Warum du Hebräisch lernen solltest
Ich beginne diesen Post einmal mit einer etwas provokanten These: Wer die Bibel wirklich verstehen will, muss Hebräisch lernen.
Ich verstehe natürlich, wenn du jetzt denkst: Wie soll ich das in meinem Alltag schaffen? Ich hadere schon mit der Schaffung einer soliden Grundstrukutr. Doch bevor du protestierst, lass mich dir kurz erklären, was ich meine. Vielleicht denkst du am Ende des Artikels so ähnlich wie ich darüber.
Trinken von der Quelle oder aus dem schmutzigen Pfuhl
Einer der bekanntesten Namen unter den deutschen Bibelübersetzern war Martin Luther. Er übertrug die gesamte Bibel in einem Zeitraum von etwa 13 Jahren aus den Sprachen Griechisch und Hebräisch ins Deutsche. Dabei beschäftigte er sich von 1523 bis 1534 mit Unterstützung von Kollegen wie Melanchthon und Justus Jonas mit dem sogenannten Alten Testament.
Anhand der Zeitspanne können wir sehen, dass sich Luther über ein Jahrzehnt intensiv mit der Originalsparsache des Tanachs (Altes Testament) auseinandergesetzt hat. Diese Auseinandersetzung führte wohl dazu, dass er in der Vorrede der Lutherbibel von 1545 den folgenden Satz formulierte:
Das Hebräisch ist die Quelle; das Griechisch ist der Bach, der daraus fließt; das Latein aber ist der schmutzige Pfuhl.
Luther begriff die hebräische Sprache als die Quelle, aus der das klarste Wasser zu schöpfen wäre. Quellwasser ist rein, klar und hat manchmal sogar heilende Wirkung.
Das Griechische bezeichnete immerhin noch als Bach – trinkbar, aber schon verunreinigt. Mit Latein konnte er nun gar nichts mehr anfangen.
Weitere Zitate von christlichen Größen
Luther war nicht der Einzige, der die hebräische Sprache verehrte und sie als die reine Quelle ansah, aus der wir das Verständnis von Gottes Willen schöpfen können. Es gab viele weitere Christen, die ähnliche Aussagen trafen.
William Tyndale (1494-1536) stellte seinerzeit fest, dass beides ein Segen sei: Die Bibel in der eigenen Muttersprache als auch in der Originalsprache lesen zu können.
Ich will, dass der einfache Mann die Bibel lesen kann – aber ich will auch, dass sie in ihrer Ursprache verstanden wird.
Es war also auch ihm wichtig, dass die Heilige Schrift in ihrer Urform verstanden würde.
Franz Delitzsch (1813-1890), ein evangelischer Theologe und Hebraist, sagte einmal:
Ohne das Hebräische bleibt der Boden des Alten Testaments uns fremd.
Mit anderen Worten: Ohne das Verständnis der hebräischen Sprache, haben wir große Schwierigkeiten, ja ist es uns laut Delitzsch fast unmöglich, das Fundament der Bibel zu ergründen. Das sind starke Worte, doch sie sind von einem Freund des jüdischen Volkes und der hebräischen Sprache geäußert worden.
Johannes Reuchlin (1455-1522), einer der ersten christlichen Humanisten, drückte es noch deutlicher aus. Er sagte:
Wer die Heilige Schrift verstehen will, der muss Hebräisch lernen.
Es lässt sich also festhalten, dass viele Theologen über die Jahrhunderte die hebräische Sprache zu schätzen gelernt haben und sie teilweise für essenziell hielten, um die Bibel zu verstehen. Lass mich dir ein paar Beispiele zeigen, warum ich das ebenfalls so sehe.
3 Beispiele, warum Hebräisch für das Bibelverständnis unverzichtbar ist
Vielleicht fragst du dich: „Aber reicht nicht eine gute Übersetzung?“ Natürlich können wir durch Übersetzungen viel von Gottes Wort verstehen, aber es gibt Stellen, an denen deutlich wird, wie sehr wir den Text nur durch die hebräische Sprache in seiner Tiefe erfassen können.
Im Folgenden zieg ich dir einige Beispiele dafür.
1. „Eretz“ – Erde oder Land? (1. Mose 1,1)
Gleich zu Beginn der Bibel lesen wir:
Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde.
(1. Mose 1,1; Schlachter 2000)
Das hebräische Wort אֶרֶץ (Eretz) kann aber sowohl Erde (die gesamte Welt) als auch Land (ein bestimmtes Territorium) bedeuten. Diese Doppelbedeutung zieht sich durch die ganze Bibel, zum Beispiel, wenn Gott Abraham „ein Land“ verheißt. Ist es ein bestimmtes Land oder die gesamte Erde, die dem Patriarchen versprochen sind?
Im Deutschen müssen Übersetzer sich für eine Variante entscheiden, während im Hebräischen beide Gedanken mitschwingen: Gott ist Schöpfer der ganzen Erde und gibt seinem Volk ein konkretes Land.
2. „Aufgestellt, nicht nur erhalten“ (2. Mose 9,16)
Gott rug Mose auf, dem Pharao folgende Worte zu entgegen:
… aber ich habe dich eben dazu bestehen lassen, dass ich an dir meine Macht erweise und dass mein Name verkündigt werde auf der ganzen Erde.
(2. Mose 9,16; Schlachter 2000 – Hervorhebung durch den Verfasser)
Im Hebräischen steht hier ein Hiphil-Verb (הֶעֱמַדְתִּיךָ he’emadticha), das wörtlich heißt: „Ich habe dich aufgestellt.“
Der Unterschied ist entscheidend: Gott hat den Pharao nicht nur passiv „am Leben gelassen“, sondern aktiv in diese Position gesetzt, um seine Macht zu zeigen. Diese kausative Bedeutung geht in vielen Übersetzungen verloren.
Das liegt einfach daran, dass das Hiphil als eine mögliche Form eines Verbes keine Entsprechung in deutschen Übersetzungen hat. Es ist schlicht nicht sauber übersetzbar.
4. „Mit dem HERRN“ oder „den HERRN“? (1. Mose 4,1)
Eva sagt nach der Geburt von Kain in Bereschit folgendes:
Ich habe einen Mann erworben mit der Hilfe des HERRN!
(1. Mose 41,b; Schlachter 2000)
Im Grundtext findet sich vor Kain das kleine Wort אֶת (et). Dieses kann sowohl „mit Hilfe des HERRN“ als auch „den HERRN“ bedeuten.
Einige Rabbiner und Kirchenväter sahen hier einen messianischen Hinweis – Eva hoffte möglicherweise, den verheißenen Retter selbst geboren zu haben. Diese Mehrdeutigkeit ist im Hebräischen vorhanden, verschwindet aber in fast allen Übersetzungen.
Kann es also sein, dass Eva in Kain den verheißenen Erretter sah, der ja aus dem Samen der Frau kommen sollte (1. Mose 3,15)?
Fazit: Die Quelle ist reiner als der Bach
Diese Beispiele sind nur ein kleiner Ausschnitt von Hunderten ähnlicher Stellen in der Bibel. Sie zeigen, dass das Hebräische oft Nuancen trägt, die wir in Übersetzungen gar nicht oder nur teilweise erfassen können. Grammatik, Wortspiele, Doppeldeutigkeiten – all das macht den Text lebendig und vielschichtig.
Darum verstehe ich Luther, Reuchlin, Delitzsch und Tyndale sehr gut: Wenn wir die Bibel wirklich an der Quelle studieren wollen, sollten wir – soweit es möglich ist – Hebräisch lernen. Nicht jeder wird ein Experte werden, aber selbst Grundkenntnisse können dir helfen, manche Bibelstellen neu, tiefer und klarer zu verstehen.
Vielleicht ist es ja auch für dich ein nächster Schritt im Glaubensleben, ein paar Tropfen Quellwasser zu kosten. Glaub mir, du wirst den Unterschied merken.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
