Chajeh Sarah – Das wahre Erbe Abrahams
Die Torahportion Chajeh Sarah erzählt nicht nur vom Tod und Begräbnis Sarahs, sondern auch von wichtigen Entscheidungen Abrahams, die seine Nachkommen und das Volk Israel nachhaltig prägten. Eine dieser Entscheidungen betrifft die Frage des Erbes. Wem sollte Abraham seinen Nachlass überlassen?
Paraschat Chajeh Sarah
1. Mose 23,1-25,18
1. Könige 1,1-31; Johannes 4,3-14
Abraham setzte Isaak als alleinigen Erben ein
Nachdem Abraham 100 Jahre auf seinen verheißenen Sohn Isaak warten musste, stand er vor einem Problem. Zwar sollte Isaak der Erbe des verheißenen Landes sein, doch Ischmael war der erstgeborene Sohn. Grundsätzlich sieht die Torah vor, dass bei der Verteilung des Erbes, der Vater den Erstgeborenen mit dem doppelten Anteil auszustatten hat.
… sondern er soll den Erstgeborenen, nämlich den Sohn der Verschmähten, anerkennen, indem er ihm von allem, was vorhanden ist, zwei Teile gibt; denn dieser ist der Erstling seiner Kraft, und das Recht der Erstgeburt gehört ihm.
(5. Mose 21,17; Schlachter 2000)
Nun war Isaak der verheißene Sohn Abrahams, den er mit seiner Frau Sarah bekam. Doch Ischmael war der eigentliche Erstgeborene. Dennoch entdecken wir in unserer Lesung Chajeh Sarah, den folgenden Satz:
Und Abraham gab seinen ganzen Besitz dem Isaak.
(1. Mose 25,5; Schlachter 2000)
Demnach erhielt Isaak das gesamte Erbe Abrahams. Die späteren Söhne, die Abraham mit der Ketura hatte, bekamen immerhin noch Geschenke (1. Mose 25,6). Doch was war mit Ischmael? Ging dieser leer aus?
Die Natur des Erbes
Zunächst sollten wir hier klären, welcher Natur das Erbe Abrahams war. Zwar war der Patriarch sehr reich, doch sein materieller Besitz bestand aus lediglich Herden, Gold und Silber. Diese Güter waren nichts, was die Söhne Abrahams nicht auch selbst hätten ansammeln können. Zudem ist jeder physische Reichtum vergänglich und schon deshalb kaum von Bedeutung.
Tatsächlich hatte Abraham ein anderes Erbe, welches er dem Isaak gab. Der Midrasch Bereschit Rabba 61:6 benennte das Erbe wie folgt:
- Abraham gab Isaak das Recht des Erstgeborenen,
- die Autorität zu segnen,
- das Recht des Begräbnisses (für Abraham) und
- ein Testament, in dem er sämtliche Besitztümer Isaak überschrieb.
In einer kabbalistischen Deutung bestand das Erbe aus der himmlischen Weisheit, der Torah, die Abraham an Isaak weitergab. Doch warum überging er Ischmael dabei?
Warum nicht Ismael?
Nach damaligem Verständnis wäre Ismael, als der Erstgeborene, der natürliche Erbe gewesen. Doch er war nicht der Sohn der Verheißung, sondern der Sohn einer Magd.
Hagar war eine Sklavin, und ein Kind einer Sklavin konnte im rechtlichen Sinn kein Erbe sein. Wie könnte ein Sklave erben?
Paulus greift dieses Prinzip später in den Schriften der Berit Chadascha auf und deutet es geistlich:
Was aber sagt die Schrift? »Treibe die Magd hinaus und ihren Sohn! Denn der Sohn der Magd soll nicht erben mit dem Sohn der Freien«.
(Galater 4,30; Schlachter 2000)
Abraham verstand also sehr wohl, dass die Verheißung Gottes nicht über menschliche Logik oder soziale Konventionen weitergegeben wird, sondern über Gehorsam und Berufung. Isaak war der Sohn, den Gott versprochen hatte, und daher der rechtmäßige Empfänger von allem, was Abraham besaß – sowohl materiell als auch geistlich.
Wie das Erbe weitergegeben wurde
Doch Abrahams Weitergabe des Erbes an Isaak zeigt eine Besonderheit. Abraham segnete seinen Sohn nicht. Er übergab ihm sein Erbe einfach. Das ist auffällig, da doch die späteren Patriarchen Isaak und Jakob ihre Söhne sehr wohl mit einem Segen versahen. Was war da los?
In unserer Betrachtung zu Wajera waren wir bereits darauf eingegangen, dass die Akeda für Abraham kein gutes Ende nahm. Sarah starb und Isaak sprach kein Wort mehr mit seinem Vater. Auch Gottes Reden mit Abraham versiegte.
Letztlich hatte Abraham gar keinen Kontakt mehr mit seinem Sohn und übergab ihm das Erbe in Form eines Schreibens. Den Segen erhielt der verheißene Sohn von Gott persönlich, nachdem der Vater gestorben war.
Und es geschah nach dem Tod Abrahams, da segnete Gott seinen Sohn Isaak. Und Isaak wohnte bei dem »Brunnen des Lebendigen, der [mich] sieht«.
(1. Mose 25,11; Schlachter 2000)
Das Erbe erhielt Isaak von Abraham, den Segen jedoch vom Allmächtigen. Das ist nur folgerichtig, denn so wie Isaak der Sohn der Verheißung war, so ist es Jeschua ebenso. Und so weist uns Paulus auf Folgendes hin:
Wenn ihr aber Christus angehört, so seid ihr Abrahams Same und nach der Verheißung Erben.
(Galater 3,29; Schlachter 2000)
Fazit: Das wahre Erbe Abrahams
Das Erbe Abrahams war weit mehr als nur Besitz oder Reichtum. Es war das Weitergeben einer Berufung, eines Bundes und eines Lebens im Glauben. Isaak erhielt nicht nur den materiellen Nachlass, sondern vor allem das geistliche Erbe – die Verheißung, durch die Gottes Plan mit Israel weitergeführt werden sollte.
Ischmael hingegen ging nicht leer aus: Auch er wurde von Gott gesegnet, sollte viele Nachkommen haben und zu einer großen Nation werden (1. Mose 17,20). Doch der Bund, das eigentliche Erbe Abrahams, blieb bei Isaak.
So zeigt die Torahportion Chajeh Sarah, dass Gottes Erbe nicht nach menschlichen Maßstäben – Erstgeburtsrecht, Herkunft oder Stellung – verteilt wird. Es folgt allein Seinem Willen und Seiner Verheißung. Abraham verstand das und handelte im Glauben, indem er das Erbe dem Sohn der Verheißung anvertraute – und damit den Weg für das Volk Israel bereitete.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
