Nitzavim – Ein Bund durch Raum und Zeit
Schon mit der Lesung Ki Tavo aus der letzten Woche wurde ein neuer Abschnitt der Rede Moses eingeleitet. Nachdem er, beginnend in Devarim, dem Volk den Weg durch die Wüste noch einmal vor Augen führte und dabei viele Gebote wiederholte, kam er letztlich zum Abschnitt des Bundesschlusses.
Mit Nitzavim trat Israel in die Phase der Vertragsunterzeichnung ein. Nachdem Mose die AGB ausführlich vorgetragen hatte, wurde es Zeit, die Vereinbarung noch einmal zu bekräftigen. Dabei erkennen wir, dass das Bündnis Gottes sich unabhängig von Raum und Zeit auf alle Generationen erstreckt.
Paraschat Nitzavim
5. Mose 29,9-31,30
Jesaja 61,10-63,9; Johannes 12,41-50; Matthäus 21,9-17
Ihr steht nun alle hier
Nitzavim leitet mit den folgenden Worten ein:
Ihr alle steht heute vor dem HERRN, eurem Gott — eure Häupter, eure Stämme, eure Ältesten und eure Vorsteher, alle Männer Israels; eure Kinder, eure Frauen und dein Fremdling, der inmitten deines Lagers ist, von deinem Holzhauer bis zu deinem Wasserschöpfer, …
(5. Mos 29,9-10; Schlachter 2000)
Tatsächlich stand das ganze Volk vor dem Allmächtigen in der Ebene Moabs, um erneut in seinen Bund einzutreten. Somit zeigte Mose auf, dass Gottes Bündnisse nicht nur für die Ältesten und Häupter bestimmt waren, sondern ein Angebot an jeden einzelnen Hebräer darstellten – bis zum Holzfäller und Wasserträger.
Daraus folgt aber auch, dass jeder Hebräer selbst für die Ausgestaltung seines Bündnisses mit Gott verantwortlich war. Es gab keinen Pastor, Priester oder Rabbi auf dessen Wandel oder Meinung er sich stützen konnte.
Jeder stand selbst vor Gott und musste sein Leben vor ihm verantworten.
Doch das Bündnis reichte weit über die damalige Generation in der Wüste hinaus.
Nitzavim und der Bundesschluss mit allen Hebräern
Es gibt einen entscheidenden Satz in Nitzavim, der die Gültigkeit von Gottes Bund von Raum und Zeit unabhängig macht.
Denn ich schließe diesen Bund und diese Eidverpflichtung nicht mit euch allein, sondern sowohl mit dem, der heute hier mit uns steht vor dem HERRN, unserem Gott, als auch mit dem, der heute nicht hier bei uns ist.
(5. Mose 29,13-14; Schlachter 2000 – Hervorhebung durch den Verfasser)
Wer sind diejenigen, die “heute nicht hier srtehen”? Es kann sich nicht um Hebräer der damaligen Generation handeln, denn die Torah stellt ja zuvor fest, dass alle vor dem Allmächtigen standen.
Demnach müssen zukünftige bzw. vergangene Generationen gemeint sein. Mit anderen Worten: Gott betrachtet jeden Gläubigen so, als sei er ebenfalls in den Ebenen Moabs gestanden und in den Bund eingetreten.
Das bedeutet aber auch, dass wir uns ebenfalls als “in den Ebenen Moabs stehend” sehen sollten. Doch was heißt das konkret?
Nitzavim und der Bund in den Ebenen Moabs
Wenn wir ebenfalls in den Ebenen gestanden haben, dann haben wir auch die Rede Moses gehört. Dann kennen wir die Gebote Gottes und stimmen diesen zu. Wir wissen um den Segen und den Fluch als Folge von Gehorsam und Ungehorsam gegenüber den Geboten.
Und wir wissen, dass wir an der Schwelle zum Land Kanaan stehen, dem Ziel unserer Reise. Demnach nehmen wir die Bündnisbedingungen mit allen Konsequenzen auf uns und erklären uns damit einverstanden.
Übrigens gingen Nitzavim die Erklärungen der 98 Flüche (5. Mose 28,15-68) voraus. Dies sind doppelt so viele wie in der Lesung Kedoschim aufgezählt.
Der Midrasch Tanchuma sieht im Bündnisschluss in den Ebenen Moabs eine Erneuerung des Bundes vom Sinai, welcher durch die Sünde mit dem Goldenen Kalb gebrochen wurde. Allerdings waren die Anforderungen hier etwas höher gesetzt, um einen erneuten Bruch zu vermeiden.
Zusätzlich erweiterte Gott nun sein Bündnis auf alle Generationen. Somit ist die Sünde der wenigen zum Segen der Vielen geworden.
Fazit zu Nitzavim
Was lernen wir nun aus Nitzawim? Ich denke, wir können sehen, dass Gott uns mit seinem erneuerten Bund eine zweite Chance gibt. Gleichzeitig warnt er aber auch davor, es nicht noch einmal zu vergeigen.
Im Grunde ist es wie in der Kindererziehung. Wenn ich weiß, dass ich meinen Kindern vertrauen kann, ist es möglich, die Zügel etwas lockerer zu lassen. Wenn Sie ungehorsam sind, kann ich ihnen bestimmte Freiheiten nicht gewähren und muss sie unter strengere Beobachtung halten.
Die Basis dafür ist jedoch das Wohl des Kindes. Die Kleinen können Gefahren oft nicht gut einschätzen und benötigen klare Regeln und Grenzen – zu ihrem Schutz.
Die Beziehung zu unserem Schöpfer ist nicht anders. Ein erneuerter Bund kann demnach unmöglich bedeuten, dass die vorherigen Regeln außer Kraft gesetzt sind. Er ist vielmehr eine Chance, unsere Vertrauenswürdigkeit erneut unter Beweis zu stellen, indem wir diese Regeln befolgen. Und das in jeder Generation.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
