Jethro – Ein göttliches Prinzip der Delegation
Die Torahportion Jethro, welche auf Beschalach folgt, ist eine der bedeutendsten Abschnitte in der Heiligen Schrift. Sie enthält die Zehn Gebote, welche das Zentrum der gesamten Torah ausmachen. Doch bevor dieses göttliche Gesetz gegeben wird, erleben wir eine Begebenheit, die für das Verständnis von Leitung und Verantwortung essenziell ist. Es geht um Jethro, den Schwiegervater Moses, und seine Weisheit für die effektive Führung von Gemeinschaften.
Paraschat Jethro
Mose 18,1-20,23
Jesaja 6,1-7,6; 9,5-6; Matthäus 19,16-26
Mose trägt die Last allein
Nachdem Israel aus Ägypten befreit wurde und die ersten Etappen ihrer Reise durch die Wüste hinter sich hatte, kam Jethro zu Mose. Er hatte gehört, was Gott für Israel getan hatte, und brachte Zippora, die Frau Moses, sowie seine beiden Söhne mit sich. Als Jethro sah, wie Mose das Volk von morgens bis abends richtete, stellte er eine entscheidende Frage:
Als aber Moses Schwiegervater alles sah, was er mit dem Volk tat, sprach er: Was tust du denn mit dem Volk? Warum sitzt du allein und das ganze Volk steht um dich her vom Morgen bis zum Abend?
(2. Mose 18,14; SLT)
Mose antwortete, dass das Volk zu ihm käme, um Rat von Gott zu erhalten. Er hörte ihre Anliegen und entschied über Streitfälle, die die betreffenden Parteien nicht allein klären konnten. Doch Jethro erkannte, dass dieses System auf Dauer nicht tragfähig war.
Jethros weiser Rat
Jethro, selbst ein erfahrener Priester und Führer, gab Mose einen wichtigen Rat:
Du wirst müde und kraftlos, sowohl du als auch das Volk, das bei dir ist; denn diese Sache ist zu schwer für dich, du kannst sie allein nicht ausrichten.
(2. Mose 18,18; SLT)
Er riet Mose, nicht alle Entscheidungen selbst zu treffen, sondern ein System der Delegation einzuführen. Mose sollte fähige, gottesfürchtige Männer auswählen, die als Richter über kleinere Gruppen gesetzt werden sollten – über Tausend, Hundert, Fünfzig und Zehn. Nur die schwierigsten Fälle sollten zu Mose kommen.
Ein Prinzip göttlicher Führung
Jethros Rat war nicht nur eine organisatorische Verbesserung – es war ein göttliches Prinzip. Schon zuvor hatte Gott Mose nicht allein gelassen. Er hatte ihm Aaron zur Seite gestellt, um das Volk zu führen (2. Mose 4,14-16). Später setzte Gott siebzig Älteste ein, auf die er von Moses Geist legte (4. Mose 11,16-17). Das Muster ist klar: Gott gibt Führung, aber er fordert auch die Weisheit, Lasten zu teilen.
Dieses Prinzip zieht sich durch die gesamte Schrift:
- Nehemia: Beim Wiederaufbau der Stadtmauer Jerusalems setzte Nehemia Aufseher ein, damit die Arbeit schneller und effizienter voranging (Nehemia 4,13-14).
- Jeschua: Er wählte zwölf Jünger aus, um seine Botschaft weiterzutragen (Markus 3,14).
- Die Gemeinde der Apostelgeschichte: Als die Zahl der Jünger wuchs, wurden Diakone eingesetzt, um die Versorgung der Bedürftigen zu regeln. (Apostelgeschichte 6,1-4).
Das biblische Modell der Verantwortung
Oft denken wir, dass wahre Hingabe bedeutet, alles selbst zu tun. Doch Jethro lehrt uns, dass es nicht nur klug, sondern auch biblisch ist, Verantwortung zu teilen. Mose lernte, dass er nicht alles allein tragen musste – und wir sollten das auch lernen.
Häufig stehen Leiter in Gemeinden und Familien unter enormer Last, weil sie glauben, dass niemand anderes ihre Aufgaben übernehmen kann. Doch Gottes Prinzip ist ein anderes: Delegation ist keine Schwäche, sondern eine essenzielle Weisheit.
Die Bedeutung für uns heute
Was bedeutet das für unseren Alltag? Jeder, der eine Führungsverantwortung trägt – sei es in der Familie, im Beruf oder im Glauben – sollte sich fragen:
- Trage ich Lasten, die ich mit anderen teilen könnte?
- Habe ich Menschen, die mir helfen können, und nutze ich ihre Gaben?
- Vertraue ich darauf, dass Gott mir Weisheit gibt, um Aufgaben zu delegieren?
Jethros Rat war für Mose eine Erleichterung. Und es kann auch für uns eine sein. Wir sind nicht dazu berufen, alles allein zu tragen. Gott hat uns in Gemeinschaft gestellt, damit wir uns gegenseitig unterstützen. Das gilt vor allem für Familien, in denen die Eltern die Last der Erziehung und Versorgung ihrer Kinder grundsätzlich gemeinsam tragen sollten.
Lasst uns dieses Prinzip aus Jethro annehmen und mit Weisheit in die Realität umsetzen. Denn wenn wir lernen, Lasten zu teilen, werden wir nicht nur selbst entlastet, sondern ermöglichen auch anderen, ihre Gaben einzusetzen und sich weiterzuentwickeln.
Übrigens: Könnte die Lastenverteilung einer der Gründe sein, warum Jakob das Erstgebrutsrecht sowie den dazugehörigen Segen auf seine Söhne Efraim und Juda aufgeteilt hat (s. Wajechi).
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
