Teschuva – Umkehr als Schöpfungsfundament
Die Zeit der Herbstfeste, insbesondere die Tage zwischen Jom Teruah und Jom Kippur, sind von Umkehr und Buße geprägt. Doch nicht nur in dieser Zeit ist Teschuva wichtig. Tatsächlich sind wir das ganze Jahr über dazu aufgerufen, uns in Umkehr und Buße zu üben.
Doch was ist Teschuva eigentlich? Und welche Mechanik steht dahinter? Wir werfen einen Blick darauf.
Teschuva ist Umkehr
Der hebräische Begriff תשובה (Teschuva) bedeutet so viel wie umkehren, zum Ursprung zurückgehen. Es kommt von der hebräischen Wurzel שוב (schuv). In der Regel zeigen die Wurzeln eines Wortes die zugrunde liegende Bedeutung an.
Besonders wertvoll ist dabei die erste Verwendung des Wortes in der Heiligen Schrift. Das Wort שוב (schuv) finden wir an folgender Stelle erstmalig im Wort Gottes.
Im Schweiße deines Angesichts sollst du [dein] Brot essen, bis du wieder zurückkehrst zum Erdboden; denn von ihm bist du genommen. Denn du bist Staub, und zum Staub wirst du wieder zurückkehren!
(1. Mose 3,19; Schlachter 2000 – Hervorhebung durch den Verfasser)
An dieser Stelle können wir die Bedeutung von schuv deutlich erkennen. Es beschreibt eine Umkehr, die zum eigentlichen Ursprung zurückführt. Dabei genügt die halbe Strecke nicht. Echte Teschuva führt uns den ganzen Weg zurück.
Doch wohin zurück? Das führt uns zu der Frage, woher wir gekommen sind. Um die Antwort zu finden, müssen wir zum Schöpfungsbericht und noch etwas weiter zurückblicken.
Teschuva als Grundlage der Schöpfung
Wer das erste Kapitel der Bibel aufmerksam liest, stellt fest, dass die sechs Schöpfungstage lediglich die Erschaffung der sichtbaren Welt beschreiben. Darin erfahren wir nicht, woher die Engel kommen oder wie der Thron Gottes erschaffen wurde. Auch das Wasser erscheint einfach im Schöpfungsbericht, ohne, dass uns dessen Ursprung offenbart wird.
Folglich muss es eine Schöpfung vor der Schöpfung gegeben haben. Denn die himmlischen, unsichtbaren Sphären benötigen ebenfalls eine Struktur. Mit dieser Thematik haben sich die Rabbiner schon vor tausenden von Jahren auseinandergesetzt und kamen zu der Schlussfolgerung, dass die folgenden 7 Aspekte bereits vor der eigentlichen Schöpfung existieren mussten (Pessachim 54a).
- Die Torah
- Die Buße (Teschuva)
- Der Garten Eden
- Die Hölle (Gehinnom)
- Der Thron der Herrlichkeit
- Der Tempel
- Der Name des Messias
Natürlich sind diese Erkenntnisse nicht aus der Luft gegriffen, sondern sie fußen auf einer genauen Analyse der Bibel. Uns interessiert hier vorrangig die Teschuva.
In der Schrift heißt es:
Ehe die Berge wurden und du die Erde und den Erdkreis hervorbrachtest, ja, von Ewigkeit zu Ewigkeit bist du Gott! Du lässt den Menschen zum Staub zurückkehren und sprichst: Kehrt zurück, ihr Menschenkinder!
(Psalm 90,2.3; Schlachter 2000 – Hervorhebung durch den Verfasser)
An dieser Stelle sehen wir deutlich, dass Teschuva bereits vor der Erschaffung der Erde existierte. Sie ist ein integraler Bestandteil und ein Fundament der Schöpfung. Gott wusste von Anfang an (und schon davor), dass Umkehr und Buße notwendige Pfeiler der Welt sein würden.
Da Umkehr und Buße besonders in Vorbereitung auf die Herbstfeste von Bedeutung sind, haben wir einige praktische Anregungen für dich zusammengestellt, wie du Teschuva im Monat Elul, dem 6. Monat, üben kannst.
Die geistliche Mechanik von Teschuva
Was geschieht eigentlich, wenn wir Teschuva üben? Wenn wir umkehren von unseren falschen Wegen?
Der einflussreiche Rabbi Rambam hat sich in seinem Werk Mischen Torah ausführlich mit dem Thema beschäftigt. Dabei offenbart er erstaunliche Erkenntnisse.
Zu den Wegen der Teschuva gehört, dass der Büßer ständig vor Gott weinend und flehend ruft; dass er Zedaka nach seinen Möglichkeiten tut; dass er sich weit von dem entfernt, worin er gesündigt hat; dass er seinen Namen ändert, um damit zu sagen: „Ich bin ein anderer Mensch und nicht mehr derselbe, der diese Dinge getan hat“; und alle seine Handlungen zum Guten und auf den geraden Weg zu ändern; und ins Exil zu gehen, denn das Exil sühnt Sünden, da es ihn zwingt, sich zu beugen und demütig und niedergeschlagen zu sein.
(Mischne Torah, Teschuva 2:4)
Interessant erscheint mir hier die Annahme, dass Teschuva damit zu tun hat, dass der Betroffene seinen Namen ändern soll. Dahinter steckt eine tiefe geistliche Bedeutung. Tatsächlich weist die Namensänderung auf eine Veränderung der Identität hin. Der umkehrende Sünder transformiert zu einer neuen Kreatur. Er ist nicht mehr der alte Mensch.
Kommt uns das nicht bekannt vor?
Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen; siehe, es ist alles neu geworden!
(2. Korinther 5,17; Schlachter 2000)
In der Offenbarung lesen wir auch von einem neuen Namen:
(Offenbarung 2,17; Schlachter 2000)
Wer ein Ohr hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer überwindet, dem werde ich von dem verborgenen Manna zu essen geben; und ich werde ihm einen weißen Stein geben und auf dem Stein geschrieben einen neuen Namen, den niemand kennt außer dem, der ihn empfängt.
Somit ist Jeschua das lebendige Beispiel für echte Teschuva. Er gibt uns eine neue Identität und nimmt unseren Platz ein, um die Schuld, die durch unsere Sünde entsteht, auf sich zu nehmen.
Teschuva und das Exil
Ist es nicht auch interessant, dass Rambam das Exil (גָּלוּת) als Teil der Umkehr sieht? Wir sind also nicht im Exil, weil wir nicht umkehren, sondern weil der Prozess der Umkehr bereits im Gange ist.
Wie das? Die Wurzel von גָּלוּת (galut) lautet גלה (galah). Diese kann sowohl mit wegführen oder vertreiben als auch mit offenbaren wiedergegeben werden. Im Folgenden zwei Beispiele dazu.
Im neunten Jahr Hoseas eroberte der König von Assyrien Samaria und führte Israel gefangen nach Assyrien; und er siedelte sie in Halach und am Habor, dem Fluss Gosans, und in den Städten der Meder an.
(2. Könige 17,6; Schlachter 2000 – Hervorhebung durch den Verfasser)
Wer hat unserer Verkündigung geglaubt, und der Arm des HERRN, wem ist er geoffenbart worden?
(Jesaja 53,1; Schlachter 2000 – Hervorhebung durch den Verfasser)
Das Exil hat nicht nur eine geografische Komponente, sondern auch eine spirituelle. Wenn sich Gott von uns zurückzieht, sich vor uns verbirgt, dann sind wir im Exil. Doch in diesem Zustand werden unsere Schwächen und Probleme erst richtig deutlich. Sie werden nicht mehr von der Allmacht Gottes überschattet.
Auch dieses Versteckspiel ist demnach ein Teil der Teschuva. Nur dadurch werden uns die Baustellen aufgezeigt. Im Exil erleben wir uns einsam und verlassen. Wir fühlen den Drang, diesen Zustand zu überwinden, und setzen uns mit unseren Sünden auseinander.
Oder anders ausgedrückt: Nur durch das geistliche Exil erfahren wir überhaupt von unserem Wachstumspotenzial.
Transformation und Teschuva
Ich denke, wir können davon ausgehen, dass der Sündenfall von Adam und Eva von Anfang an der Plan Gottes war. Nur so ist erklärbar, dass Teschuva bereits vor der Erschaffung der Welt und damit des Menschen existierte.
Und so stellt sich die Frage, ob Gott nicht von vornherein in der Umkehr einen elementaren Plan für unsere Entwicklung gesehen hat. In der Überwindung der Sünde wachsen wir von spirituellen Babys zu starken Männern und Frauen der Torah heran. Und damit kehren wir in das Ebenbild Gottes zurück.
Wir sind dazu bestimmt, die Welt an der Seite des Messias zu regieren (Jesaja 32,1-2). Ja, wir sollen sogar Engel richten (1. Korinther 6,3). Für eine solche Aufgabe bedarf es gestandener Richter. Solche, die auch selbst durch Tiefen gegangen und daran gewachsen sind. Solche, die Gott ähnlich sind und seine Gerechtigkeit und seine Barmherzigkeit kennen – nicht nur theoretisch, sondern weil sie sie erfahren haben.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
