Acharei / Kedoshim: Was Heiligkeit mit unserer Sexualität und mit Maß zu tun hat
Mit der Doppeltportion Acharei und Kedoshim verlassen wir das Themenfeld von Reinheit und Unreinheit, welches in Tazria und Metzora eine große Rolle spielte, ein wenig und wenden uns anderen Fragen zu.
Eine dieser Fragen, die bis heute aktuell ist, lautet: Was bedeutet Heiligkeit eigentlich ganz praktisch? Denn oft klingt Heiligkeit für uns abstrakt, fast unerreichbar. Doch gerade Kedoschim zeigt, dass Heiligkeit nicht zuerst etwas Mystisches ist, sondern etwas, das unseren Alltag, unseren Körper, unsere Beziehungen und unseren Umgang mit erlaubten Dingen betrifft.
Paraschat Acharei / Kedoschim
3. Mose 16,1-20,27
Amos 9,7-15; Markus 12,28-34
Der Ruf aus Acharei und Kedoshim: „Ihr sollt heilig sein“
Wir lesen im namensgebenden Vers von Kedoschim folgendes:
Rede mit der ganzen Gemeinde der Kinder Israels und sprich zu ihnen: Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der HERR, euer Gott!
(3. Mose 19,2, Schlachter 2000)
Dieser Vers steht nicht zufällig im Zusammenhang mit dem Text von Acharei und Kapitel 18 des Buches Wajikra. Denn dort begegnen wir den Ordnungen für den Dienst im Heiligtum, für den Versöhnungstag und später auch den klaren Abgrenzungen gegenüber sexueller Unmoral. Danach folgt in Kedoshim der Aufruf zur Heiligkeit. Die Nähe dieser Themen ist entscheidend. Die Torah trennt Heiligkeit nicht von unserem leiblichen Leben. Sie zeigt vielmehr, dass unser Umgang mit Körperlichkeit, Sexualität und Begehren unmittelbar mit Heiligkeit verbunden ist.
Rashi greift genau diesen Zusammenhang auf. Die Aufforderung “Ihr sollt heilig sein” deutet er wie folgt:
Das bedeutet, haltet euch fern von den eben erwähnten verbotenen sexuellen Beziehungen und von sündigen Gedanken.
(Rashi Kommentar zu 3. Mose 19,2 – n. Übers. d. Verf.)
Das ist eine deutliche Aussage. Heiligkeit ist demnach eng mit der Sexualität verbunden. Und genau deshalb nennt die Torah vor dieser Aufforderung alle möglichen unmoralischen Ausschweifungen in diesem Bereich.
Im Übrigen ist auch die Platzierung der entsprechenden Verbote im Textfluss der Torah entscheidend. Denn erst als die Stiftshütte stand und die Herrlichkeit Gottes auf die Erde kam, wurden diese Ordnungen gegeben. Das heißt, bevor das Volk in Gottes Nähe treten konnte, mussten bestimmte Grenzen beachtet werden. Nicht alles, was Menschen begehren, ist gut. Nicht jede Form von Intimität ist von Gott gewollt. Wer in die Gegenwart des Heiligen kommen will, kann nicht gleichzeitig in moralischer Grenzenlosigkeit leben.
Kedoschim zeigt: Heiligkeit betrifft auch den Körper
Gerade für unsere Zeit ist diese Botschaft aus Kedoschim wichtig. Wir leben in einer Kultur, in der Sexualität oft von Heiligkeit getrennt wird. Sexualität wird schnell nur als Bedürfnis, Selbstverwirklichung oder Ausdruck persönlicher Freiheit verstanden. Die Torah spricht anders. Sie zeigt, dass Sexualität kein belangloser Bereich ist, sondern etwas, das unter Gottes Herrschaft steht.
Wenn Rashi erklärt, dass Heiligkeit die Trennung von sexueller Unmoral bedeutet, dann sagt er damit nicht, dass Sexualität an sich schlecht wäre. Ganz im Gegenteil. Die Torah kennt die Ehe, sie kennt die Freude, sie kennt Fruchtbarkeit und die von Gott gesetzte Verbindung von Mann und Frau. Gerade deshalb ist sexuelle Reinheit so wichtig. Was heilig ist, ist nicht wertlos oder feindlich gegenüber dem Körper, sondern ausgesondert für Gottes gute Ordnung.
Das ist eine Botschaft, die uns herausfordert. Denn sie fragt uns nicht nur, was erlaubt ist, sondern auch, wie wir mit dem, was Gott geschaffen hat, umgehen. Sexualität ist nicht einfach privat in dem Sinn, dass sie Gott nichts anginge. Sie ist ein Bereich, in dem sichtbar wird, ob wir Gottes Ordnungen ehren oder unsere eigenen Wünsche über alles stellen.
Rashi: Heiligkeit als Abgrenzung von Unmoral
Rashis Auslegung ist klar und konzentriert. Er liest den Aufruf zur Heiligkeit im Licht der direkt vorhergehenden Kapitel. Dort stehen zahlreiche Verbote sexueller Beziehungen, die Gott untersagt. Deshalb versteht Rashi den Satz „Ihr sollt heilig sein“ als Aufforderung, sich gerade in diesem Bereich abzusondern.
Das ist wichtig, weil es uns vor einem weichgespülten Verständnis von Heiligkeit bewahrt. Heiligkeit ist nicht nur ein schönes Gefühl der Gottesnähe. Heiligkeit hat Grenzen. Heiligkeit sagt auch Nein. Heiligkeit bedeutet, dass nicht alles Platz in Gottes Gegenwart hat.
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum die Torah so deutlich spricht. Der Mensch neigt dazu, sich gerade im Bereich der Sexualität selbst zu täuschen. Was wir begehren, erklären wir schnell für richtig. Was wir wollen, rechtfertigen wir innerlich. Doch Gottes Maßstab muss über unserem Empfinden stehen.
Ramban zu Acharei und Kedoshim: Auch das Erlaubte braucht Maß
Doch Rashi ist nicht der Einzige, der den obigen Vers kommentierte. Ramban zeigt noch eine weitere Dimension der Heiligung auf und erweitert die Perspektive auf beeindruckende Weise. Er widerspricht Rashi nicht einfach, sondern ergänzt ihn. Für Ramban bedeutet Heiligkeit mehr, als nur verbotene Dinge zu meiden. Er erklärt, dass ein Mensch auch innerhalb des Erlaubten ungeheiligt leben kann, wenn er maßlos wird.
Das ist ein sehr tiefer Gedanke. Denn theoretisch könnte jemand sagen: „Ich halte alle Verbote ein, also bin ich heilig.“ Doch Ramban warnt davor. Man kann auch in erlaubten Dingen ungezügelt, grob und selbstbezogen leben. Man kann erlaubte Sexualität innerhalb der Ehe leben und trotzdem von Begierde statt von Liebe bestimmt sein. Man kann erlaubten Wein trinken und trotzdem dem Missbrauch verfallen. Man kann Fleisch essen und trotzdem vom Maß abkommen. Äußerlich wäre manches noch erlaubt, innerlich aber nicht mehr heilig.
Gerade hier spricht Kesdoschim stark in unser Leben hinein. Heiligkeit bedeutet nicht nur, das Falsche zu vermeiden. Heiligkeit bedeutet auch, das Richtige auf die richtige Weise zu leben. Nicht jedes „Es ist erlaubt“ ist schon gleichbedeutend mit „Es ist heilig“.
Ramban erklärt uns damit, dass Heiligkeit auch Selbstbegrenzung einschließt. Ein heiliges Volk lebt nicht zügellos, auch nicht in erlaubten Bereichen. Es weiß, dass alles Gute zur Gabe Gottes werden kann, aber auch zur Falle, wenn Maß, Dankbarkeit und Ehrfurcht fehlen.
Heilige Sexualität in der Ehe
Gerade im Blick auf Sexualität ist dieser Gedanke wichtig. Wenn wir nur mit Rashi lesen, verstehen wir: Unmoral hat keinen Platz im Leben eines heiligen Volkes. Wenn wir zusätzlich mit dem Ramban lesen, verstehen wir: Auch die von Gott geschenkte eheliche Sexualität soll nicht bloß von Konsumdenken geprägt sein, sondern von Heiligkeit.
Das verändert den Blick. Die eheliche Beziehung ist nicht einfach ein Raum, in dem alles nur nach Lust oder Verfügbarkeit funktioniert. Sie ist ein Raum der Verantwortung, der Liebe, der Rücksicht, der Kommunikation und der göttlichen Ordnung. Auch dort sollen wir Gott ehren. Auch dort soll sichtbar werden, dass wir nicht uns selbst gehören, sondern ihm.
In diesem Sinn ist Heiligkeit nicht gegen Intimität gerichtet, sondern gegen Entweihung. Heiligkeit bewahrt die Würde des anderen. Heiligkeit macht aus dem Ehepartner kein Objekt der eigenen Bedürfnisse. Heiligkeit fragt: Dient mein Verhalten der Liebe? Dient es der Ehre Gottes? Dient es dem Aufbau der Beziehung?
Die Doppeltportion Acharei und Kedoschim ruft uns deshalb nicht in Körperfeindlichkeit, sondern in einen geheiligten Umgang mit dem Körper. Das ist ein großer Unterschied.
Fazit zu Acharei und Kedoschim
Für uns heute liegt darin eine doppelte Einladung. Erstens: Wir sollen uns dort klar abgrenzen, wo Gott Grenzen gesetzt hat. Zweitens: Wir sollen auch im erlaubten Maß, Disziplin und Ehrfurcht lernen.
Das betrifft nicht nur Sexualität. Es betrifft auch Essen, Trinken, Sprache, Medien, Besitz und viele andere Bereiche. Doch gerade Sexualität bleibt ein Prüfstein, weil sie so tief mit Sehnsucht, Identität und Bindung verbunden ist.
Heiligkeit beginnt deshalb oft nicht im Außergewöhnlichen, sondern in den ganz konkreten Entscheidungen des Alltags. Wie schaue ich auf andere Menschen? Wie denke ich über meinen Körper? Wie gehe ich mit Begierden um? Wie lebe ich meine Ehe? Wo fehlt mir Maß? Wo brauche ich Selbstbeherrschung? Wo muss ich Gott neu in einen Bereich meines Lebens hineinlassen, den ich vielleicht längst als „privat“ abgestempelt habe?
Die Torah macht deutlich: Ein heiliges Volk ist ein Volk, das Gott nicht nur im Gottesdienst ehrt, sondern auch im Alltag.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
