Miketz – Josephs Drangsal als Zeit der Reifung
Mit der Lesung Miketz setzen wir die Drangsal Josephs fort, die bereits in Wajeschew ihren Anfang nahm. Nachdem Jakobs Lieblingssohn 12 Jahre im Gefängnis zugebracht hatte, wurde er zum Pharao gebracht und dort zum Regenten über Ägypten erhoben.
Doch warum musste er so lang im Gefängnis bleiben? Weshalb musste der gerechte Joseph so lange warten, bis er in seine Berufung kam?
Paraschat Miketz
1. Mose 41,1-44,17
Sacharja 2,14-4,7; Johannes 10,22-28
Die Vorgeschichte von Josephs Drangsal
Wir wissen, dass Jakob der liebste Sohn Josephs war. Die begründet dies mit folgendem Vers:
Israel aber hatte Joseph lieber als alle seine Söhne, weil er ihn in seinem Alter bekommen hatte; und er hatte ihm einen bunten Leibrock machen lassen.
(1. Mose 37,3; Schlachter 2000 – Hervorhebung durch den Verfasser)
Auf der Oberfläche besagt dieser Vers, dass Jakob Joseph mehr liebte als alle anderen Söhne, weil er ihm geboren wurde, als er schon sehr alt war. Allerdings kann das nicht die ganze Wahrheit sein, denn als Jakob zu Laban kam, war er bereits 77 Jahre alt.
Bis zur Hochzeit mit Lea vergingen noch einmal sieben Jahre, sodass Jakob bereits 84 Jahre alt war, als er überhaupt ans Kinderbekommen denken konnte. Da die ersten 11 Söhne alle im Zeitraum von sieben Jahren kamen, wurde Joseph in Jakobs 91. Lebensjahr geboren. So groß war der Unterschied zwischen Ruben und Joseph dann doch nicht.
Was heißt es also, dass Joseph dem Jakob im Alter geboren wurde? Der Midrasch sagt, dass hinter dem Ausdruck steht, dass Joseph dem Jakob sehr ähnlich war – nicht in seinem Aussehen, sondern in seiner Weisheit. Joseph war der größte Gelehrte unter seinen Brüdern.
Zudem wurde ihm durch seine Träume mitgeteilt, dass er eines Tages über die ganze Familie herrschen würde. Vor diesem Hintergrund hatte er eine besondere Stellung unter ihnen inne. Er war der herausragende Sohn Jakobs. Und er ließ es seine Familie wissen.
Doch konnte er mit dieser Berufung umgehen?
Die schlimmen Taten der Brüder
Die Heilige Schrift erzählt uns, dass Joseph Berichte über die schlimmen Taten seiner Brüder vor seinen Vater brachte.
Dies ist die Geschichte Jakobs: Joseph war 17 Jahre alt, als er mit seinen Brüdern das Vieh hütete, und er war als Knabe bei den Söhnen Bilhas und Silpas, den Frauen seines Vaters; und Joseph brachte vor ihren Vater, was man ihnen Schlimmes nachsagte.
(1. Mose 37,2; Schlachter 2000 – Hervorhebung durch den Verfasser)
Doch was war Gegenstand dieser Berichte? Rashi kommentiert dazu, dass es sich um 3 konkrete Vorwürfe handelte:
- Die Söhne würden Fleisch von lebenden Tieren essen.
- Sie würden die Söhne der Mägde wie Sklaven behandeln.
- Sie würden ein unmoralisches Leben führen und Unzucht treiben.
In der Überlieferung wird weiter ausgeführt, dass Joseph sich irrte oder einfach viel zu hohe Standards an seine Brüder anlegte. Tatsächlich waren sie gerecht, doch er urteilte zu harsch oder aus Missverständnissen heraus.
Ein echtes Oberhaupt nach dem Willen Gottes, wird seine Urteile aber immer auf der Basis von Gerechtigkeit, Wahrheit und Barmherzigkeit fällen. Und gerade diese Barmherzigkeit fehlte Joseph offensichtlich noch.
Führer werden in Drangsal geboren
Doch er sollte sie erlernen. Denn Gott sorgte dafür, dass er aus der geschützten Umgebung, in der Nähe seines Vaters, herausgerissen wurde. Er landete als Sklave und später als Häftling in Ägypten. Er transformierte vom Liebling seines Vaters zum Abschaum und Kehricht der Welt.
Wen interessiert schon ein ägyptischer Sklave? Oder ein vermeintlicher Vergewaltiger im Gefängnis? Joseph erlitt Enttäuschungen, ging durch Leid, erlebte Angst und Ungewissheit, verlor die Hoffnung und stand doch wieder auf. Es war die Drangsal, die ihn formte.
Und als es dann endlich so weit war und er zum Pharao gerufen wurde, bekam er einen neuen Namen. Der Psalm 81 spricht davon.
Er setzte es ein als Zeugnis für Joseph, als er auszog gegen das Land Ägypten. — Eine Sprache, die ich nicht kannte, höre ich: …
(Psalm 81,6; Schlachter 2000)
In der hebräischen Schrift wird Joseph an dieser Stelle “Jehoseph” genannt. Er hat einen zusätzlichen Buchstaben, das He, erhalten. Dabei steht dieser Buchstabe für den Geist Gottes.
Mit anderen Worten: Joseph erhielt infolge seiner Drangsal, den Geist Gottes, den Heiligen Geist. Und damit war er in der Lage, die Träume des Pharao zu deuten und endlich seine Berufung als Oberhaupt über Israel zu erfüllen.
Josephs Drangsal war die Vorbereitung auf seine wirkliche Berufung.
Fazit
Die Paraschat Miketz zeigt uns, dass Berufung nicht über Nacht reift. Joseph wurde nicht trotz seiner Drangsal zum Werkzeug Gottes, sondern gerade durch sie. Die Jahre der Erniedrigung, der Ungerechtigkeit und des Wartens waren kein Umweg, sondern der Weg selbst. Erst dort lernte er Demut, Barmherzigkeit und Abhängigkeit von Gott. Erst dort wurde aus dem begabten, aber unreifen Sohn ein gerechter Leiter.
Gott formt seine Diener im Verborgenen. Bevor er erhöht, lässt er reifen. Bevor er Autorität verleiht, prüft er das Herz. Josephs Geschichte erinnert uns daran, dass Zeiten der Drangsal nicht bedeuten, dass Gott fern ist – oft sind sie der deutlichste Beweis dafür, dass er uns vorbereitet. Wenn Gott schweigt und wir warten müssen, dann arbeitet er meist am tiefsten an uns.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
