Wajechi – Der Segen auf Ephraim und Manasse
In der letzten Portion von Bereschit, Wajechi, begegnen wir Jakob, der sich am Ende seines Lebens befindet. Nachdem er 17 Jahre in Ägypten bei seinem Sohn Josef in Goschen gelebt hatte, wurde er so krank, dass er sein Ende sah.
Doch bevor er starb, wollte er noch die Söhne Josefs segnen. Dieser Segen hatte jedoch einige Eigentümlichkeiten, die Gegenstand unserer Betrachtung sein sollen.
Paraschat Wajechi
1. Mose 47,28-50,26
1. Könige 2,1-12; Johannes 13,1-19
Die Umstände um Jakobs Tod
In der jüdischen Überlieferung war Jakobs Tod mit einer Besonderheit versehen. Wir lesen in der Paraschah folgenden Vers dazu:
Und es geschah nach diesen Begebenheiten, da wurde dem Joseph gesagt: Siehe, dein Vater ist krank! Und er nahm seine zwei Söhne Manasse und Ephraim mit sich.
(1. Mose 48,1; SLT)
Jakob lag auf seinem Sterbebett, und seine Krankheit war ein Zeichen seines nahenden Todes. Ein Midrash erklärt, dass Jakob der erste Mensch war, der vor seinem Tod krank wurde. Zuvor starben die Menschen einfach, wenn ihre Zeit auf der Erde zu Ende war.
Doch Jakob hatte Gott gebeten, ihm durch Krankheit Zeit zu geben, um seine Angelegenheiten zu regeln. Diese Bitte sorgte dafür, dass ein natürlicher Tod in der Regel mit einer vorherigen Krankheit einhergeht – so zumindest der Midrasch.
Wenn wir einmal annehmen, dass es sich tatsächlich so zugetragen haben könnte, dann ist daraus ersichtlich, wie wichtig es Jakob war, dass er seine (große) Familie vor seinem Ableben ordnen konnte. Und offensichtlich hatte der Patriarch bereits einen Plan.
Ephraim und Manasse vor Jakob
Josef brachte seine Söhne Manasse und Ephraim zu Jakob. Im Text von Wajechi heißt es dazu:
Danach nahm Joseph sie beide, Ephraim in seine Rechte, zur Linken Israels, und Manasse in seine Linke, zur Rechten Israels, und brachte sie zu ihm.
(1. Mose 48,13; SLT)
Josef stellte seine Söhne in der natürlichen Reihenfolge auf: Manasse, der Erstgeborene, sollte an Jakobs rechter Hand stehen, und Ephraim, der Jüngere, an seiner linken. Doch Jakob handelte unerwartet.
Da streckte Israel seine Rechte aus und legte sie auf Ephraims Haupt, obwohl er der Jüngere war, seine Linke aber auf Manasses Haupt, indem er so seine Hände kreuzte, obwohl Manasse der Erstgeborene war.
(1. Mose 48,14; SLT)
Jakob segnete Ephraim vor Manasse, obwohl dies nicht der Tradition entsprach. Diese Entscheidung folgte nicht menschlichen Erwartungen, sondern göttlicher Weisung. Jakob erkannte Ephraims zukünftige Bedeutung und stellte ihn über Manasse. Zudem lernen wir aus der Überlieferung, dass Ephraim zu Lebzeiten seines Großvaters viel Zeit mit ihm verbrachte und von ihm lernte.
Was auch immer genau Jakobs Beweggründe dafür waren, den Jüngeren vor den Älteren zu stellen, fällt eines auf: Die beiden Brüder blieben friedlich. Manasse akzeptierte die Entscheidung des Großvaters ohne Auflehnung.
Eine Wiederholung, doch ohne Streit
Dieses Muster, das der Jüngere vor dem Älteren bevorzugt wird, begegnet uns in der Bibel immer wieder:
- Kain und Abel: Abel wurde von Gott angesehen, während Kain verworfen wurde.
- Ismael und Isaak: Isaak empfing den Segen, obwohl Ismael der Erstgeborene war.
- Esau und Jakob: Jakob erhielt den Erstgeburtssegen, obwohl Esau zuerst geboren wurde.
- Manasse und Ephraim: Hier setzte Jakob erneut den Jüngeren über den Älteren.
Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied: Während die vorherigen Geschichten oft von Konflikten und Streit um das Erstgeburtsrecht geprägt waren (siehe Wajeschew oder Toldot), herrschte zwischen Ephraim und Manasse Einigkeit. Manasse akzeptierte den Willen des Vaters, ohne sich dagegen aufzulehnen. Dieses Vorbild von Frieden und Gehorsam durchbricht das bekannte Muster und zeigt, wie Einheit im Volk Gottes aussehen kann.
Daher verwundert es nicht, dass Jakob später sagte:
So segnete er sie an jenem Tag und sprach: Mit dir wird man sich in Israel segnen und sagen: Gott mache dich wie Ephraim und Manasse! So setzte er Ephraim dem Manasse voran.
(1.Mose 48,20; SLT)
Dieser Segen wird bis heute von hebräischen Familien am Schabbat ausgesprochen, wenn Eltern ihre Söhne segnen: „Gott mache dich wie Ephraim und Manasse.“
Ephraim und Manasse stehen für Geschwister, die in Frieden miteinander leben und den Willen ihres Vaters respektieren.
Für uns als Teil Israels bedeutet dies: Wir sollten nicht um Positionen oder Äußerlichkeiten kämpfen. Stattdessen sind wir berufen, den Willen des Vaters auszuführen – mit Gehorsam und Einigkeit, so wie Manasse den göttlichen Plan akzeptierte. Dieser Frieden und Respekt sind das Fundament für ein gesegnetes Miteinander, sowohl in unseren Familien als auch in unserer Gemeinschaft.
Fazit: Wajechi – Ein Vorbild für Einheit und Gehorsam
Die Parashah Wajechi lehrt uns, dass der Segen Gottes nicht von äußeren Hierarchien abhängt. Jakobs bewusste Segnung Ephraims vor Manasse zeigt, dass Gott oft anders handelt, als wir es erwarten. Doch das Besondere ist: Diese Entscheidung wurde ohne Streit oder Konflikt angenommen.
So erinnert uns die Geschichte von Ephraim und Manasse daran, wie wichtig es ist, den Willen Gottes zu akzeptieren, Einheit zu bewahren und in Frieden miteinander zu leben. Mögen wir aus diesem Vorbild lernen und unser eigenes Leben im Licht dieser Lehre gestalten.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
