Re’eh – Warum Gott uns falsche Propheten schickt
Mit der Lesung Re’eh fahren wir in der Rede Moses fort, die er seit der Paraschah Devarim an das Volk Israel hält. Mit der aktuellen Torahportion steigen wir jedoch in die ersten Gebote ein, die spezifisch für das Land sind.
Somit gibt die Lesung einen Ausblick auf das zukünftige Leben im Land Kanaan.
Paraschat Re’eh
5. Mose 11,26-16,17
Jesaja 66,1-24; Johannes 6,35-51
Die Gefahren des Lebens im Segen
Als Israel das Land einnahm, war dies nur möglich, weil sie der Torah treu waren. Denn die Einnahme war exklusiv an diese Bedingung gebunden. Schon die Lesung Ekev zeigte uns dieses Prinzip:
Das ganze Gebot, das ich dir heute gebiete, sollt ihr bewahren, um es zu tun, damit ihr lebt und euch mehrt und hineinkommt und das Land in Besitz nehmt, das der HERR euren Vätern zugeschworen hat.
(5. Mose 8,1; Schlachter 2000)
Doch auch der Verbleib im Land war von der Treue Israels gegenüber dem Allmächtigen und seinen Mitzvot abhängig.
Allerdings wusste Gott, dass sein Volk ihm nicht gänzlich nachfolgen würde. Er wusste, dass sie schon vor Eintritt ins Land daran dachten, wie sie ihr eigenes System und ihre eigene Gerechtigkeit etablieren würden (5. Mose 31,16).
Doch da es sein Wille war und ist, dass Israel glücklich und im Segen im verheißenen Land leben würde, gab er seinem Volk verschiedene Prüfungen, an denen sie wachsen durften.
Eine dieser Prüfungen waren falsche Propheten im Land.

Re’eh und die falschen Propheten
In unserer Lesung finden wir folgenden Text:
Das ganze Wort, das ich euch gebiete, das sollt ihr bewahren, um es zu tun; du sollst nichts zu ihm hinzufügen und nichts von ihm wegnehmen!
(5. Mose 13,1; Schlachter 2000)
Die Torah weist an dieser Stelle eindringlich darauf hin, dass Israel alle Gebote Gottes halten sollte. Doch da Israel auf jeden Fall abweichen würde, gab Gott Prüfungen, damit seine Kinder ihren Status erfahren konnten.
Wenn in deiner Mitte ein Prophet oder Träumer aufstehen wird und dir ein Zeichen oder Wunder angibt, und das Zeichen oder Wunder trifft ein, von dem er zu dir geredet hat, und er spricht [nun]: »Lasst uns anderen Göttern nachfolgen — die du nicht gekannt hast —, und lasst uns ihnen dienen!«,
(5. Mose 13,2-3; Schlachter 2000)
Zu beachten ist, dass Gott nicht davon spricht, dass es passieren könnte, dass falsche Propheten aufstehen. Der hebräische Text sagt nicht “falls”, sondern “denn”. Mit anderen Worten: Vers 2 schließt an Vers 1 an.
Sinngemäß ergibt sich folgende Aussage:
“Hütet alle Worte, die ich euch gebiete, denn es werden falsche Propheten kommen.”
Es war sicher, dass diese falschen Propheten aufstehen würden. Und es konnte hin und wieder sein, dass deren Zeichen und Vorhersagen auch eintrafen. Woran war dann aber zu erkennen, ob der Prophet von Gott kam oder nicht?
Es war und ist nur dadurch zu erkennen, dass Israel das Original, das Wort Gottes, die Torah, kennt und lebt. Dann kann Gottes Volk auch den falschen Propheten erkennen.
Insofern schützt die Halacha davor, Hochstaplern und Träumern auf den Leim zu gehen. Die Erziehung Gottes hat nichts anderes zum Ziel, als seine Kinder dem Original, Jeschua, näherzubringen.
Die Bedeutung der Prüfung
Wenn wir nun in den nächsten Vers innerhalb von Re’eh schauen, lernen wir, wie Gott sein Volk mit den falschen Propheten auf den Prüfstand stellen wollte.
so sollst du den Worten eines solchen Propheten oder eines solchen Träumers nicht gehorchen; denn der HERR, euer Gott, prüft euch, um zu erfahren, ob ihr den HERRN, euren Gott, wirklich von ganzem Herzen und von ganzer Seele liebt.
(5. Mose 13,4; Schlachter 2000 – Hervorhebung durch den Verfasser)
Die Verben „prüfen“ und „erfahren“ sind hier von besonderer Bedeutung. Im Grunde geht es ja gar nicht darum, dass Gott uns prüfen müsste. Die Erfahrung des Prüfens und Erfahrens ist uns vielmehr geschenkt.
Wir wollen auf die beiden Worte schauen:
- Prüfen (מְנַסֶּ֞ה): In diesem Wort steckt die hebräische Wurzel nasa, welche mit anheben oder hochheben übersetzt werden kann. Wer etwas hochhebt, um es zu prüfen, tut es, um es näher zum Licht zu bringen und genauer betrachten zu können. Zudem sind erhobene Dinge separiert von den anderen.
Wenn Gott prüft, hebt er uns empor. Je nach Verhalten kann dies zu unserer Beschämung oder Ehrung führen. Wir werden dies in der jeweiligen Situation erkennen. - Erfahren (לָדַ֗עַת): Das hebräische Wort jada kann mit (er-)kennen übersetzt werden. Allerdings steht dieses Erkennen mit einer intensiven und intimen Beziehung in Verbindung, etwa wenn Adam seine Frau Eva erkannte (1. Mose 4,1). In der Prüfung sorgt Gott dafür, dass wir unser Herz erkennen. Es wird sichtbar und erlebbar, was im Untergrund schlummert.
Und so sorgen die falschen Propheten dafür, dass offenbart wird, ob wir dem Schöpfer von Himmel und Erde tatsächlich mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele dienen.
Fazit von Re’eh
Auch wenn sich Mose mit seiner Rede in Devarim vorrangig an die damalige Generation Israels wandte, um ihnen einige Regeln für das Leben im Land mitzuteilen, so spricht die Paraschah Re’eh auch ganz aktuell zu uns.
Es gibt heute so viele Strömungen im christlichen und auch jüdischen Lager, die die verschiedensten Dinge postulieren. Dabei ist es so wichtig, dass wir unseren Fokus auf den Allmächtigen, auf Jeschua gerichtet lassen, damit unser Herz gereinigt wird und wir würdig erfunden werden, wenn er wiederkommt.
So können wir dankbar sein, ein klares Vorbild zu haben, welches uns Stück für Stück in sein Bild zurückführt. Möge er auch das Vorbild unserer Kinder werden.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
