Lech Lecha – Über die eigene Berufung hinauswachsen
In der Paraschat Lech Lecha begegnen wir einem der bedeutendsten Wendepunkte der biblischen Geschichte. Und einem der prägendsten Momente, wenn es um die göttliche Berufung von Menschen geht. Ein Mann, Abram, verließ seine Heimat, sein Vaterhaus und alles, was ihm vertraut war, um einem Ruf zu folgen, der ihn in ein unbekanntes Land führte.
Dort veränderte sich nicht nur sein Leben, sondern auch sein Name. Und mit dieser Namensänderung kam auch eine neue Berufung in sein Leben.
Darum sollst du nicht mehr Abram heißen, sondern Abraham soll dein Name sein; denn ich habe dich zum Vater vieler Völker gemacht.
(1. Mose 17,5; Schlachter 2000)
Diese Veränderung ist kein Zufall. Vielmehr verbirgt sich dahinter eine tiefere Bedeutung. Letztlich markiert der neue Name einen Übergang, eine göttliche Erweiterung der Berufung.
Paraschat Lech Lecha
1. Mose 12,1-17,27
Jesaja 40,27-41,16; Johannes 8,51-58
Vom Vater eines Volkes zum Vater vieler Völker
Der Name אַבְרָם (Avram) bedeutet „erhabener Vater“. Rashi hebt hervor, dass es sich dabei um eine Kurzform von אב ארם (Av Aram), also “Vater von Aram” handeln könnte. Somit beschreibt der Name seine erste Bestimmung – Vater seines Volkes zu sein, der Aramäer.
Doch Gott fügte einen Buchstaben hinzu – das Heh (ה), denselben Buchstaben, der in Seinem eigenen Namen vorkommt. Damit wird aus Abram אַבְרָהָם (Avraham) – „Vater vieler Völker“.
Diese kleine sprachliche Veränderung offenbart eine gewaltige geistliche Wahrheit. Abram sollte ursprünglich Vater einer Familie, eines Stammes, eines Volkes werden. Doch Gott sah in ihm mehr. Er sah das Potenzial, über ethnische und geografische Grenzen hinaus Vater der gesamten Menschheit zu werden.
Während andere Fürsten und Könige nur über ihr eigenes Volk herrschten, war Abraham der Einzige, der sich nicht mit einer begrenzten Rolle zufriedengab. Sein Herz war offen für alle Menschen, weil er das göttliche Licht erkannt hatte.
Abraham wurde zu einem geistlichen Vater. Natürlich nicht durch Fleisch und Blut, sondern durch seinen Glauben. Paulus drückt es im Brief an die Gemeinde in Rom so aus:
Und er empfing das Zeichen der Beschneidung als Siegel der Gerechtigkeit des Glaubens, den er schon im unbeschnittenen Zustand hatte, damit er ein Vater aller unbeschnittenen Gläubigen sei, damit auch ihnen die Gerechtigkeit angerechnet werde;
(Römer 4,11; Schlachter 2000)
Diese Wahrheit aus dem „Neuen Testament“ ist tief in der Torah verwurzelt. Abraham übernahm Verantwortung für die Welt. Er betete sogar für die sündigen Städte Sodom und Gomorra (1. Mose 18,23–33). Er stand für andere ein, etwas, das Noah wohl nur begrenzt tat.
Parallelen zwischen Noah und Abraham
Die Torah stellt beide Männer, Noah und Abraham, in einen auffälligen Kontrast. Beide lebten in Zeiten des moralischen Verfalls. Beide hörten auf Gottes Stimme. Doch ihre Reaktionen und ihre Ergebnisse unterscheiden sich deutlich.
Über Noach (נֹחַ) heißt es:
Dies ist die Geschichte Noahs: Noah, ein gerechter Mann, war untadelig unter seinen Zeitgenossen; Noah wandelte mit Gott.
(1. Mose 6,9; Schlachter 2000)
Noah war gerecht und es wert, aus der gefallenen Generation gerettet zu werden. Doch verfehlte es Noah, die Erkenntnis über den Allmächtigen zu streuen. Sforno, einer der bedeutendsten jüdischen Gelehrten der Renaissance, kommentiert den Vers 1. Mose 6,8 wie folgt:
Aber Noach fand Gnade (chen). Chen bedeutet grundlose Gnade. Da Noach das Wissen über Hashem nicht aktiv verbreitete, war er es nicht wert, dass andere aufgrund seiner Taten gerettet wurden. Daher war es eine grundlose Gnade ihm gegenüber, dass seine Söhne und Schwiegertöchter verschont blieben.
Ein weiteres Kommentar von Or HaChaim, einem Rabbi des 18 Jahrunderts, zu 1. Mose 6,9:
Eine weitere Bedeutung der Sequenz נח נח wird in einem imaginären Gespräch zwischen Moses und Noach illustriert, das in Devarim Rabbah 11,3 berichtet wird. In diesem Gespräch behauptete Noach, größer als Moses zu sein, weil er während der Sintflut gerettet worden war. Moses entgegnete, dass Noach außer sich selbst niemanden retten konnte, während er seine Generation nach der Sünde des goldenen Kalbs gerettet hatte. Das Wort אלה beschreibt dementsprechend den begrenzten Wert von Noachs guten Taten. Sie reichten nur aus, um sich selbst zu retten.
Noah rettete sich und seine Familie. Aber er war nicht in der Lage, andere zu retten. Er verfehlte seine Bestimmung, echte Teschuva zu predigen. Zudem legte er wohl kaum Fürbitte im Gebet für seine Generation ein. Nach der Flut zog er sich zurück, seine Nachkommen zerstreuten sich, und sein Name verschwand aus der biblischen Erzählung und wich dem Stammvater Abram. Obwohl Noah noch 350 Jahre nach der Flut lebte, erfahren wir nichts mehr von ihm.
Abraham hingegen gründete eine Dynastie. Er hinterließ ein geistliches Erbe, das bis heute im Volk Israel und darüber hinaus lebt. Er war nicht nur gerecht, sondern auch barmherzig. Während Noah sich in die Arche rettete, baute Abraham Altäre. Während Noah das Gericht über die Welt erlebte, brachte Abraham Segen in die Welt.
Die Midraschim: Warum die Tora nicht zur Zeit Noahs gegeben wurde
Nach den Midraschim sollte die Torah ursprünglich bereits zur Zeit Noahs der gesamten Menschheit gegeben werden. Doch die Welt war nicht bereit. Die Menschen hatten ihre moralische Grundlage verloren.
Auch zur Zeit Abrahams war ein solcher Moment gekommen. Doch anstatt die Torah zu empfangen, versuchten die Menschen, sich einen eigenen Weg zum Himmel zu bauen – den Turm zu Babel (מִגְדַּל בָּבֶל). Sie wollten selbst göttlich werden, ohne Gott.
Und so zerstreute der Ewige die Völker, verwirrte ihre Sprache und entzog ihnen die Gelegenheit, die Torah zu empfangen.
Doch inmitten dieser Verwirrung blieb ein Mensch treu: Abram.
Die rabbinische Tradition sagt, dass Abraham die Torah bereits lebte, lange bevor sie am Sinai gegeben wurde. Er erkannte die göttlichen Prinzipien intuitiv, aus einer tiefen Beziehung zu Gott heraus.
Abraham als Vereinigung der Heiligkeit der Welt
Abraham wurde zum Gefäß, das die Heiligkeit Gottes (symbolisiert durch den Buchstaben He) in sich bündelte. Er vereinte in sich die geistige Stärke und den Gehorsam, den Gott sich von allen Menschen gewünscht hatte. So wurde er zum Vater der Welt – nicht durch Macht, sondern durch Hingabe. Und in dieser Rolle dient er uns immer noch als Vorbild des Glaubens:
Gleichwie Abraham Gott geglaubt hat und es ihm zur Gerechtigkeit angerechnet wurde, so erkennt auch: Die aus Glauben sind, diese sind Abrahams Kinder.
(Galater 3,6-7; Schlachter 2000)
Sein Glaube, seine Bereitschaft, auf Gottes Stimme zu hören, selbst wenn es bedeutete, das Vertraute zu verlassen oder seinen Sohn zu opfern, machte ihn zu einem Symbol des absoluten Vertrauens.
Über unsere Berufung hinauswachsen
Wenn wir auf Abrahams Weg schauen, dürfen wir uns fragen, ob nicht auch wir eingeladen sind, über unsere Berufung hinauszuwachsen. Vielleicht beginnen wir klein – mit einer Aufgabe, einem Verantwortungsbereich, einer Familie, einem Projekt. Doch Gott sieht weiter. In jedem von uns liegt ein Potenzial, das weit über das hinausgeht, was wir uns selbst vorstellen können.
Abraham wurde nicht über Nacht „Vater vieler Völker“. Es war ein Prozess des Wachstums, des Gehorsams, des Vertrauens. Dabei lief auch nicht alles glatt und Abraham wurde intensiv geprüft. Doch er hielt am Allmächtigen fest und gab nicht auf.
So dürfen auch wir lernen, jeden Schritt im Glauben zu gehen – selbst wenn der Weg noch unklar ist.
Der HERR aber hatte zu Abram gesprochen: Geh hinaus aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters in das Land, das ich dir zeigen werde!
(1. Mose 12,1; Schlachter 2000)
Dieser Ruf gilt auch uns. Er erinnert uns daran, dass Gottes Berufung kein statischer Zustand ist. Sie wächst mit uns und entfaltet sich im Gehen.
Fazit: Gott belohnt Wachstum
Die Geschichte von Abram, der zu Abraham wurde, lehrt uns, dass wahre Größe nicht darin liegt, in seiner Bestimmung zu verharren, sondern darin, sie zu erweitern.
Abraham stand stellvertretend für eine Menschheit, die noch nicht bereit war. Er trug die Heiligkeit der Welt in sich und bewies, dass ein Mensch, der Gott gehorcht, zum Segen für viele werden kann.
Auch wir dürfen über unsere Grenzen hinauswachsen – geistlich, menschlich, im Glauben. Wenn wir treu sind in dem, was uns anvertraut ist, wird Gott uns mehr anvertrauen.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
