Tischa b’Av – Ein Tag der Trauer und Hoffnung
Sollten Gläubige in den Messias Jeschua Tischa b’Av feiern? Die Gegenfrage würde lauten: Was hindert sie daran, es zu feiern? Steckt nicht vielleicht sogar ein Segen darin?
In diesem Beitrag wollen wir etwas Licht ins Dunkel bringen und uns anschauen, was es mit dem „Feiertag“ eigentlich auf sich hat.
Der Hintergrund zu Tischa b’Av
Tischa b’Av ist ein Tag der Dunkelheit. Und doch auch ein Tag, der vom Licht der Verheißung durchdrungen ist. Der 9. Tag des Monats Av (des 5. Montas) zählt zu den traurigsten Tagen im hebräischen Kalender.
In der Geschichte Israels gab es mehrere schreckliche Ereignisse, die mit diesem Datum in Verbindung stehen.
- Die Ablehnung des verheißenen Landes, nachdem die 10 Kundschafter es in Verruf gebracht hatten (4. Mose 14)
- Die Zerstörung des ersten Tempels durch die Babylonier
- Die Zerstörung des zweiten Tempels durch die Römer
- Die Niederlage in Beta, der letzten jüdischen Festung im Bar-Kochba-Aufstand
- Die Pflügung des Tempelbergs (ein Jahr später), um dort ein heidnisches Heiligtum zu errichten
Zusätzlich werden andere Ereignisse wie die Vertreibung der Juden aus Spanien im Jahr 1492 oder aus England (1290) mit dem Tag in Verbindung gebracht.
Insgesamt ist der 9. Av damit ein historisch bedeutsamer Tag für das jüdische Volk. Offensichtlich hängt diesem Datum eine prophetische Bedeutung an, die Gott im Laufe der Geschichte immer wieder aufzeigte.
Doch ist diese Bedeutung nur für Juden wichtig?
Tisch b’Av und die Bedeutung für den Rest Israels
Wer immer sich als Nachfolger Jeschuas versteht, sollte auch erkennen, dass er zum Volk Gottes, zu Israel, gehört.
Jeschua sagte einmal:
Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.
(Matthäus 15,24b; Schlachter 2000)
Damit stellt er klar, dass jeder, der von ihm gerettet wird, zu Israel gehört. Als Israeliten geht uns die Geschichte unserer Vorfahren sehr wohl etwas an.
Die meisten Ereignisse am 9. Av betreffen nicht nur die Juden, sondern alle 12 Stämme Israels, also auch Gad, Asser, Sebulon, Manasse und so weiter. Die 10 Kundschafter kamen nämlich aus allen Stämmen außer Juda und Ephraim. Der Tempel diente ganz Israel als Heiligtum, nicht nur Juda.
Und somit sind die Katastrophen am 9. Av auch in Zusammenhang mit den 10 verlorenen Stämmen zu bringen. Und diese Katastrophen sind durch die Sünden des Volkes eingetreten.
Die Ablehnung des verheißenen Landes war ein kollektiver Beschluss ganz Israels (oder zumindest eines großen Teils davon). Die Tempel wurden aufgrund der Sünden Israels zerstört. Dabei war das Nordreich schon lange im assyrischen Exil, als Babylon vor der Tür Jerusalems stand.
Tatsächlich hatte Juda die Stellung gehalten, während sich die 10 Stämme des Nordreichs in der Mehrzahl schon lange von Gott und seinem Haus abgewandt hatten. Sind es dann nicht auch unsere Sünden, die zu den Tragödien des 9. Av geführt haben?
Tischa b’Av in der Bibel
Der ein oder andere könnte jetzt einwenden, dass diese Daten nur Tradition seien und Tischa b’Av gar nicht in der Bibel vorkäme. Doch ist das wirklich so?
Was wir definitiv festhalten können, ist die Tatsache, dass Tischa b’Av nicht zu den in der Torah festgelegten Mo’edim zählt, die wir 3. Mose 23 finden. Der neunte Av kristallisierte sich erst im Laufe der Geschichte als prophetisch bedeutsamer Tag heraus.
Damit ist der Tag in eine ähnliche Kategorie wie Chanukka oder Purim einzuordnen. Ein Moʽed, welches später hinzugekommen ist, um historisch bedeutsame Ereignisse zu würdigen.
Doch die beiden Vorgenannten finden wir in der Bibel. Was ist mit Tischa b’Av?
Die oben genannten Ereignisse des 9. Avs finden sich teilweise in der Bibel. Die Aussendung der Kundschafter wird ausführlich im Buch Bamidbar geschildert. Die Zerstörung des ersten Tempels findet Erwähnung in verschiedenen Büchern wie 2. Chronik, 2. Könige oder Jeremia.
Teile des Buches der Klagelieder sollen von Jeremia in Bezug auf die Zerstörung des ersten Tempels geschrieben worden sein. Vers zwei wird in der Regel als Hinweis auf die Nacht des 9. Avs gedeutet, da Babylon Jerusalem bei Nacht überfiel.
Sie weint unaufhörlich bei Nacht, und ihre Tränen laufen ihr über die Wangen; sie hat keinen Tröster unter allen ihren Liebhabern; alle ihre Freunde sind ihr untreu, sind ihr zu Feinden geworden.
(Klagelieder 1,2; Schlachter 2000 – Hervorhebung durch den Verfasser)
Und auch der Prophet Sacharja liefert einen Hinweis auf den Trauertag Tischa b’Av.
So spricht der HERR der Heerscharen: Das Fasten im vierten und das Fasten im fünften und das Fasten im siebten und das Fasten im zehnten Monat wird dem Haus Juda zur Freude und Wonne werden und zu fröhlichen Festtagen. Liebt ihr nur die Wahrheit und den Frieden!
(Sacharja 8,19; Schlachter 2000 – Hervorhebung durch den Verfasser)
Das Fasten im fünften Monat ist Tischa b’Av. Interessant ist hierbei, dass Gott durch den Mund des Propheten verheißen lässt, dass dieser Fasten- und Trauertag eines Tages zu einem fröhlichen Festtag (Mo’ed) wird.
Mit anderen Worten: Gott misst dem 9. Tag des fünften Monats auch in Zukunft Gewicht bei. Doch in der Zukunft wird dies kein Trauertag, sondern ein Freudenfest werden. Könnte es sein, dass an diesem Tag noch ein großes prophetisches Ereignis auf uns wartet?
Wie wird Tischa b’Av begangen
Da es sich bei diesem Mo’ed um einen Trauertag im Angesicht der Katastrophen der Vergangenheit handelt, ist die Stimmung zu Tischa b’Av Jom Kippur sehr ähnlich.
Traditionell ist es ein Fastentag, an dem sich jeglicher Freude enthalten wird. Das heißt: kein Essen, kein Trinken, keine Schuhe, keine Bequemlichkeit, kein gemütliches Bad und so weiter. Man sitzt auf dem Boden.
Selbst das Torah- und Bibelstudium ist auf die Abschnitte begrenzt, die von Trauer und Gericht handeln. Aufgrund des historischen Bezugs wird das Klagelied gelesen.
Fazit
Natürlich steht es dir frei, ob du Tischa b’Av begehst oder nicht. In diesem Artikel haben wir dir lediglich einige Hinweise zeigen wollen, die nahelegen, dass es nicht nur für Juden interessant sein kann.
Die Zerstörung des Tempels und die Ablehnung des verheißenen Landes sind Ereignisse, die alle Hebräer etwas angehen. Zudem steht uns in Aussicht, dass Gott in Zukunft ein Freudenfest an diesem Tag veranstalten wird. Es kann also nicht schaden, den neunten Av heute schon auf dem Schirm zu haben.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
