem Weg. Und mithilfe der Gebote des Schabbatjahres aus Behar, möchte Gott uns diese Realität näherbringen.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
