Die mündliche Torah – Was sagt die Bibel dazu?
Du hast bestimmt schon einmal etwas von der mündlichen Torah gehört. Dabei handelt es sich um die Überzeugung innerhalb des Judentums, dass es neben der schriftlichen Offenbarung, die Mose am Sinai empfangen hat, noch einige mündliche Anweisungen gab, die der Levit nicht aufgeschrieben hat.
Auch wenn es innerhalb des Judentums unterschiedliche Sichtweisen dazu gibt, so ist die Sammlung an verschiedenen Rabbinerschriften, die sich über die Mischna, den Talmud (Zwei Ausgaben: Babylon und Jerusalem), die verschiedenen Midraschim, die Kabbala und andere Werke erstreckt, nicht zu übersehen. Doch was ist dran an der Idee einer mündlichen Torah? Wir werfen einen Blick darauf.
Die Geschichte hinter der mündlichen Torah
Die Entstehung der mündlichen Tora ist eine zentrale Tradition im Judentum, die auf die Annahme zurückgeht, dass Gott neben den fünf Büchern Mose auch eine mündliche Lehre an das Volk Israel übermittelte. Diese Lehre umfasst Erklärungen, Interpretationen und Anwendungen der schriftlichen Gebote, die im Laufe der Jahrhunderte weitergegeben und schließlich schriftlich in der Mischna, im Talmud und in anderen rabbinischen Werken festgehalten wurden.
Die Verschriftlichung der mündlichen Torah begann im 2. Jahrhundert. Nachdem die Juden im Zuge der Zerstörung des zweiten Tempels und der Vertreibung aus Jerusalem durch den römischen Kaiser Hadrian bedroht waren, überall in der Welt zerstreut zu werden, entschloss sich Rabbi Jehuda ha-Nasi, die mündlichen Überlieferungen zu sammeln und aufzuschreiben.
Das Ergebnis dieser Niederschrift war die Mischna, der heutige Ausgangspunkt der mündlichen Torah im Judentum. Aus der Mischna heraus entstand der Talmud, welcher verschiedene Traktate der Mischna kommentierte und ergänzte.
Beim Lesen von Mischna und Talmud fällt allerdings auf, dass es sich hierbei keineswegs um ein Handbuch handelt, aus dem wir eindeutige Auslegungen ziehen könnten. Vielmehr sind die Bücher eine Sammlung der Perspektiven verschiedener Rabbis zu ihren Zeiten.
Mich fasziniert die Tatsache, dass die unterschiedlichen Sichtweisen und Interpretationen der Rabbis einfach aufgezeichnet und nebeneinander stehen gelassen werden. Hier wird nicht aufgelöst, wer recht hat oder nicht. Jede Perspektive ist wertvoll und darf neben der anderen stehen.
Doch zurück zur Frage, welche Bedeutung die mündliche Torah für uns haben könnte und ob sie schon am Sinai gegeben wurde.
Gibt es Hinweise für eine mündliche Torah in der Bibel?
Wenn wir uns die Heilige Schrift genauer ansehen, dann gibt es einige Textstellen, die es zumindest möglich machen, dass es neben der schriftlichen Überlieferung auch eine mündliche Torah gab. Tatsächlich beziehen sich die Rabbiner auf diese Bibelverse. Im Folgenden möchte ich einige wenige Beispiele dazu nennen.
Und der HERR sprach zu Mose: Schreibe dir diese Worte auf! Denn aufgrund dieser Worte habe ich mit dir und mit Israel einen Bund gemacht.
(2. Mose 34,27; SLT – Hervorhebung durch d. Verf.))
Im oberen Vers sehen wir, dass Mose den Auftrag bekam, die Worte, die Gott ihm mündlich mitgeteilt hat, aufzuschreiben. Der Talmud liefert in Gittin 60b eine ausführliche Debatte dazu. Der fett gedruckte Teil im obigen Vers kommt nämlich aus der hebräischen Formulierung עַל־פִּ֣י (al pi), was mit „auf meinen Mund“ oder „auf meine Aussprachen hin“ übersetzt werden kann.
Die Frage stellt sich jedoch, ob alle Worte Gottes aufgeschrieben wurden. Denn im Kontrast dazu steht eine Aussage aus dem Buch Hosea.
Wenn ich ihm mein Gesetz auch noch so oft vorschreiben würde, so halten sie es doch für etwas Fremdes!
(Hosea 8,12; SLT – Hervorhebung durch d. Verf.))
Der hebräische Text aus Hosea wird im Traktat Gittin 60b wie folgt wiedergegeben:
Ich schrieb für ihn den größten Teil meiner Torah auf; und doch wurde er für etwas Fremdes gehalten.
(Hosea 8,12; Übers. d. Verf.)
Dies ist eine völlig legitime Übersetzung, was die Frage aufwirft, ob Mose tatsächlich alles aufgeschrieben hat, was er von Gott erfahren hat.
Schauen wir uns einen weiteren Vers an, der uns aufzeigt, dass es zumindest Ergänzungen zur Torah gab.
Ist aber der Ort, den der HERR, dein Gott, erwählt hat, um seinen Namen dorthin zu setzen, zu fern von dir, so darfst du von deinen Rindern oder von deinen Schafen schlachten, die der HERR dir gegeben hat — wie ich dir geboten habe —, und es in deinen Toren essen nach aller Herzenslust.
(5. Mose 12,21; SLT – Hervorhebung durch d. Verf.)
An dieser Stelle geht es darum, dass Israel nach dem Einzug ins Land Kanaan nicht immer zum Tempel gehen musste, um ein Tier zu schlachten. Es war dann möglich, zu Hause zu schlachten, nach den Geboten, die Mose dazu gegeben hatte.
Doch diese Gebote sind nirgends in der Torah zu finden. Zwar gibt es ausführliche Beschreibungen zu den Opfern am Tempel, doch wie der Israelit daheim zu schlachten hatte, wird nirgends erklärt.
Dies deutet erneut darauf hin, dass es Instruktionen gab, die nicht aufgeschrieben wurden. Doch wozu? Schauen wir einmal, was wir damit anfangen können.
Das Rechtssystem der Torah
Im Grunde war es Gott von Anfang an klar, dass das geschriebene Wort allein nicht ausreichen würde, um alle Fragen und Probleme des Alltags zu lösen. Gesetze und Gebote konnten immer wieder unterschiedlich ausgelegt werden. Zudem konnte es vorkommen, dass die Anwendung eines Gesetzes für den Einzelfall nicht immer ersichtlich war.
Deshalb wies Gott Israel an, Richter einzusetzen. Diese Richter sollten das Volk lehren und Streitfälle schlichten. Werfen wir dazu einen Blick in die Torah.
Wenn es dir zu schwer wird, ein Urteil zu fällen in Sachen eines Mordes oder eines Streites oder einer Körperverletzung, bei irgendeiner Streitsache, die innerhalb deiner Tore vorkommt, dann mache dich auf und geh hinauf an den Ort, den der HERR, dein Gott, erwählen wird. Und du sollst zu den Priestern, den Leviten, und zu dem Richter kommen, der zu jener Zeit [im Amt] sein wird, und fragen; sie sollen dir das Urteil sprechen.
(5. Mose 17, 8-9; SLT)
Wenn es also einen Fall gab, in dem nicht klar war, wie die Gebote anzuwenden waren, sollten die Betroffenen zunächst zu den Richtern in ihrer Stadt gehen. Kamen diese zu keinem Urteil, sollte der Fall an die Priester und Richter in Jerusalem weitergegeben werden. Diese sollten dann entscheiden.
Und du sollst nach dem Urteilsspruch handeln, den sie dir von jenem Ort aus verkünden, den der HERR erwählen wird, und sollst darauf achten, dass du tust nach allem, was sie dich lehren werden.
(5. Mose 17,10; SLT)
Das Urteil, welches von den in Jerusalem ansässigen Richtern und Priestern gefällt wurde, war für die Betroffenen bindend. Es war sogar unter Strafe verboten, von diesem abzuweichen (5. Mose 17,11). Dabei gab es jedoch keine Garantie, dass das Urteil gerecht war. Eine andere Zusammensetzung von Richtern hätte vielleicht anders entschieden. Dennoch war diese Form der autoritären Ordnung eines der Wege Gottes, sein Volk zu erziehen und Demut zu lehren.
Allerdings begleitete das Urteil auch eine Lehre. Die Richter waren angehalten, zu erklären, warum ein Gebot nach ihrem Urteil auszulegen sei. Wir können davon ausgehen, dass diese Urteile entweder aufgezeichnet oder unter Zeugen vorgetragen wurden.
Und somit entstand mit der Zeit eine Sammlung von Urteilen und Auslegungen zu den verschiedensten Geboten. Wenn wir nun die Mischna zur Hand nehmen, dann bestehen weite Teile aus genau solchen Auslegungen.
Die mündliche Torah vom Sinai
Tatsächlich gab es ein ähnliches Rechtssystem bereits am Sinai. Etabliert wurde es von Jethro, der sah, wie sein Schwiegersohn Mose sich abmühte, das Volk zu richten. Interessant ist jedoch, was Mose dazu sagte:
Mose antwortete seinem Schwiegervater: Das Volk kommt zu mir, um Gott zu befragen. Denn wenn sie eine Rechtssache haben, kommen sie zu mir, dass ich entscheide, wer von beiden recht hat, und damit ich ihnen Gottes Ordnungen und seine Gesetze verkünde.
(2. Mose 18,15-16; SLT)
Mose war damals in der Postion, dem Volk die Ordnungen und Gesetze Gottes zu verkünden und Streitfälle zu schlichten. Zudem war er das Sprachrohr Gottes. Diese Begebenheit ereignete sich noch vor der Vergabe der Steintafeln und dem Auftrag an Mose, die Torah aufzuschreiben.
Mit anderen Worten wurden bis dahin die Gebote mündlich weitergegeben und entsprechend ausgelegt. Durch die Verteilung der Verantwortung auf verschiedene Schultern, wie Jethro es riet, bestand auch das Potenzial, dass sich verschiedene Ansichten etablierten.
Und schon sind wir mittendrin in einer mündlichen Überlieferung, die für bestimmte Einzelfälle bindenden Charakter hatte.
Zudem gibt es im hebräischen Text der Torah ein Kuriosum, welches immer wieder auftaucht. Das Wort Torah steht bisweilen im Plural – also Toroth. Der folgende Vers ist ein Beispiel dazu:
Das sind die Satzungen, die Rechtsbestimmungen und Gesetze, die der HERR auf dem Berg Sinai durch die Hand Moses gegeben hat, damit sie zwischen ihm und den Kindern Israels bestehen sollten.
(3. Mose 26,46; Schlachter 2000 – Hervorhebung durch den Verfasser)
Was im obigen Vers mit „Gesetze“ übersetzt wurde, kommt aus dem hebräischen Plural für Torah – Toroth. Aber gibt es denn nicht nur eine Torah? In den jüdischen Kommentaren wird dieser Plural als Hinweis verstanden, dass es zumindest zwei Teile der Torah gibt – einen geschriebenen und einen mündlichen.
Die mündliche Torah im Neuen Testament
Auch im Neuen Testament, der sogenanten Berit Chadascha, finden sich Hinweise darauf, dass Jeschua und die Apostle sich mit der mündlichen Überlieferung beschäftigten, daraus lernten und sie sogar lehrten.
Oder wo hatte Paulus die Geschichte von Jannis und Jambres her (2. Timotheus 3,8)? Woher kannte Judas die Geschichte vom Erzengel Michael und seinem Streit um Moses Leichnam (Judas 9)? Und woher wusste der Autor des Hebräerbriefs, dass Jesaja zersägt wurde (Hebräer 11,37)? Diese Informationen stammen aus jüdischen Überlieferungen, die der Apostel Paulus selbst lehrte.
An die Gemeinde in Korinth schrieb er nämlich:
Ich lobe euch, Brüder, dass ihr in allem an mich gedenkt und an den Überlieferungen festhaltet, so wie ich sie euch übergeben habe.
(1. Korinther 11,2; Schlachter 2000)
Aus dem griechischen Text wird ersichtlich, dass Paulus hier die „Überlieferung der Alten“ (Vgl. Matthäus 15,2) meinte, von denen in den Evangelien immer wieder die Rede ist. Wenn Paulus die mündliche Torah lehrte, widersprach er dann den Lehren Jeschuas?
Sicher nicht, denn Jeschua empfahl ja selbst:
und sprach: Die Schriftgelehrten und Pharisäer haben sich auf Moses Stuhl gesetzt. Alles nun, was sie euch sagen, dass ihr halten sollt, das haltet und tut; aber nach ihren Werken tut nicht, denn sie sagen es wohl, tun es aber nicht.
(Matthäus 23,2-3; Schlachter 2000)
Einige zusätzliche Gedanken findest du im folgenden Video:
Was haben wir mit der mündlichen Torah zu tun?
Bedeutet das nun für uns, dass wir alles, was die Rabbis sagen, befolgen müssen? Ganz sicher nicht. Wie ich schon erwähnte, sind Mischna, Talmud oder die Midraschim eher eine Sammlung von Meinungen verschiedener Rabbis. Manchmal sind diese Meinungen auch komplett gegensätzlich.
Dennoch können wir einiges darin lernen. Nicht nur die Auslegungen bestimmter Gebote können für uns interessant sein. Auch im Erforschen verschiedener biblischer Geschichten ist die jüdische Überlieferung oder die mündliche Torah bisweilen sehr hilfreich.
Am Ende ist es doch so, dass das jüdische Volk eine jahrhundertelange Tradition in der Erforschung der Bibel in der Originalsprache hat. Diese gesammelte Weisheit darf uns eine Bereicherung sein.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
