Wajera – Hintergründe zur Zerstörung Sodoms
Die Lesung Wajera setzt die Erzählung von Abraham aus Lech Lecha fort. Dort lasen wir von der Trennung zwischen dem Patriarchen und seinem Neffen Lot. Da Gott die beiden so stark gesegnet hatte, dass sie nicht mehr beieinander wohnen konnten, schlug Abraham dem Jüngeren vor, dass er sich ein Land für sein Vieh aussuchen könne. Er würde dann in eine andere Richtung gehen.
Lot suchte sich die Ebenen von Sodom aus, da diese wie der Garten des Herrn und wie das Land Ägypten war (1. Mose 13.10). Doch Lot sollte einen hohen Preis für seine Wahl zahlen. Wir werfen einen tieferen Blick in die Geschichte.
Paraschat Wajera
1. Mose 18,1-22,24
2. Könige 4,1-37; Lukas 17,28-37
Eine Geschichte voller offener Fragen
Die Erzählung der Zerstörung von Sodom und der Rettung Lots ist ein gutes Beispiel dafür, dass die mündliche Torah einige Lücken auffüllen kann, die der verschriftlichte Teil offen lässt. Tatsächlich liefert uns die Erzählung im Buch Bereschit lediglich das große Gerüst der Geschehnisse. Für ein tieferes Verständnis liefern uns die mündliche Überlieferung – allen voran Midrasch und Talmud – die Details.
Beim Studium des Textes habe ich mir die folgenden Fragen gestellt:
- Wie kam es, dass Sodom so böse wurde? War das schon immer so?
- Wer schrie zu Gott ob der Sünde in Sodom (1. Mose 18,20).
- Warum wurde Lots Frau zur Salzsäule?
Lass uns die Fragen Stück für Stück aufklären.
Die Transformation Sodoms
Als Lot sich die Stadt Sodom als seine Wohnstätte aussuchte, erhalten wir bereits eine sehr ambivalente Beschreibung der Gegend.
Da hob Lot seine Augen auf und sah die ganze Jordanaue; denn sie war überall bewässert, wie der Garten des HERRN, wie das Land Ägypten, bis nach Zoar hinab, bevor der HERR Sodom und Gomorra zerstörte.
(1. Mose 13,10; Schlachter 2000 – Hervorhebung durch den Verfasser)
Der Garten des Herrn, also der Garten Eden, und Ägypten sind zwei Bilder, die eigentlich vollkommen gegensätzlich sind. Während der Garten Eden für Segen und Überfluss steht, so ist Ägypten ein Synonym für Knechtschaft und Unterdrückung.
Sodom hatte also schon beides. Doch es stellt sich die Frage, woher der Segen über Sodom kam? Im Talmud (Sanhedrin 109a) wird beschrieben, dass die Menschen von Sodom aufgrund des Segens vom Herrn überheblich wurden.
Sie sagten sich, dass sie alles hätten, was sie bräuchten, da ihre Erde Brot hervorbringe und ihr Staub aus Gold sei. Daraufhin begannen sie, sich von der Außenwelt abzuschotten und Fremden mit Misstrauen zu begegnen.
Für Sodom stand nur noch der Erhalt und die Vermehrung des eigenen materiellen Reichtums im Fokus. Damit entstanden Gesetze, die vorrangig diesem Ziel dienten.
Mich lässt in diesem Zusammenhang besonders aufmerken, dass Menschen offensichtlich in der Lage sind, die schlimmsten Gräueltaten in einem Rechtssystem zu verankern und sie dadurch gerecht erscheinen zu lassen. Wenn wir die moralische Richtschnur Gottes, die Torah, verlassen, sind wir in der Lage, alles für gerecht zu erachten – auch wenn Gott dies als das schlimmste Vergehen betiteln würde.
Wie grausam die Sodomiter tatsächlich waren, zeigt sich an der folgenden Geschichte.
Wer schrie aus Sodom zu Gott?
Um diese Frage zu beantworten, stelle ich einmal eine Erzählung aus dem Midrasch Pikei DeRabbi Eliezer (Die Sprüche des Rabbi Eliezer) Kapitel 25,8 ein:
Rabbi Jehuda sagte:
In Sodom erließ man einen Erlass, der verkündete:
„Jeder, der die Hand eines Armen oder Bedürftigen mit einem Stück Brot stärkt, soll mit Feuer verbrannt werden.“
Pelatit, die Tochter Lots, war mit einem der Fürsten Sodoms verheiratet.
Eines Tages sah sie auf der Straße der Stadt einen sehr armen Mann, und ihr Herz war tief betrübt über sein Elend, wie es heißt:
War nicht meine Seele betrübt um den Bedürftigen? (Hiob 30,25)
Was tat sie?
Jeden Tag, wenn sie hinausging, um Wasser zu schöpfen, legte sie allerlei Speisen aus ihrem Haus in ihren Krug und gab sie dem armen Mann zu essen.
Die Männer Sodoms aber sprachen:
„Wie kommt es, dass dieser arme Mann noch lebt?“
Als sie die Wahrheit herausfanden, führten sie sie hinaus, um sie mit Feuer zu verbrennen.
Da rief sie:
„Herrscher über alle Welten! Verschaffe mir Recht und führe meine Sache gegen die Männer Sodoms!“
Und ihr Schrei stieg hinauf bis vor den Thron der Herrlichkeit.
In jener Stunde sprach der Heilige, gelobt sei Er:
Ich will nun hinabsteigen und sehen (1. Mose 18,21),
ob die Männer Sodoms wirklich nach dem Ruf dieses jungen Mädchens gehandelt haben.
Ich will ihre Grundfesten umkehren und ihre Oberfläche nach unten stürzen, wie es heißt:
Ich will nun hinabsteigen und sehen, ob sie ganz nach ihrem Schrei gehandelt haben, der zu mir gekommen ist.
Denn dort steht nicht geschrieben: „nach ihrem Schrei“ (Mehrzahl),
sondern „nach ihrem Schrei“ – dem Schrei dieser einen jungen Frau.
Lot kam aus dem Haus Abrahams. In ihm manifestierten sich Eigenschaften wie Gastfreundschaft oder Barmherzigkeit. Folglich kannten auch seine Töchter diese Attribute. Nachdem eine Tochter Lots das Verbrechen der Sodomiter an einem Armen nicht mehr aushielt und ihn versorgte, wurde sie dafür mit dem Tod bestraft.
Ihr Schrei gelangte zum Allerhöchsten und besiegelte letztlich das Gericht über die Stadt. Es genügte also die Stimme einer einzigen Gerechten, die bereit war, das Richtige zu tun – auch wenn es Opfer kostete. Gleichzeitig sehen wir daran aber auch, dass ein kraftvolles Gebet mit einem Opfer einhergeht.
Und warum wurde Lots Frau zur Salzsäule?
Der biblische Text berichtet nur sehr knapp über dieses Ereignis:
Und [Lots] Frau schaute zurück hinter seinem Rücken; da wurde sie zu einer Salzsäule. (1. Mose 19,26; Schlachter 2000)
Doch die mündliche Überlieferung gibt uns tiefere Einblicke in die Beweggründe und die Symbolik dieser Verwandlung.
Im Midrasch Bereschit Rabba 51:5 lesen wir, dass Lots Frau mit Salz bestraft wurde, weil sie mit Salz gesündigt hatte.
Als die Engel nach Sodom kamen, um Lot und seine Familie zu retten, bat Lot seine Frau, für die Gäste Brot zu bereiten. Sie antwortete spöttisch:
„Auch Salz willst du diesen Fremden geben? Das ist doch schon zu viel!“
Daraufhin ging sie zu den Nachbarinnen, um Salz zu leihen – und verriet dadurch, dass sich Gäste im Haus befanden. Damit brachte sie die Einwohner Sodoms gegen Lot auf und machte ihn zum Ziel ihres Zorns.
Maß für Maß (middah keneged middah) wurde sie später selbst mit Salz gerichtet – sie, die das Salz der Gastfreundschaft verweigerte, wurde selbst zu einer Salzsäule.
Andere Midraschim fügen hinzu, dass sie zurückblickte, weil ihr Herz noch in Sodom war – bei ihrem Haus, ihren Besitztümern, vielleicht auch bei den Töchtern, die dort geblieben waren. Ihr Körper verließ zwar die Stadt, aber ihr Herz nicht.
So steht sie symbolisch für den Menschen, der Gottes Ruf zwar hört, aber innerlich zögert, weil er das Alte nicht loslassen kann. Das Salz – ein Element, das konserviert – steht dabei für Erstarrung. Sie blieb stehen, unfähig, weiterzugehen, und wurde zu einer ewigen Erinnerung an die Gefahr, die Vergangenheit mehr zu lieben als den Weg, den Gott weist.
Was wir aus diesen drei Begebenheiten lernen können
Wenn wir die Geschichten von Sodom, der Tochter Pelatit und Lots Frau zusammen betrachten, entsteht ein eindrückliches Bild menschlicher Entscheidungen und göttlicher Gerechtigkeit.
- Sodom zeigt uns, dass Reichtum ohne Mitgefühl zur Zerstörung führt.
Die Stadt begann als Ort des Segens – fruchtbar, schön und reich. Doch Überfluss und Selbstgenügsamkeit führten zu Hartherzigkeit. Wo Mitleid gesetzlich verboten wird, verliert eine Gesellschaft ihre Seele. - Pelatit, die Tochter Lots, erinnert uns daran, dass eine einzige gerechte Handlung Gewicht vor Gott hat.
Sie riskierte ihr Leben, um einen Hungernden zu speisen, und ihr Schrei wurde im Himmel erhört. Ihr Mut bezeugt, dass ein Mensch den Unterschied machen kann – selbst in einer völlig verdorbenen Umgebung.
- Lots Frau lehrt uns, dass Gehorsam ohne innere Umkehr keine Rettung bringt.
Sie folgte äußerlich dem Weg der Befreiung, doch ihr Herz blieb gebunden. Wer nicht loslassen kann, bleibt – wie sie – im Gestern versteinert.
Die Geschichte von Wajera ist somit kein Bericht über vergangenes Gericht, sondern eine Einladung an uns, hinzuhören, hinzusehen und zu handeln. Es ist ein Aufruf, sich ganz Gott hinzugeben und ganze Sache mit ihm zu machen.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
