Bereschit – Die Rolle des Bösen in der Welt
Mit der Lesung Bereschit lassen wir die Herbstfeste hinter uns und beginnen den Torahzyklus wieder von vorn.
Die Rolle des Bösen in dieser Welt ist für uns Menschen oftmals schwer zu verstehen. Wir wissen, dass Gott nur gut ist – so beschreibt ihn die ganze Schrift.
Dennoch sagt Gott selbst:
… der ich das Licht mache und die Finsternis schaffe; der ich Frieden gebe und Unheil schaffe. Ich, der HERR, vollbringe dies alles.
(Jesaja 45,7; Schlachter 2000 – Hervorhebung durch den Verfasser)
Damit wird klar: Das Böse, welches in obiger Übersetzung mit Unheil wiedergegeben wird, ist nicht außerhalb des göttlichen Plans entstanden, sondern hat eine Rolle innerhalb der Schöpfung. Aber was genau ist dieses Böse?
Paraschat Bereschit
1. Mose 1,1-6,8
Jesaja 42,5-43,10; Johannes 1,1-17
Was ist das Böse?
In der Regel empfinden wir Dinge als gut, wenn sie von der Gegenwart Gottes durchdrungen sind. Eine betende Gemeinde, ein wohltätiges Projekt oder die kleine Hilfe im Alltag zwischen Nachbarn – all das ist gut, weil Gottes Licht darin sichtbar wird.
Doch auch die tiefsten Krisen unseres Lebens können letztlich gut sein, weil sie Teil von Gottes Plan sind. Sie führen uns oft in eine Abhängigkeit von Ihm, die wir sonst vielleicht nie erfahren hätten.
Ein Beispiel dafür ist die Geschichte Hiobs.
Hiob und das Geheimnis des Leids
Hiob war untadelig und rechtschaffen, gottesfürchtig und das Böse meidend (Hiob 1,1). Trotzdem erlaubte Gott dem Satan, ihn hart zu prüfen. Innerhalb kurzer Zeit verlor Hiob sein Hab und Gut, seine Kinder und schließlich auch seine Gesundheit.
Aus menschlicher Sicht ein unvorstellbares Leid. Dennoch bleibt Hiob im Kern Gott treu – auch wenn er klagt, hadert und verzweifelt. Am Ende zeigt sich, dass Hiobs Glaube durch die Prüfungen gereinigt und gefestigt wird. Er erkennt Gottes Größe tiefer als zuvor:
Vom Hörensagen hatte ich von dir gehört, aber nun hat mein Auge dich gesehen.
(Hiob 42,5; Schlachter 2000)
Hiobs Geschichte macht deutlich: Das Böse hat nicht das letzte Wort. Es dient letztlich dazu, uns näher zu Gott zu bringen.
Das Verbergen Gottes
Das Böse ist nicht die Abwesenheit Gottes, denn der Allmächtige durchdringt alles. Vielmehr ist es der Raum, in dem sich Gott verbirgt und seine Gegenwart verdeckt hält.
Die Schrift sagt dazu:
Fürwahr, du bist ein Gott, der sich verborgen hält, du Gott Israels, du Erretter!
(Jesaja 45,15; Schlachter 2000)
Und an anderer Stelle heißt es:
(Jesaja 59,2; Schlachter 2000)
… sondern eure Missetaten trennen euch von eurem Gott, und eure Sünden verbergen sein Angesicht vor euch, dass er nicht hört!
Gott erschafft also einen Raum, in dem seine Gegenwart nicht unmittelbar spürbar ist. Dies geschieht um der Sünden willen – aber auch, um dem Menschen Freiheit zu schenken.
Der Baum der Erkenntnis
Wenn wir diesen Gedanken auf Bereschit anwenden, dann war der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse kein willkürliches Hindernis, sondern Teil von Gottes Plan.
Mit ihm schuf Gott einen Raum, in dem der Mensch die Möglichkeit erhielt, sich frei zu entscheiden – entweder bei Gott zu bleiben oder sich von ihm abzuwenden. Ohne diese Möglichkeit wäre echter freier Wille gar nicht denkbar gewesen.
Adam stand also vor einer Prüfung. Er bestand sie im ersten Anlauf nicht, doch gewann er – und mit ihm die gesamte Menschheit – durch diese Erfahrung eine tiefere Erkenntnis über Gut und Böse.
Denn auch das ist Teil des Plans: Gott will nicht, dass wir ihn nur aus Unschuld heraus erkennen, sondern dass wir ihn auch im Kontrast zu Leid, Sünde und Versuchung neu entdecken.
Die Rolle des Bösen in unserem Leben
Das Böse ist damit nicht einfach ein „Fehler“ in der Schöpfung. Es ist ein verborgener Raum, den Gott bewusst geschaffen hat. Ein Raum, in dem wir herausgefordert sind, unseren Glauben zu bewähren.
Ohne Dunkelheit wüssten wir das Licht nicht zu schätzen. Ohne Prüfungen wüssten wir nicht, was es heißt, Gott wirklich zu vertrauen. Ohne Versuchung gäbe es keine echte Entscheidung für das Gute.
Und so begleitet uns das Thema Bereschit das ganze Jahr über: Die Rolle des Bösen bleibt ein Geheimnis – und doch dürfen wir wissen, dass selbst das Böse in Gottes Hand bleibt.
Am Ende dient alles dazu, dass wir ihn suchen, finden und tiefer erkennen.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
