Wajechi – Der Prophet Jakob
Mit der Lesung Wajechi beenden wir das Buch Bereschit und beginnen in der nächsten Woche das Buch Schemot. Dabei ist Bereschit ein besonderer Teil der Torah, welcher sich von den anderen vier Büchern deutlich unterscheidet.
Bereschit enthält so gut wie keine Mizwot (Gebote). Es finden sich lediglich 3 der 613 Gebote der Torah im ersten Buch. Demnach ist Bereschit vorrangig erzählerisch veranlagt. Im letzten Abschnitt des Buches lernen wir Jakob noch einmal von einer besonderen Seite kennen – einer Seite, die bisher weitgehend im Text der Torah verborgen blieb.
In Wajechi zeigt sich Jakob als Prophet.
Paraschah Wajechi
1. Mose 47,28-50,26
1. Könige 2,1-12; Johannes 13,1-19
Der Segen über Josephs Söhne
Eine der merkwürdigsten Geschichten in der Torah ist der Segen Jakobs über seine beiden Enkel Manasse und Ephraim. Auf den ersten Blick macht diese Geschichte überhaupt keinen Sinn. Warum sollte Jakob die Kinder Josephs segnen wie seine eigenen Kinder?
Und warum vertauschte er die Rollen der beiden? Der Text von Wajechi gibt hierfür keinerlei Erklärung. Doch Jakob wird diese Handlung nicht ohne Grund vollzogen haben. Diese Geschichte ist eines von vielen Beispielen für die Notwendigkeit einer Überlieferung, einer mündlichen Torah, die das Geschriebene erläutert.
Schauen wir also, was wir anhand des Torahtextes und im Lichte der Überlieferung herausfinden können.
Die prophetische Sicht Jakobs in Wajechi
Zunächst fällt auf, dass uns der Text darüber aufklärt, dass Jakob schlecht sah.
Denn Israels Augen waren vom Alter kurzsichtig geworden, dass er nicht mehr [gut] sehen konnte. Als er sie nun zu ihm brachte, küsste und umarmte er sie.
(1. Mose 48,10; Schlachter 2000)
Die Überlieferung berichtet uns, dass Ephraim regelmäßig bei Jakob Torah studierte. So können wir davon ausgehen, dass Jakob seine Enkel bestimmt erkannt hätte, auch wenn er schlecht sah. Dennoch fragte er Joseph, wen dieser zu seinem Sterbebett gebracht habe.
Als aber Israel die Söhne Josephs sah, fragte er: Wer sind diese?
(1. Mose 48,8; Schlachter 2000)
Wie konnte es sein, dass Jakob Ephraim und Manasse nicht erkannte? Rashi klärt uns in seinem Kommentar zur Torah darüber auf, dass Jakob die beiden zwar segnen wollte, doch er plötzlich sah, dass
- Ephraim der Vorfahre der rebellischen Könige Jerobeam und Ahab sein würde und
- Manasse Jehu und seine Nachkommen hervorbringen würde.
Jakob war dadurch irritiert, doch Joseph klärte ihn auf, dass dies seine Söhne Ephraim und Manasse seien, die Gott ihm geschenkt habe (1. Mose 48,9). Mit anderen Worten: Es gibt keine perfekte Linie. Auch der gerechteste Mensch kann abtrünnige Kinder hervorbringen (s. Samuel, David, Isaak etc.).
Die gute Nachricht ist allerdings, dass dies auch andersherum funktioniert. Wir Väter und Mütter können in der Erziehung unserer Kinder reichlich Fehler machen. Und dennoch können aus ihnen gerechte Männer und Frauen vor Gott werden.
Doch warum nun die Verkehrung der Reihenfolge beim Segen von Manasse und Ephraim?
Die Prophetie über die großen Führer
Die Überlieferung erklärt in Midrasch Tanchuma Wajechi 6:8, dass Jakob sah, dass Manasse Gideon hervorbringen würde. Doch Ephraim war der Vorfahre von Josua, der das Volk ins Land Kanaan führen und jedem Stamm seinen Erbteil zuteilen würde.
Josua war bedeutungsvoller als Gideon. Und so erhielt Ephraim den Segen vor Manasse. Dies geschah aus einer weiteren prophetischen Sicht Jakobs. Und so erkennen wir, dass der Patriarch die Linien seiner Söhne und Enkel auf dem Sterbebett bereits vorhersehen konnte.
Fazit zu Wajechi
Was können wir nun aus der Paraschah Wajechi mitnehmen? Zunächst sehen wir, dass in jeder Familie oder Sippe, sowie in unserem Leben, der Segen wie auch der Fluch (in unterschiedlichen Gewichtungen) existieren können. Unsere Aufgabe ist es, uns und unsere Kinder so weit wie möglich auf einen heiligen Lebenswandel vorzubereiten.
Im Ergebnis sollte der Segen dominieren und der Fluch im besten Fall überwunden sein. Doch es gibt noch eine weitere Lehre aus der Paraschah: Manchmal ist prophetische Sicht notwendig, um Gottes Plan zu erfüllen.
Auch wenn der Allmächtige unsere Schritte nach seinem Willen lenken kann (Sprüche 16,9), so sind wir doch immer wieder gefordert, auch konkret zu schauen, was sein Wille ist.
Paulus schrieb einst:
Die Weissagung verachtet nicht!
(1. Thessalonicher 5,20; Schlachter 2000)
So sollten wir es ebenfalls handhaben, insbesondere, wenn es um die Erziehung und die Segnung unserer Kinder geht.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
