Äpfel, Honig und Hoffnung – Rosch HaSchana als Familie feiern
Ein Apfel, ein wenig Honig und ein Wunsch: Möge das kommende Jahr gut und süß werden. Manchmal sind es gerade die einfachen Dinge, die Kindern im Gedächtnis bleiben. Vielleicht werden sie sich später nicht an jede Erklärung erinnern, die du ihnen über Rosch HaSchana gegeben hast. Aber vielleicht erinnern sie sich daran, wie der Honig vom Apfel tropfte. Oder wie der Honig schmeckte. An den Klang des Schofars. Vielleicht an einen festlich gedeckten Tisch. Und daran, dass ihr als Familie zusammensaßt und voller Hoffnung in ein neues Jahr geblickt habt.
Rosch HaSchana feiern bedeutet nämlich nicht nur, einen weiteren Termin im biblischen Festkalender einzuhalten. Es ist eine wunderbare Gelegenheit, als Familie innezuhalten, zurückzublicken und das kommende Jahr bewusst in Gottes Hände zu legen.
Rosch HaSchana feiern – Worum geht es eigentlich?
In der Torah begegnet uns der Name „Rosch HaSchana“ für diesen Festtag noch nicht. Tatsächlich ist das Fest, welches auch Jom Teruah genannt wird, recht unscheinbar in der Bibel vertreten.
Im Buch Wajikra wird der erste Tag des siebten Monats als ein besonderer Ruhetag beschrieben:
Rede zu den Kindern Israels und sprich: Im siebten Monat, am ersten des Monats, soll ein Ruhetag für euch sein, ein Gedenken unter Hörnerschall, eine heilige Versammlung.
(3. Mose 23,24; Schlachter 2000)
Auch wenn der Tag als ein besonderes Mo’ed, ein Festtag für Gott, beschrieben wird, erfahren wir recht wenig darüber. Er soll von einem Gedenken unter Hörnerschall und von einer heiligen Versammlung geprägt sein.
Auch in der Paraschat Pinchas wird der erste Tag des siebten Monats besonders hervorgehoben. Arbeiten soll ruhen, die Gemeinschaft kommt zusammen und der Klang des Schofars durchzieht den Tag.
In der jüdischen Tradition wird dieser Tag Rosch HaSchana genannt – wörtlich „Kopf des Jahres“. Traditionell wird dieser Tag als Beginn des neuen Jahres gesehen. Dabei ist es nicht der einzige Jahresbeginn im jüdischen Kalender.
Beginnt das Jahr nun im Frühling oder im Herbst?
Diese Frage ist berechtigt, denn beim Auszug aus Ägypten sagt Gott tatsächlich:
Dieser Monat soll euch der Anfang der Monate sein.
(2. Mose 12,2; Schlachter 2000)
Nissan, der Monat von Pessach, ist also der erste Monat. Mit ihm beginnt die Zählung der Monate und auch der jährliche Festzyklus.
Das bedeutet aber nicht, dass die Bibel nur einen einzigen möglichen Jahresbeginn kennt. Auch wir kennen etwas Ähnliches: Das Kalenderjahr beginnt im Januar, das Schuljahr im Sommer und ein Geschäftsjahr kann wiederum zu einem ganz anderen Zeitpunkt beginnen.
Gerade die Torah gibt uns einen interessanten Hinweis. Das Jubeljahr ist an den Zyklus der Jahre gebunden, und ausgerechnet im siebten Monat wird es durch den Schofarschall öffentlich ausgerufen (3. Mose 25,8–10).
Auch die rabbinische Überlieferung unterscheidet deshalb verschiedene Jahresanfänge. Die Mischna erklärt in Rosch HaSchana 1,1, dass der 1. Nissan der Jahresanfang für Könige und Feste ist, während der 1. Tischri der Jahresanfang „für die Jahre“ sowie unter anderem für Schmitta- und Jubeljahre ist.
Nissan und Tischri stehen also nicht in Konkurrenz zueinander. Nissan eröffnet die Zählung der Monate und den Festzyklus. Tischri markiert den Beginn der Jahreszählung.
Und genau an dieser Schwelle dürfen wir Rosch HaSchana feiern.
Warum Äpfel und Honig?
Eine der bekanntesten Traditionen zu Rosch HaSchana ist so einfach, dass selbst kleine Kinder sofort mitmachen können: Ein Stück Apfel wird in Honig getaucht und dazu wird der Wunsch nach einem guten und süßen Jahr ausgesprochen.
Äpfel und Honig sind dabei keine biblischen Gebote für Rosch HaSchana. Sie gehören zu den sogenannten Simanim – symbolischen Speisen, mit denen Wünsche und Gebete für das kommende Jahr verbunden werden.
Und vielleicht liegt gerade darin etwas Schönes für unsere Familien.
Denn wenn wir unseren Kindern einen Apfel mit Honig geben, versprechen wir ihnen nicht, dass das nächste Jahr immer süß sein wird. Wir wissen nicht, was kommen wird. Vielleicht wird es wunderbare Überraschungen geben. Vielleicht aber auch Enttäuschungen, Abschiede oder schwierige Zeiten.
Unsere Hoffnung liegt nicht darin, dass wir ein problemloses Jahr erwarten.
Unsere Hoffnung liegt darin, dass Gott auch im kommenden Jahr derselbe sein wird.

Hoffnung kann man schmecken
Tatsächlich ist der Beginn von Jom Teruah immer etwas Besonderes. Wir kommen aus dem Monat Elul, einer Zeit, die von innerer Einkehr und Reflexion geprägt ist. Kurz vor Rosch HaSchana steigert sich diese Zeit durch die Selichot noch einmal zu einer sehr intensiven Phase. Wir haben unsere Herzen und unseren Geist einen Monat lang auf die Begegnung mit dem König der Könige vorbereitet.
Und dann sitzen wir an einem reich gedeckten Tisch, um Rosch HaSchana zu feiern. In unserer Familie gibt es hier natürlich immer ein großes Festessen. Äpfel und Honig, die die Süße des kommenden Jahres symbolisieren, sind natürlich Bestandteil. Doch nicht nur. Traditionell gibt es viele Speisen und Lebensmittel, die eine metaphorische Bedeutung für den Jahresanfang in sich tragen.
- Granatapfel – seine vielen Kerne stehen für Fülle und viele gute Taten (Mizwot) im neuen Jahr.
- Datteln – symbolisieren den Wunsch, dass Bedrängnis und Feindschaft ein Ende finden.
- Fisch – steht für Fruchtbarkeit, Segen und Vermehrung.
- Fisch- oder Lammkopf – erinnert an den Wunsch, „Kopf und nicht Schwanz“ zu sein – passend zu Rosch Haschana, dem „Kopf des Jahres“.
- Runde Challah – ihre Form erinnert an den Kreislauf des Jahres; häufig wird sie für ein süßes Jahr ebenfalls in Honig getaucht.
Natürlich gibt es kein biblisches Gebot, das bestimmte Lebensmittel vorschreibt, um Rosch HaSchana zu feiern. Aber es steckt doch eine große Weisheit darin, unseren Kindern nicht nur theoretische Erklärungen zu geben, sondern diese mit konkreten Erlebnissen – etwa dem Geschmack – zu verbinden.
Das Schofar unterbricht unseren Alltag
Zu Rosch HaSchana gehört aber nicht nur Süße. Da ist auch dieser ungewöhnliche, raue Klang des Schofars.
Halachisch gehört das Hören des Schofars zu den zentralen Mizwot von Rosch HaSchana. Traditionell werden während des Gottesdienstes verschiedene Tonfolgen geblasen: Tekiah, Schewarim und Teruah. Unterschiedliche Klänge – ein langer Ton, gebrochene Töne, kurze alarmierende Stöße. Wer zu Hause betet, bläst das Horn dort.
Das Schofar klingt nicht wie Hintergrundmusik. Es unterbricht.
Vielleicht ist genau das etwas, das unsere Familien brauchen. Für einen Moment nicht der nächste Termin, die nächste Nachricht, die nächste Aufgabe. Stattdessen ein Klang, der uns daran erinnert: Ein Jahr ist vergangen. Ein neues beginnt. Wo stehen wir eigentlich vor Gott? Rosch HaSchana lädt uns ein, wach zu werden.
Ein heiliger Tag darf auch fröhlich sein
Eine wunderschöne Szene dazu finden wir in Nehemia 8. Am ersten Tag des siebten Monats versammelt sich das Volk, und Esra liest aus der Torah vor. Die Menschen beginnen zu weinen, als sie die Worte hören.
Doch Nehemia und Esra sagen ihnen, dass dieser Tag heilig ist und nicht von Trauer bestimmt sein soll. Sie sollen essen, trinken und miteinander teilen. Und dann folgt dieser bekannte Satz:
Darum sprach er zu ihnen: Geht hin, esst Fettes und trinkt Süßes und sendet Teile davon auch denen, die nichts für sich zubereitet haben; denn dieser Tag ist unserem Herrn heilig; darum seid nicht bekümmert, denn die Freude am HERRN ist eure Stärke!
(Nehemia 8,10; Schlachter 2000 – Hervorhebung durch den Verfasser)
Das ist ein wunderbares Bild für Rosch HaSchana: Heiligkeit und Freude gehören zusammen.
Wir schauen ehrlich zurück. Wir wissen, dass nicht alles gut war. Wir wissen auch, dass wir selbst nicht alles gut gemacht haben. Die Tage bis Jom Kippur laden noch einmal besonders zu Umkehr, Versöhnung und Selbstprüfung ein.
Aber Rosch HaSchana beginnt nicht mit Hoffnungslosigkeit. Es beginnt mit dem Schofar, mit einer heiligen Versammlung – und mit Freude.
Wie kannst du als Familie Rosch HaSchana feiern?
Du brauchst dafür kein perfektes Festprogramm. Deckt euren Tisch etwas festlicher als sonst. Zündet vor Beginn des Festes die Festtagskerzen an. Bereitet ein schönes Essen vor. Traditionell wird auch eine runde Challah gegessen, deren Form unter anderem an den Kreislauf des Jahres erinnert.
Stellt Äpfel und Honig auf den Tisch und sprecht gemeinsam einen Wunsch für ein gutes und süßes Jahr aus. Wenn ihr ein Schofar besitzt und es möglich ist, hört bewusst seinen Klang. Mit älteren Kindern könnt ihr darüber sprechen, was ihr aus dem vergangenen Jahr mitnehmen und was ihr bewusst hinter euch lassen möchtet.
Und dann segnet eure Kinder. Vielleicht ist das sogar einer der kostbarsten Momente des Abends: Lege ihnen die Hand auf den Kopf und sprich ihnen ganz persönlich Gottes Segen für das kommende Jahr zu.
Du musst nicht alles machen. Und du musst nicht jede Tradition kennen. Man kann auch ohne die Traditionen Rosch HaSchana feiern. Doch in ihnen steckt viel Weisheit, um die Tiefen dieses besonderen Festes noch klarer aufzuschlüsseln.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
