Noach – Gerecht in seiner Generation
Mit der Lesung Noach schauen wir uns bereits die zweite Paraschah des aktuellen Torazyklusses an. Nachdem wir in Bereschit einen Blick auf die Herkunft des Bösen geworfen haben, wollen wir in dieser Betrachtung einmal untersuchen, wie gerecht Noach tatsächlich war.
Paraschat Noach
1. Mose 6,9-11,32
Jesaja 54,1-55,5; Lukas 17,20-27
Warum wurde Noach gerettet?
Gott entschied sich, Noach vor dem Gericht der Sintflut zu retten. Doch es stellt sich die Frage, was Noach von den anderen Menschen in seiner Generation unterschied. Dafür sollten wir zunächst einen Blick auf die Welt vor der großen Flut werfen.
In der Heiligen Schrift heißt es dazu:
Als aber der HERR sah, dass die Bosheit des Menschen sehr groß war auf der Erde und alles Trachten der Gedanken seines Herzens allezeit nur böse, …
(1. Mose 6,5; Schlachter 2000 – Hervorhebung durch den Verfasser)
Als Gott auf die Welt blickte, sah er, dass das Trachten des Herzens der Menschen ausschließlich böse war. Im aktuellen Podcast zu Bereschit haben wir uns damit beschäftigt, dass der Mensch nach dem Essen vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen in einen Zustand der Vermischung von Gut und Böse geriet. Seine Aufgabe war es nun, diesen Zustand dadurch zu überwinden, dass er diese Vermischung auflöste und das Gute hervorbrachte.
Die Menschen benötigten gerade einmal 10 Generationen von Adam bis Noach, um in dieser Mission komplett zu versagen. Die Menschen lebten schon gar nicht mehr in der Vermischung, sondern brachten nur noch Böses hervor.
Noach bildete dabei eine Ausnahme.
Noach fand Gnade in den Augen Gottes
Was unterschied ihn aber von allen anderen? In der Torash heißt es:
Noah aber fand Gnade in den Augen des HERRN.
(1. Mose 6,8; Schlachter 2000)
Wichtig zu beachten ist hierbei, dass es Noach war, der die Gnade in den Augen Gottes fand. Nirgendwo steht, dass Gott Noach gefunden hätte. Möglicherweise fiel Noach dem Allmächtigen zunächst gar nicht durch seine Taten auf.
Die Bibel stellt Noach zwar als gerechten und untadeligen Mann dar.
Dies ist die Geschichte Noahs: Noah, ein gerechter Mann, war untadelig unter seinen Zeitgenossen; Noah wandelte mit Gott.
(1. Mose 6,9; Schlachter 2000)
Allerdings legen die jüdischen Weisen diesen Vers im Midrasch Rabbah Bereschit etwas differenzierter aus.
„In seiner Generation“ – Rabbi Jehuda und Rabbi Nehemya, Rabbi Jehuda sagte: [Nur] in seiner Generation galt er als gerecht, aber wäre er in der Generation Moses oder in der Generation Samuels gelebt, hätte man ihn nicht als gerecht angesehen.
(Bereschit Rabbah 30:9 – nach Übersetzung des Verfassers)
Zudem heißt es:
„Aber Noah fand Gnade in den Augen des Herrn.“ Es steht geschrieben: „Er wird den Unreinen [i-naki] retten, und er wird durch die Reinheit deiner Hände entkommen“ (Hiob 22:30). Rabbi Ḥanina von Anatot sagte: Noah hatte [nur] eine Unze [onkia] Tugend zu seinem Verdienst. Wenn dem so ist, warum wurde er verschont? Es war „durch die Reinheit deiner Hände“. Dies steht im Einklang mit dem, was Rabbi Abba bar Kahana sagte: „Denn ich bereue, dass ich sie gemacht habe, und Noah …“ (Genesis 6:7–8) – selbst Noah, der [als Einziger] von ihnen übrig geblieben war, war nicht würdig, sondern fand Gnade in den Augen des Herrn, wie es heißt: „Aber Noah fand Gnade in den Augen des Herrn.“
(Bereschit Rabbah 29:1– nach Übersetzung des Verfassers)
Die Weisen sehen, dass Noach verglichen mit späteren Generationen in Sachen Gerechtigkeit weit zurückstand. Doch er suchte die Gnade in den Augen des Herrn und fand sie auch.
Was ist Gnade?
Dabei ist die entscheidende Frage, was die Gande eigentlich ist. Das hebräische Wort an dieser Stelle lautet חֵ֖ן (chen). Es bedeutet so viel wie jemandem unverdiente Gunst schenken oder ihn liebenswürdig finden.
Allerdings ist es auch mit dem hebräischen Wort חנה (chanah) verwandt, welches mit sich lagern, ein Zelt aufschlagen oder Schutz finden übersetzt werden kann. Vor diesem Hintergrund könnten wir sagen, dass Naoch in den Augen Gottes Schutz gesucht hat und sie dort auch fand.
Er kehrte sich also zu ihm und Gott kehrte sich zu Noach (Sacharja 1,3) und wurde dadurch gerettet. Im Vergleich zu seiner Generation galt er schon deshalb als gerecht, weil er den Allmächtigen suchte. In der Folge entschied Gott, Noach zu retten.
Allerdings war diese Rettung unverdient. Die einzige Grundlage war die Gnade und die Barmherzigkeit Gottes.
Fazit
Vor diesem Hintergrund wollen wir den Blick auf unser Leben lenken. Denn im Grunde haben auch wir nichts vor Gott zu bringen, um gerettet zu werden. Es wäre gerecht, wenn der Allmächtige uns für unsere Sünden richten würde.
Doch das ist nicht sein Wesen. Der himmlische Vater hat kein Gefallen am Tod des Gottlosen und hat uns so einen Ausweg durch den Messias Jeschua geschaffen.
Doch wenn wir diese Gnade erfahren haben, zeigen wir sie dann auch anderen Menschen? Wie gehen wir mit unseren Kindern, Ehepartnern oder anderen Mitmenschen um? Lasst uns darauf einen Blick werfen, unseren Wandel überdenken und gegebenenfalls korrigieren!
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
