Schavuot – Die zwei gesäuerten Brote
Schavuot ist das Fest, an dem uns die Torah am Sinai gegeben wurde. Zudem wurde an Schavuot der Heilige Geist auf eine Gruppe von Jüngern Jeschuas ausgegossen. Dieses Fest ist also reich an Symbolik – auch in prophetischer Hinsicht.
Doch es gibt ein Mysterium zu Schavuot, welches den Weisen über Jahrhunderte Rätsel aufgegeben hat. Es handelt sich um die beiden gesäuerten Brote, die zu Schavuot am Tempel dargebracht werden sollten. Was hat es damit auf sich? Und warum sollten Sie gesäuert sein?
Was zu Schavuot geboten war
Im Gegensatz zu manch anderen Festen wie Sukkot, Pessach oder Jom Kippur wirkt Schavuot zunächst recht unscheinbar. Es gibt wenige Gebote, die die Torah im Zusammenhang mit diesem Fest offenbart.
Zwar wurden zu Schavuot die üblichen Mussaf-Opfer dargebracht (4. Mose 28,26-31) und aus der Überlieferung wissen wir, dass Schavuot der Zeitpunkt war, an dem Israel die Torah am Berg Sinai empfing. Doch darüber hinaus erfahren wir wenig über das Fest.
Es gibt allerdings noch ein weiteres Detail, das auf den ersten Blick recht merkwürdig erscheint. An Schavuot sollten 2 gesäuerte Brote zum Tempel gebracht werden.
Ihr sollt nämlich aus euren Wohnungen zwei Webebrote bringen, von zwei Zehntel [Epha] Feinmehl [zubereitet]; die sollen gesäuert gebacken werden als Erstlinge für den HERRN.
(3. Mose 23,17; Schlachter 2000)
Dass diese Brote gesäuert sein sollten, wirft Fragen auf. Sollte an Pessach nicht aller Sauerteig aus dem Haus geschafft werden, nur um dann nach Schavuot vor Gott dargebracht zu werden? Und war es nicht streng verboten, Gesäuertes auf dem Altar Gottes darzubringen (3. Mose 2,11)?
Die Symbolik der beiden Brote
Auf den ersten Blick scheinen diese Brote nicht in den sonstigen Kontext des Tempelgeschehens zu passen. Doch das ist gewollt. Gott möchte diese beiden Gebäcke hervorheben, denn mit ihnen ist eine besondere Symbolik verbunden.
Zunächst sollten wir festhalten, dass die Brote nicht auf dem Altar verbrannt wurden. Es waren keine Speisopfer im eigentlichen Sinne, sondern sie wurden von den Priestern gegessen. Somit kam nichts Gesäuertes auf den Altar.
Warum waren es zwei Brote? Die Zahl zwei repräsentiert eine Dualität, wie sie häufig in der Bibel zu finden ist. In Bezug auf Schavuot können wir hier die beiden Häuser Israels – Ephraim und Juda – sehen, die vereint am Sinai standen.
Doch warum waren die Brote nun gesäuert? Dafür sehe ich zwei starke Erklärungen.
Sauerteig und die Sünde
Jeschua warnte seine Jünger einst vor dem Sauerteig der Pharisäer. Er sagte:
Als sich inzwischen das Volk zu Tausenden gesammelt hatte, sodass sie aufeinander traten, begann er zuerst zu seinen Jüngern zu sprechen: Hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer, welcher die Heuchelei ist!
(Lukas 12,1; Schlachter 2000 – Hervorhebung durch den Verfasser)
Jeschua verglich den Sauerteig an dieser Stelle mit Unaufrichtigkeit und Heuchelei. Wann immer Menschen etwas vorgeben, zu sein, was sie nicht sind, dann heucheln sie. Doch nicht selten ist diese Heuchelei ein Schutzverhalten, unter welchem eine tiefe Angst oder Verletzung verborgen liegt.
An einer anderen Stelle vergleicht Paulus den Sauerteig mit Bosheit oder Schlechtigkeit.
So wollen wir denn nicht mit altem Sauerteig Fest feiern, auch nicht mit Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit, sondern mit ungesäuerten Broten der Lauterkeit und Wahrheit.
(1. Korinther 5,8; Schlachter 2000)
Kennst du das Sprichwort „Verletzte Menschen verletzen Menschen“? Oft liegen hinter Bösartigkeiten, Sünden oder Gemeinheiten echte Wunden. Und Gott möchte, dass wir diese zu ihm bringen, damit sie geheilt werden können.
Die beiden gesäuerten Brote symbolisieren die Wunden und Verletzungen von ganz Israel. Gott möchte sie heilen, wie er es auch versprochen hat (Jeremia 30,12-17).
Sauerteig und Reife
Doch es gibt noch eine andere Ebene, die durch den Sauerteig symbolisiert wird. An Pessach konnten die Kinder Israels nur ungesäuertes Brot, Mazza, mit aus Ägypten nehmen. Es heißt, dass sie den Teig in Eile backen mussten, weil sie sonst keine Zeit gehabt hätten, sich ausreichend zu versorgen (2. Mose 12,34).
Tatsächlich wäre ein Brot mit einem ausgereiften Sauerteig viel bekömmlicher. Doch Israel konnte dieses Brot am Pessach nicht backen.
An Schavuot hingegen schon. Der Sauerteig steht hier für (geistliche) Reife. Nachdem das Volk 50 Tage durch die Wüste wanderte und den Allmächtigen in verschiedenen Situationen kennenlernen konnte, war es deutlich gereifter.
Aus den ägyptischen Sklaven wurden langsam Hebräer, Kinder Gottes. In dieser Reife, waren sie bereit, am Berg Sinai zu stehen, die Stimme Gottes zu hören und die Torah zu empfangen.
Fazit
Die beiden gesäuerten Brote zu Schavuot wirken auf den ersten Blick wie ein Widerspruch. Während Sauerteig häufig mit Sünde, Heuchelei oder Verdorbenheit verbunden wird, gebietet Gott ausgerechnet an diesem Fest, gesäuertes Brot vor ihn zu bringen. Doch gerade darin liegt die tiefe Botschaft von Schavuot.
Gott ruft nicht perfekte Menschen an seinen Berg, sondern Menschen mit Geschichte, Wunden und Schwächen. Israel kam nicht als vollkommenes Volk an den Sinai, sondern als ehemalige Sklaven, die Heilung, Veränderung und geistliche Reife brauchten. Die beiden Brote erinnern uns daran, dass Gott nicht nur unsere Stärke sieht, sondern auch unsere Zerbrochenheit heilen möchte.
Gleichzeitig zeigt der Sauerteig auch einen Prozess der Reifung. Zwischen Pessach und Schavuot lag ein Weg des Wachstums. Aus hastig gebackenem Brot wurde gereifter Teig. Aus Sklaven wurden Menschen, die bereit waren, Gottes Stimme zu hören und seinen Bund anzunehmen.
Vielleicht liegt genau darin die Botschaft der beiden Brote: Gott möchte nicht nur unsere „ungesäuerten“ und perfekten Seiten, sondern unser ganzes Leben. Er möchte Menschen formen, heilen und zur geistlichen Reife führen, damit sie in seiner Gegenwart stehen können.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
