Wa’etchanan – In Einheit im Angesicht Gottes
Die Lesung Wa’etchanan setzt die Rede Moses dort fort, wo sie in Devarim aufgehört hat. Der damalige Hirte des Volkes führte die Geschichte Israels vom Auszug aus Ägypten bis zur Ankunft am Sinai weiter.
Dabei finden wir im Hebräischen viele interessante Aussagen. Eine davon sehen wir uns in diesem Kommentar genauer an.
Paraschat Wa’etchanan
5. Mose 3,23-7,11
Jesaja 40,1-26; Lukas 3,2-15
Wa’etchanan und die Geschehnisse am Sinai
Ab Vers 32 im Kapitel 4 des Buches Devarim (5. Mose) forderte Mose das Volk Israel dazu auf, sich an die vergangenen Tage der Väter zu erinnern. Dabei leitet er diesen Abschnitt mit folgenden Worten ein:
Denn frage doch nach den früheren Tagen, die vor dir gewesen sind, von dem Tag an, als Gott den Menschen auf Erden erschuf, und von einem Ende des Himmels bis zum anderen Ende des Himmels, ob je etwas so Großes geschehen oder je dergleichen gehört worden ist: Hat je ein Volk die Stimme Gottes mitten aus dem Feuer reden gehört, wie du sie gehört hast, und ist dennoch am Leben geblieben?
(5. Mose 4,32-33; Schlachter 2000)
Die Frage ist an die Söhne und Töchter der Generation gestellt worden, die Gottes Stimme vom Berg Sinai gehört hat. Ist je einem Volk so etwas passiert? Hat man es je gehört, dass sich ein Gott seinem Volk so offenbart, wie Gott es am Sinai getan hat?
Mose stellte diese Frage und forderte die Kinder Israels direkt dazu auf, sich diese Situation noch einmal vor Augen zu führen. Das gewaltige Sprechen Gottes vom Sinai, ist eines der bedeutendsten Ereignisse der Menschheitsgeschichte. Gleichzeitig formten die Geschehnisse am Sinai die Identität Israels aus.
Mose fuhr in Wa’etchanan fort:
Dir ist es gezeigt worden, damit du erkennst, dass der HERR Gott ist, und keiner sonst als er allein.
(5. Mose 4,35; Schlachter 2000)
Gott hat sich am Berg Sinai offenbart, damit Israel erkennen konnte, dass er allein der Schöpfer von Himmel und Erde ist. Und noch mehr: Gott hatte sich das Volk Israel erwählt, um es in die Freiheit zu fürhen.
Weil er unsere Väter liebte
Doch was war die Grundlage für den Auszug aus Ägypten? Warum erbarmte sich Gott der Kinder Israels? Mose gibt uns die Antwort:
Und weil er deine Väter liebte und ihren Samen nach ihnen erwählt hat, hat er dich mit seinem Angesicht durch seine große Kraft aus Ägypten herausgeführt,
(5. Mose 4,37; Schlachter 2000)

Die Grundlage für den Auszug aus Ägypten und die Offenbarung am Berg Sinai war die Liebe Gottes zu seinem Volk. Nichts anderes.
Das ist die oberflächliche Bedeutung des obigen Verses. Lass uns einen Blick in die hebräische Version werfen und schauen, was wir hier noch herausziehen können.
Ein hebräischer Vers aus Wa’etchanan
Devarim 4,37 liest sich im Hebräischen wie folgt:
וְתַ֗חַת כִּ֤י אָהַב֙ אֶת־אֲבֹתֶ֔יךָ וַיִּבְחַ֥ר בְּזַרְע֖וֹ אַחֲרָ֑יו וַיּוֹצִֽאֲךָ֧ בְּפָנָ֛יו בְּכֹח֥וֹ הַגָּדֹ֖ל מִמִּצְרָֽיִם׃
Wenn dir der Text fremd erscheint, dann mach dir keine Sorgen, wir sehen uns die Teile Stück für Stück gemeinsam an.
תַ֗חַת כִּ֤י אָהַב֙ אֶת־אֲבֹתֶ֔יךָ
Taḥat ki aḥav et-avotekha
„Und weil er deine Väter liebte.” Hier gibt Mose zu verstehen, dass Liebe die einzige Grundlage für die Erlösung aus der Sklaverei ist. Interessant erscheint, dass der Text fast ausschließlich eine einzelne Person anspricht (du). Die Väter stehen also im Plural.
Im Grunde spricht die Torah stets zu DIR. Du hast damit nicht nur einen Vater. Du hast Väter, die aus Ägypten erlöst wurden. Das ist eine mächtige Botschaft. Die Menschen am Sinai waren auch deine Väter (und Mütter).
וַיִּבְחַ֥ר בְּזַרְע֖וֹ אַחֲרָ֑יו
Vayyivchar b’zar’o acharav
“Undweil er seinen Samen nach ihm erwählte”. An dieser Stelle geschieht etwas Merkwürdiges. Wo zuvor noch von den Vätern die Rede war (Plural), wechselt die Torah nun in den Singular. Statt „ihr Same (3. Person Plural)” heißt es „sein Same (3. Person Singular“)”.
Was ist da passiert? Es gibt verschiedene Deutungsmöglichkeiten. Zunächst kann sich das Personalpronomen auf die Väter beziehen. Diese wurden von Gott als Einheit gesehen, wie ein Mann. Letztlich bezeichnete der Allmächtige ja auch das ganze Volk als seinen Sohn (2. Mose 4,22).
Eine andere Deutungsmöglichkeit: Das Pronomen bezieht sich auf Gott. Es sind DEINE Väter, die aus Ägypten zogen, aber du bist SEIN Same.
וַיּוֹצִֽאֲךָ֧ בְּפָנָ֛יו בְּכֹח֥וֹ הַגָּדֹ֖ל מִמִּצְרָֽיִם
Vayyotziʾakha b’fanav b’koḥo hagadol mi-Mitzrayim
“Und er führte dich in seinem Angesicht und in seiner großen Kraft aus Ägypten heraus”. An dieser Stelle offenbart uns Wa’etchanan die einzige Möglichkeit, aus Ägypten auszuziehen: im Angesicht Gottes.
Wie eine Braut ihren Bräutigam nicht aus den Augen lassen kann und ihre Augen für ihn hat, so sollten auch wir unseren Blick immer auf das Angesicht Gottes, das Angesicht Jeschuas, gerichtet haben. Und wenn wir ihn suchen und uns zu ihm kehren, dann kehrt er sich auch zu uns (Sacharja 1,3).
Fazit
Wir sehen, welch Reichtum in der hebräischen Sprache liegt. Aus diesem Grund kann ich jedem nur empfehlen, Hebräisch zu lernen. Wa’etchanan offenbart uns, dass es Gott nie nur um die Erlösung des Einzelnen ging. Vielmehr sieht er immer ganz Israel als Einheit.
Diese Einheit ist nur im Angesicht Gottes zu erreichen. Niemals können wir den Weg allein gehen, denn wir sind Teil eines Volkes – Gottes Same und Kinder der Väter am Sinai.
Darum lasst uns unseren Fokus noch gezielter auf Jeschua und seine Gemeinde legen. Und lasst uns seine Wege lernen.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
