Mattot / Massei – Die Autorität des Mannes
Es gibt ein Thema in der Lesung Mattot, welches viele Ehen vor echte Probleme gestellt hat. Es geht um die Frage der Autorität des Mannes. Wenn die Torah beschreibt, dass der Mann in der Lage ist, jedes Gelübde seiner Frau aufzuheben, dann bedeutet dies doch gleichzeitig, dass die Frau gar nicht ohne ihn wirken kann. Oder etwa nicht?
Wir schauen in den Text von Mattot und untersuchen, in welchen Kontext dieser einzuordnen ist.
Paraschat Mattot / Massei
4. Mose 30,2-36,13
Jeremia 2,4-28; Jeremia 3,4
Lukas 13,1-9; Markus 11,12-23
Was sind Gelübde?
Der betreffende Text in Mattot beginnt wie folgt:
Wenn ein Mann dem HERRN ein Gelübde ablegt oder einen Eid schwört, womit er eine Verpflichtung auf seine Seele bindet, so soll er sein Wort nicht brechen; sondern gemäß allem, was aus seinem Mund hervorgegangen ist, soll er handeln.
(4. Mose 30,3; Schlachter 2000)
So weit, so gut. Wenn also ein Mann dem Herrn ein Gelübde ablegt, so ist dieses bindend und er hat sich daran zu halten. Hier sollten wir dringend darauf achten, dass es sich um ein Gelübde für den Herrn handelt.
Dies könnte etwa so aussehen:
Ich gelobe, dies oder jenes zu tun, wobei das Gelöbnis mir so heilig ist wie ein Opfer für Gott.
Dabei geht es nicht um Verträge oder Verabredungen von Menschen, sondern um offizielle heilige Gelübde, etwa das Gelübde eines Nasiräers (4. Mose 6,1-21).
Sollte eine Frau ein ähnliches Gelübde auf sich binden, so ist sie ebenfalls verpflichtet, es zu halten. Allerdings stehen ihrem Vater oder ihrem Mann Vetorechte zu.
Wenn aber ihr Vater an dem Tag, da er es hört, es ihr verwehrt, so ist keines ihrer Gelübde und ihrer Verpflichtungen gültig, die sie auf ihre Seele gebunden hat. Und der HERR wird es ihr vergeben, weil ihr Vater es ihr verwehrt hat.
(4. Mose 30,6; Schlachter 2000)
Wenn aber ihr Mann es ihr verwehrt an dem Tag, da er es hört, so macht er damit ihr Gelübde ungültig, das sie auf sich hat, und das unbedachte Versprechen, das sie auf ihre Seele gebunden hat; und der HERR wird es ihr vergeben.
(4. Mose 30,9; Schlachter 2000)
Was hat es damit also auf sich? Bedeuten diese Gebote bzw. Rechte des Mannes die Entrechtung der Frau?
Wenn zwei Menschen ein Fleisch werden
Stellen wir uns folgenden Fall vor: Ein Mann möchte sich mit einer Frau verloben. Doch deren Vater ist schwer krank und die Mutter pflegt ihn. Die Tochter hingegen, als einziges Kind, hat verschiedene Verpflichtungen auf sich genommen, um die Familie finanziell über Wasser zu halten.
Sie arbeitet und sorgt für ihre Eltern. Das Problem ist nun, dass sie aufgrund ihrer Verpflichtungen nicht frei für eine Ehe und Familie ist.
In einem solchen Fall kann der Vater sie von allen Verpflichtungen entbinden, auch solchen, die sie mit Dritten eingegangen ist.
Der Talmud beschreibt einen solchen Fall wie folgt:
(Nedarim 72b:1 – Übersetzung des Verf.)
MISHNA: Die Praxis der Torah-Gelehrten besteht darin, sicherzustellen, dass eine Frau, die kurz vor der Heirat steht, nicht durch Gelübde belastet ist. Ein Vater sagte zu seiner Tochter, bevor sie ihn durch die Heirat verließ: Alle Gelübde, die du in meinem Haus abgelegt hast, sind hiermit für nichtig erklärt. Und ebenso sagt der Ehemann, bevor sie in seine Zuständigkeit übergeht, d. h. während sie noch verlobt sind, zu ihr: Alle Gelübde, die du vor deinem Eintritt in meine Zuständigkeit abgelegt hast, sind hiermit für nichtig erklärt. Dies war notwendig, weil er, sobald sie in seine Zuständigkeit übergeht, die Gelübde, die sie zuvor abgelegt hat, nicht mehr für nichtig erklären kann.
Im Grunde war das Recht des Vaters die Voraussetzung, dass die Frau frei in die Ehe gehen konnte. Im Übrigen konnte auch der Bräutigam dafür sorgen, dass seine Braut vor der Ehe von allen äußeren Verpflichtungen frei wurde, sodass die beiden von Null starten konnten.
Aber was hatte es mit dem Recht des Mannes auf sich, wenn die Frau nun in seinem Haus wohnte?
Und wenn sie im Haus ihres Mannes ein Gelübde abgelegt oder sich mit einem Eid etwas auf ihre Seele gebunden hat, … Wenn es aber ihr Mann an dem Tag, da er es hört, irgendwie ungültig macht, so gilt keines ihrer Gelübde oder der Verpflichtungen ihrer Seele von dem, was über ihre Lippen gegangen ist; denn ihr Mann hat es aufgehoben, und der HERR wird es ihr vergeben.
(4. Mose 30,11.13; Schlachter 2000)
An der Stelle scheint der Text von Mattot doch sehr eindeutig, oder? Der war in der Lage, alle Gelübde der Frau aufzuheben.
Gelübde zur Demütigung der Seele
Wenn wir nur einen Vers weiterlesen, erfahren wir, dass dieses Recht sehr stark eingeschränkt war. Der Mann hatte das Recht, alle Gelübde aufzuheben, die Demütigungen der Seele einschlossen.
Alle Gelübde und jeden Verpflichtungseid zur Demütigung der Seele — ihr Mann kann sie bestätigen, und ihr Mann kann sie aufheben. (4. Mose 30,14; Schlachter 2000)
Diese Sprache kommt bekannt vor, findet sie doch in ähnlicher Weise im Zusammenhang mit Jom Kippur Verwendung.
Darum soll es euch ein Sabbat der Ruhe sein, und ihr sollt eure Seelen demütigen; das soll eine ewige Ordnung sein.
(3. Mose 16,31; Schlachter 2000)
Die Demütigung der Seele wird an Jom Kippur mit Fasten und der Aufgabe des gesamten alltäglichen Lebens in Zusammenhang gebracht. Im Grunde signalisieren wir mit dem kompletten Stillstand unseres Lebens an Jom Kippur, dass wir bereit wären, für die Gemeinschaft mit Gott zu sterben. Wer nicht isst, stirbt.
Und so gibt die Torah dem Mann das Recht, vielleicht auch die Pflicht(?), Gelübde seiner Frau aufzuheben, wenn er sieht, dass diese sich damit übernimmt und darunter leiden würde.
Im Traktat Nedarim 79b ff. gibt es eine lang geführte Diskussion der Rabbiner, welche Gelübde denn nun tatsächlich aufgehoben werden könnten. Unabhängig davon, auf welche Meinungen man in diesen Diskussionen stößt, zeigt sie doch, dass es den jüdischen Gelehrten vollkommen klar ist, dass sie nicht wahllos über ihre Frauen verfügen dürfen. Dieses Verhalten wäre vielmehr ein Zeichen einer gefallenen Ehe.
Mattot und der Schutz der Frau
Der Text aus Mattot gibt also dem Mann keineswegs das Recht, seine Frau in allen Belangen zu kontrollieren oder sie zu bevormunden. Im Gegenteil, seine Rechte, Gelübde aufzuheben, sind sehr eingeschränkt und nur dafür gedacht, die Frau vor echtem Schaden zu bewahren.
Wir sehen einmal mehr, wie wichtig es ist, sich die Torah genau anzusehen. Denn falsch verstandene Gebote können schnell zu Problemen führen, die unser Gottesbild komplett verzerren können.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.

Cornelia
21. Juli 2025 @ 10:53
vielen Dank für diese Erklärungen zu Matot!
Mir fällt immer wieder auf, daß die Torah „nur mit dem Herzen richtig und gut gesehen werden kann „, (um Saint-Exupéry abgewandelt zu zitieren). Es kommt darauf an, das Wesen, den Charakter und die daraus fließende Liebe Gottes zu erkennen, dessen Ziel es im Ursprung ist, uns sich selbst erkenntlich zu machen. Wir Menschen sollen sehen und erkennen, wie ER ist, damit wir uns in sein Bild zurück entwickeln. Gott hat von Anfang an immer die Einheit, die Liebe, den Schutz des Lebens, die Güte, Barmherzigkeit, Treue, Wahrheit und so weiter im Sinn gehabt. Es kam ihm niemals in den Sinn, dass eines seiner Kinder über ein anderes herrschen solle im Sinne von Kontrolle und Unterdrückung.
Dazu gibt es massenhaft Hinweise. Allein die sogenannte goldene Regel ist ein Leiter in die richtige Richtung, die besagt ‚ alles, was ihr für euch von den Menschen erwartet, das tut ihnen auch.‘ Kein Mensch mag unterdrückt und negativ beherrscht werden. Der erhobene Zeigefinger der Einschüchterung und Drohung ist demnach nicht von Gott und sollte auch in unseren Ehen nicht existieren. Auch Manipulation ist nicht Gottes Charakterzug. Mann und Frau sollen zusammen als eine Einheit das Wesen Gottes widerspiegeln.
Damit das im Alltag gut klappt, sind diese Schritte der Aufhebung von bestimmten Begrenzungen nötig. Besonders wenn sie aus der Seele und /oder aus einer speziellen gefühlsindizierten Situation kommen.
Zu der Tätigkeit des Aufhebens oder auch Lösens von etwas, was gebunden war, oder auch etwas zu binden, was eben gebunden oder bestätigt gehört haben wir Kinder Gottes die Autorität und Verantwortung erhalten, in dem, wie wir durch den Geist Gottes Erkenntnis bekommen haben über das Wesen und den Charakter Gottes. In Mat. 16.13- 19 finden wir ein Beispiel:
Dort wird Kefa (Petrus) ein geistlicher Schlüssel übergeben, mit welchem er binden und /oder lösen kann (und soll), nachdem er durch Gottes Offenbarung ausgerufen und bekannt hat:“ Du bist der Maschiach, der Sohn des lebendigen Gottes.“
Die Erkenntnis: Du bist der Retter, der Erlöser, der alles wieder hergestellt…der uns das wahre Leben bringt“, diese Erkenntnis in der Tiefe stellt uns in den Auftrag, dahin mit Gott zu wirken, auf diese Tatsache (diesen Felsen) zu bauen und die Realität des Himmels auf die Erde zu bringen.
Marco
21. Juli 2025 @ 17:01
Danke, Cornelia, für deine Ergänzung.