Wajischlach – Nicht schneller als im Tempo der Kinder
Die Paraschah Wajischlach erzählt die Geschichte aus Wajetze weiter. Nachdem Jakob seine Zeit bei Laban beendet hatte und sich auf den Weg zu seinem Vater machte, musste er sich seinem Bruder Esau stellen. Als beide sich versöhnt hatten, schlug Esau vor, Jakob zu begleiten. Doch dieser lehnte ab.
Hier begegnen wir einem Satz, der ein tiefes Prinzip für unser Familienleben enthält. Diesen schauen wir uns genauer an.
Paraschat Wajischlach
1. Mose 32,4-36,43
Obadja 1,1-21; Matthäus 2,13-23
Jakobs Haltung der Fürsorge
Nach der Versöhnung der beiden Brüder schlug der Ältere, Esau, vor, aufzubrechen, wobei er den Tross Jakobs begleiten wollte (1. Mose 33,12).
Doch Jakob entgegnete Esau:
Er aber antwortete: Mein Herr weiß, dass die Kinder noch zart sind; dazu habe ich säugende Schafe und Kühe bei mir; wenn sie einen einzigen Tag übertrieben würden, so würde mir die ganze Herde sterben. Mein Herr möge doch seinem Knecht vorausgehen, ich aber will gemächlich hintennachziehen, wie eben das Vieh vor mir her und die Kinder gehen können, bis ich zu meinem Herrn nach Seir komme!
(1. Mose 33,13-14; Schlachter 2000 – Hervorhebungen durch den Verfasser)
Diese wenigen Worte zeigen eine erstaunliche Sensibilität. Jakob, war bereits tage- oder wochenlang unterwegs. Es selbst hatte einige Blessuren davongetragen, war verletzt, erschöpft und wurde verfolgt. Er sah, dass es nicht die Zeit war, weiterzuhetzen, nun da seine größte Angst – vor Esau – nicht mehr begründet schien.
Er richtete sich nach denen, die am langsamsten gehen konnten. Das ist ein biblisches Erziehungsprinzip, das heute oft verloren geht.
Der hebräische Text spricht hier vom „וּלְרֶ֣גֶל הַיְלָדִ֔ים” (ul-regel ha-jeladim) – und zum Fuß der Kinder. Jakob erkennt: Die Gruppe bewegt sich immer nur so schnell, wie die Schwächsten es schaffen. Das Tempo der Kinder entspricht dem Tempo der Gruppe.
Er hätte Gründe gehabt, schnell weiterzureisen:
- Angst vor den möglichen Gefahren,
- den Wunsch, endlich anzukommen,
- oder die Verantwortung für eine große Familie.
Doch er wählt Barmherzigkeit statt Tempo. Außerdem war er sich des Schutzes durch Esau doch nicht so sicher, wie es oberflächlich den Anschein hatte.
Ein Gegenbild zu unserem Alltag
Doch wir können diese Situation Jakobs auf unseren Alltag übertragen. Denn auch wir haben Zeiten, in denen wir mit unseren eigenen inneren Themen zu kämpfen haben. Manchmal erleben wir Angst, Überforderung oder Stress. Manchmal sind wir von Ideen oder Projekten auch so begeistert, dass wir sie am liebsten sofort umsetzen wollen.
Wir machen Termine, formulieren Erwartungen oder entwickeln To-Do-Listen – und manchmal vergessen wir dabei, dass wir eine Familie und Kinder haben, die da auch ein Wörtchen mitzureden hätten.
Jakobs Satz wirkt da wie ein göttliches Gegenprogramm:
„Geh langsamer. Dein Tempo ist nicht das Tempo derer, die dir anvertraut sind.“
Der hebräische Begriff für Geduld, סבלנות (savlanut), kommt von סבל (saval) – tragen, ertragen.
Geduld bedeutet also:
Ich trage den anderen mit – nicht ich ziehe ihn weiter. Und wer trägt, läuft von Natur aus langsamer, als einer, der keine Last (keine Verantwortung) auf den Schultern hat.
Das Tempo der Kinder – auch im Glauben
Kinder – und übrigens auch Erwachsene – entwickeln sich geistlich in unterschiedlichem Tempo. Manche sind früh offen für Gebet, Torahstudium oder Hebräischlektionen. Andere brauchen Jahre. Manche verstehen biblische Zusammenhänge intuitiv, andere sehr langsam.
Die Entwicklungen sind ganz individuell. Und jeder hat sein Tempo. Gott erwartet nicht von uns, schneller zu gehen, als unser Herz folgen kann. Er erwartet lediglich, dass wir gehen und die Menschen, die uns anvertraut sind, mit unserem Tempo nicht überfordern.
Das heißt für uns Eltern, dass wir aufpassen sollten, unsere Kinder nicht in einen Glauben hineinzudrängen, für den sie noch nicht reif sind. Im jüdischen Kontext gelten Jungen mit 13 und Mädchen mit 12 Jahren als eigenverantwortlich im Glauben. Sie sind ab diesem Alter selbst verantwortlich für das Halten der Mizwot. Allerdings ist jeder Mensch erst mit 20 Jahren voll verantwortlich für seine Sünden. Vorher werden die jungen Heranwachsenden vom Himmel deutlich milder beurteilt.
Jakob ging absichtlich langsam, um die Kinder nicht zu überfordern – ein Zeichen seiner Weisheit und seines Verantwortungsbewusstseins.
Was wir heute daraus lernen können
Hier einige konkrete Impulse für unser Familienleben:
- Achte auf die Signale deiner Kinder.
Wenn sie müde, überreizt oder überfordert sind, ist das kein „Fehler“ – sondern ein Hinweis. - Bewerte nicht jedes langsame Tempo als Problem.
Es kann ein Geschenk sein, das dich entschleunigt. - Schaffe regelmäßig Momente des langsamen Gehens.
Zeiten, in denen kein Druck herrscht. - In Glaubensdingen gilt:
Nicht drängen – begleiten.
Fazit: Gott geht mit uns in unserem Tempo
In der Paraschah Wajischlach finden wir ein besonderes Bild. Das Bild eines Vaters, der seine Schritte an die seiner Kinder anpasst. So geht Gott oft auch mit uns. Er erwartet nicht, dass wir rennen, wenn wir gerade erst stehen lernen.
Er geht mit uns „nach dem Schritt der Kinder“ – geduldig, liebevoll, voller Verständnis.
Vielleicht ist das die schönste Botschaft dieser Paraschah: Du musst nicht schneller gehen, als du kannst. Und als Eltern müssen wir auch unsere Kinder nicht antreiben. Gott selbst ist geduldig genug.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.

Lolita Erhard
6. Dezember 2025 @ 6:25
Soooooo hervorragend – hat gerade voll in meiner Unruhe, Sorge um die längst erwachsenen Kinder Platz genommen und mein Denken um ihre Glaubensentwicklung „entschleunigt“. Dank sei IHM für deine Gabe!
Shabbat Shalom
Marco
7. Dezember 2025 @ 9:47
Es freut mich sehr, dass der Artikel genau zum richtigen Zeitpunkt in dein Leben kam. Gott sei Dank!