Schelach – Warum die Kundschafter das Land in Verruf brachten
Eine der bemerkenswertesten Geschichten innerhalb der Wüstenwanderung ist die Sendung der zwölf Kundschafter ins Land Kanaan. Mose sandte diese in das Land, damit sie dem Volk einen Bericht über dessen Beschaffenheit gaben.
Dabei bestand der Plan ganz sicher nicht darin, die Wüstenzeit der Kinder Israels um 39 Jahre zu verlängern. Allerdings kam es dennoch dazu. In diesem Kommentar zu Schelach schauen wir uns an, wie es dazu kommen konnte und mit welcher Formulierung die Spione das ganze Volk in den Glaubensabfall führten.
Paraschat Schelach
4. Mose 13,1-15,41
Josua 2,1-24; Markus 10,1-14
Die Auswahl der Spione
Die Lesung Schelach beginnt mit dem Bericht der Auswahl der Kundschafter. Dabei sehen wir im hebräischen Text sehr eindeutig, dass es nicht Gottes Auswahl war. Vielmehr gab der Allmächtige Mose die Erlaubnis, die Kundschafter zu senden. Ob dieser es auch tat, lag letztlich an ihm.
Die neue evangelistische Übersetzung gibt den Sinn des hebräischen Textes gut wieder:
(4. Mose 13,2; NeÜ)
Du kannst einige Männer losschicken, die das Land Kanaan erkunden sollen, das ich den Israeliten geben will! Nimm dazu aus jedem Stamm je einen der führenden Männer!
Auch der Paralleltext aus Devarim legt nahe, dass die Aussendung der Kundschafter nicht Gottes Idee war.
Da kamt ihr alle her zu mir und spracht: Lasst uns Männer vor uns hersenden, die für uns das Land erkunden und uns Bericht bringen über den Weg, den wir ziehen, und die Städte, in die wir kommen sollen!
(5. Mose 1,22; Schlachter 2000)
Wir sehen, dass die Aussendung der Kundschafter ein Projekt war, welches aus dem Fleisch heraus entstanden war, nicht jedoch auf göttlicher Weisung beruhte.
Das Motiv der Kundschafter aus Schelach
Doch welche Motivation trieb die Kundschafter bzw. das Volk an? War es nicht so, dass Gitt schon längst die Qualität des Landes offenbart hatte? Der Allmächtige wollte sein Volk in ein Land führen, in dem Milch und Honig fließen.
Zudem hatte er Israel fest zugesagt, dass er vor dem Volk hergehen und sich um die Völker im Land kümmern würde. Er würde den Weg für die Kinder Israels frei machen (2. Mose 23,20-22).
Der spätere Bericht der zehn Kundschafter, welcher das Land gegenüber dem Volk in Verruf brachte, ist auch deshalb fragwürdig, weil diese Kundschafter Fürsten und angesehene Männer im Volk waren. Mose hatte sich Männer ausgesucht, von denen er sich erhoffte, dass er sich auf sie verlassen konnte.
Wie konnte es also dazu kommen, dass dieses Projekt so fehlschlug?
Erklärungen zu Schelach aus der jüdischen Überlieferung
In der jüdischen Überlieferung wird vielfach diskutiert, was die Kundschafter dazu veranlasste, einen so entmutigenden und letztlich gefährlichen Bericht abzugeben. Verschiedene rabbinische Quellen liefern Erklärungen, die weit über eine rein äußere Einschätzung des Landes hinausgehen.
Ein zentraler Gedanke ist der, dass die Kundschafter Angst davor hatten, ihre privilegierte Stellung im Lager Israels zu verlieren. Solange das Volk durch die Wüste wanderte, genossen diese Männer – als Fürsten der Stämme – eine angesehene und einflussreiche Position. Im verheißenen Land jedoch, wo das Volk sich neu strukturieren und sesshaft werden würde, war ihr Status keineswegs gesichert. Die Angst vor Veränderung wurde zur Grundlage für einen Bericht, der das Land selbst in ein negatives Licht rückte.
Noch tiefer geht die Deutung, dass die Kundschafter eine geistliche Abneigung gegen das alltägliche, natürliche Leben im Land hegten. In der Wüste lebte Israel in einem übernatürlichen Zustand – täglich Manna vom Himmel, Wasser aus dem Felsen, göttlicher Schutz durch Wolke und Feuer. Das Leben im Land jedoch würde harte Arbeit, Ackerbau, Eigenverantwortung und geistliche Reife im Alltag verlangen.
Die Kundschafter fürchteten, Gott im Alltäglichen nicht mehr so deutlich zu spüren wie in der Wunderwelt der Wüste. Statt sich dieser Herausforderung zu stellen, war es einfacher, das Land selbst schlechtzureden und so den Status quo zu erhalten.
Eine zerstörerische Formulierung
Diese Motive kulminierten in einer Formulierung, die das ganze Volk ins Wanken brachte.
(4. Mose 13,32; Schlachter 2000 – Hervorhebung durch den Verfasser)
Und sie brachten das Land, das sie erkundet hatten, in Verruf bei den Kindern Israels und sprachen: Das Land, das wir durchzogen haben, um es auszukundschaften, ist ein Land, das seine Einwohner frisst, und alles Volk, das wir darin sahen, sind Leute von hohem Wuchs.
Mit dieser Aussage lösten sie blanke Angst und Panik aus. Die negative Sichtweise, gepaart mit der Autorität, die diesen Männern verliehen war, reichte aus, um das Vertrauen des Volkes in Gottes Zusage zu zerstören.
Die Ironie dabei: Laut verschiedener jüdischer Kommentare sorgte Gott selbst dafür, dass viele Kanaaniter während der Mission der Kundschafter starben, sodass diese unbehelligt blieben. Die 10 Spione konnten den Schutz Gottes jedoch nicht erkennen und legten ihn als Fluch des Landes aus.
Fazit: Die Angst vor Verantwortung und das Misstrauen gegenüber dem Alltag
Schelach lehrt uns, dass die Sünde der Kundschafter in der Tiefe nicht nur Lüge oder Feigheit war. Die Männer wollten die Sicherheit der Wüste nicht gegen das Wagnis eines gottgefälligen Alltags im Land eintauschen. Statt Gottes Verheißung zu trauen, hielten sie an einem geistlich „komfortablen“ Zustand fest.
Diese Geschichte ermahnt uns, dass echter Glaube nicht im Außergewöhnlichen, sondern im Gehorsam im Alltag sichtbar wird. Es ist nicht schwer, Gott in Zeiten des Wunders zu vertrauen – aber er ruft uns dazu auf, ihn auch im „Land des Alltags“ zu erkennen, zu ehren und ihm zu glauben.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
