Beschalach – Die Identität Ägyptens
Nachdem wir in der Paraschah Bo gesehen haben, wie die Kinder Israels aus Ägypten befreit wurden, erfahren wir in Beschalach, wie sie tatsächlich die letzte Anbindung an Ägypten lösen konnten. Schauen wir uns die entsprechenden Ereignisse an.
Paraschat Beschalach
Mose 13,17-17,16
Richter 4,4-5,31; Matthäus 14,22-3
Ein Wendepunkt in der Geschichte Israels
Die Paraschah Beschalach schildert eines der größten Wunder der Torah: die Teilung des Schilfmeeres (Jam Suf, יַם-סוּף) und den endgültigen Bruch der Kinder Israels mit Ägypten. Damit erzählt Beschalach nicht nur von der Befreiung Israels, sondern auch vom Sturz der letzten geistlichen Macht Ägyptens.
Der Pharao und seine gesamte Heeresmacht versinken im Meer des Endes (im Schilfmeer), und Israel ist endgültig frei. Doch bevor dies geschieht, gibt es eine letzte Prüfung, einen Stolperstein, der zeigt, dass wahre Freiheit nicht nur ein physischer, sondern auch ein geistlicher Prozess ist.
Tag und Nacht unter Gottes Führung
Als Israel aus Ägypten zog, konnte das Volk Tag und Nacht wandern. Wir lesen dazu im Text:
Und der HERR zog vor ihnen her, am Tag in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie bei Tag und bei Nacht ziehen konnten.
(2. Mose 13,21; Schlachter 2000)
Gott selbst begleitete sein Volk ununterbrochen, um ihnen den richtigen Weg zu zeigen. Sie mussten Ägypten schnell verlassen, und Gott machte es möglich, dass sie Tag und Nacht marschieren konnten.
Doch trotz dieser göttlichen Führung und der Freude über die Befreiung gab es einen Moment, der alles ins Wanken brachte.
„Da fürchteten sich die Kinder Israels sehr“
Die Freude über den Auszug war unermesslich. In Psalm 126,1-2 heißt es:
Ein Wallfahrtslied. Als der HERR die Gefangenen Zions zurückbrachte, da waren wir wie Träumende. Da war unser Mund voll Lachen und unsere Zunge voll Jubel; da sagte man unter den Heiden: »Der HERR hat Großes an ihnen getan!«
(Psalm 126,1-2; Schlachter 2000)
Es war keine panische Flucht, sondern ein feierlicher Auszug. Die Israeliten waren voller Freude und Staunen über die Befreiung. Doch dann geschah etwas, das diese Freude trübte:
Und als der Pharao nahe zu ihnen kam, erhoben die Kinder Israels ihre Augen, und siehe, die Ägypter zogen hinter ihnen her! Da fürchteten sich die Kinder Israels sehr, und sie schrien zum HERRN. (2. Mose 14,10; Schlachter 2000)
Hier stellt sich die entscheidende Frage: Wohin hoben die Kinder Israels ihre Augen?
Statt sich an die Wunder zu erinnern, die Gott bereits getan hatte, sahen sie auf Ägypten – und Angst erfüllte ihr Herz.
Ägypten zog hinter ihnen her – Was bedeutet das?
Ein bemerkenswertes Detail steckt in der hebräischen Grammatik dieses Verses:
וּפַרְעֹ֖ה הִקְרִ֑יב וַיִּשְׂאוּ֩ בְנֵֽי־יִשְׂרָאֵ֨ל אֶת־עֵינֵיהֶ֜ם וְהִנֵּ֥ה מִצְרַ֣יִם נֹסֵ֣עַ אַחֲרֵיהֶ֗ם וַיִּֽירְאוּ֙ מְאֹ֔ד וַיִּצְעֲק֥וּ בְנֵֽי־יִשְׂרָאֵ֖ל אֶל־יְהֹוָֽה׃
Wörtlich übersetzt bedeutet der unterstrichene Teil: „Ägypten zog hinter ihnen her.“
Das Verb „nōsēa“ (נֹסֵעַ) steht im Singular. Es hätte eigentlich „die Ägypter zogen hinter ihnen her“ heißen müssen. Warum also diese Formulierung?
Dafür gibt es eine Vielzahl von möglichen Erklärungen:
- Ganz Ägypten als eine Einheit: Es ging nicht nur um eine militärische Verfolgung, sondern um die Identität Ägyptens, die Israel noch immer gefangen hielt.
- Die Ägypter bildeten eine Einheit: Die verbliebene ägyptische Armee trat wie ein Mann auf.
- Die letzte Konfrontation mit der Vergangenheit: Israel musste sich entscheiden – leben sie in der Angst vor Ägypten oder im Vertrauen auf Gott?
Doch es gibt noch eine tiefere Bedeutung.
Der Engel Ägyptens – Die letzte geistliche Macht
Nach jüdischer Überlieferung (s. Rashi) war Ägypten nicht nur ein weltliches Reich, sondern hatte eine geistliche Macht, einen Engel, der über ihm stand. Dieser Engel trug der Überlieferung nach selbst den Namen Ägypten (Mizraim).
Als die Kinder Israels in 2. Mose 14,10 ihre Augen erhoben, sahen sie nicht nur das Heer des Pharaos, sondern auch den Engel Ägyptens, der über der Armee stand. Dies war die letzte Gottheit Ägyptens, die sich Israel entgegenstellte.
Doch als das Meer sich schloss, versank nicht nur das Heer Pharaos – auch die letzte geistliche Macht Ägyptens wurde zerstört. Israel war danach frei.
„Meer des Endes“ – Das endgültige Gericht über Ägypten
Ein weiteres Detail liegt in der Bedeutung von יַם־סוּף (Jam Suf). Es wird oft als „Schilfmeer“ übersetzt, doch wörtlich bedeutet es „Meer des Endes“.
- Es war nicht nur eine geographische Grenze, sondern die endgültige Grenze zwischen Ägypten und Israel.
- Hier wurde der letzte Einfluss Ägyptens gebrochen.
- Das alte Leben war vorbei – Israel konnte wirklich frei sein.
Gott kann jede Macht brechen
Die Geschichte von Beschalach zeigt uns eine gewaltige geistliche Wahrheit:
Gott kann auch dann, wenn Ägypten nach uns greifen möchte, obwohl wir eigentlich schon frei sind, diesen Einfluss über uns brechen.
Manchmal erleben wir im Leben Momente, in denen uns unsere Vergangenheit einholt. Wir denken, wir hätten etwas überwunden, doch plötzlich steht es wieder vor uns – Ängste, Versuchungen, alte Denkmuster. Doch so wie Gott die Macht Ägyptens zerbrochen hat, kann er auch jede Kette in unserem Leben zerbrechen.
Lasst uns in dieser Kraft und Gewissheit leben. Lasst uns unsere Augen nicht auf die Herausforderungen richten, sondern auf den, der uns schon durch so viele Prüfungen geführt hat.
Und lasst uns unsere Familien in diesem Vertrauen führen – denn wenn Gott für uns ist, wer kann gegen uns sein?
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
