Ehre Vater und Mutter – Wie geht das?
Eines der zentralen Gebote innerhalb der Bibel ist die Aufforderung: Ehre Vater und Mutter. Es ist das fünfte Gebot innerhalb der 10 Gebote, die am Sinai von Gott gesprochen wurden, und gleichzeitig das erste, welches mit einer direkten Verheißung verbunden ist.
In der Heiligen Schrift heißt es:
Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, damit du lange lebst in dem Land, das der HERR, dein Gott, dir gibt!
(2. Mose 20,12; Schlachter 2000)
Doch wie sieht diese Ehre aus? Wie können wir unsere Eltern konkret ehren? In diesem Beitrag beschäftigen wir uns mit dieser Frage.
Der Schöpfer und die Verheißung
Wie wir schon festgestellt haben, ist die Ehrung von Vater und Mutter das erste Gebot (der zehn), welches mit einer konkreten Verheißung versehen ist. Ehre Vater und Mutter und du wirst ein langes Leben haben.
Dieser Zusammenhang ist durchaus interessant. Das vierte Gebot handelt vom Schabbat, welcher an anderer Stelle als Zeichen für den Bund zwischen Gott und Israel dargestellt wird (2. Mose 31,12). Doch trotz dieses Zeichencharakters folgt dem Halten des Schabbats keine Verheißung.
Was ist also das Besondere an der Ehrung von Vater und Mutter? Unsere Eltern waren an unserer Erschaffung beteiligt. Wir sind durch das Teamwork von drei Personen ins Leben gekommen: Gott, Vater und Mutter.
Die Schrift weist uns an, alle drei Parteien zu ehren. Die Ehrung Gottes ist uns unter anderem in den Sprüchen geboten:
Ehre den HERRN mit deinem Besitz und mit den Erstlingen all deines Einkommens, …
(Sprüche 3,9; Schlachter 2000)
Doch nicht nur die Ehrung, sondern auch die Furcht:
… sondern du sollst den HERRN, deinen Gott, fürchten und ihm dienen und bei seinem Namen schwören.
(5. Mose 6,13; Schlachter 2000)
Ihr sollt jeder Ehrfurcht vor seiner Mutter und seinem Vater haben und meine Sabbate halten, denn ich, der HERR, bin euer Gott.
(3. Mose 19,3; Schlachter 2000)
Schauen wir uns an, was es genau bedeutet, Vater und Mutter zu ehren bzw. zu fürchten.
Ehre Vater und Mutter – an wen richtet sich das Gebot?
Bevor wir in eine tiefere inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Gebot gehen, sollten wir uns zunächst ansehen, an wen es sich zuvorderst richtet. Die einfache Antwort lautet: an jeden Menschen, da wir alle eine Mutter und einen Vater haben.
Auch wenn diese Aussage richtig ist, stellt das Gebot keinen Anspruch der Eltern gegenüber ihren minderjährigen Kindern dar. Ich möchte an dieser Stelle ganz deutlich festhalten, dass sich die Gebote Gottes vordergründig an erwachsene Menschen richten, die selbst in der Lage sind, deren Sinn zu erfassen und umzusetzen. Wir als Eltern sollten hier in keinem Fall Druck ausüben (So,lange du deine Füße unter meinen Tisch stellst …).
Im jüdischen Denken sind Menschen tatsächlich erst mit 20 Jahren so ausgereift, dass sie für ihre Sünden voll verantwortlich gemacht werden können. Das bedeutet, dass die Umsetzung der Gebote im vollen Umfang nur von Erwachsenen mit der entsprechenden Reife erwartet werden kann.
Wir als Eltern unserer Kinder tun sicher gut daran, ihnen zu vermitteln, dass Erwachsene mit Respekt und Ehre behandelt werden sollten. Das ist sogar unser Auftrag. Auf der anderen Seite sollten wir aber auch gnädig und barmherzig mit ihnen sein, wenn ihnen das (uns gegenüber) nicht immer gelingt.
Die Bedeutung von Ehren und Fürchten
Nun wollen wir genauer schauen, was es bedeutet, Vater und Mutter zu ehren bzw. zu fürchten. Hierfür schauen wir uns die hebräischen Wörter genauer an.
- Ehren (כָּבַד; kavad): In der Wurzel bedeutet dieses Wort, etwas zu gewichten oder ein Gewicht zu geben. Wenn wir Gott oder unsere Eltern ehren, dann geben wir ihnen Gewicht. Sprüche 3,9 zeigt auch, dass das Ehren Gottes mit materiellen Gaben im Zusammenhang steht.
- Fürchten (יָרֵא, jare): Die Furcht drückt eine ehrfürchtige Haltung aus. Hier finden wir vor allem die Idee von Respekt wieder.
Soweit die Grundbedeutung der Worte. Doch wie können wir diese ganz praktisch in unserem Leben umsetzen? Hierfür ziehe ich den Kitzur Schulchan Aruch heran. Dabei handelt es sich um einen jüdischen Gesetzescodex, welcher die Gebote der Torah und deren Erklärungen aus der mündlichen Torah (Mischna, Talmud etc.) übersichtlich und zusammengefasst wiedergibt.
Auch wenn wir uns nicht an rabbinische Gebote gebunden sehen, so ist der Kitzur Schulchan Aruch ein wertvolles Nachschlagewerk, um einen Eindruck zur Ausgestaltung bestimmter Gebote zu erhalten.
Ehre Vater und Mutter – was sagt der Kitzur Schulchan Aruch?
Im Kitzur Schulchan Aruch finden wir sehr klare und zugleich erstaunlich lebensnahe Hinweise, wie wir das Gebot „Ehre Vater und Mutter“ konkret leben können. Diese Anweisungen sind im Kapitel 143 gesammelt und bilden bis heute die Grundlage dafür, wie das biblische Gebot praktisch verstanden wird.
1. Was bedeutet es, die Eltern zu ehren? (Kavod)
Der Begriff kavad (כָּבַד) beschreibt nicht nur eine innere Haltung, sondern sichtbare, konkrete Taten. Der Kitzur Schulchan Aruch nennt hier mehrere Bereiche:
- Versorgen: Eltern mit Nahrung, Trinken oder Kleidung zu unterstützen, wenn sie es benötigen.
- Begleiten und helfen: Ihnen beim Gehen oder bei alltäglichen Wegen zur Seite stehen.
- Pflege: Auf ihre gesundheitlichen Bedürfnisse achten.
- Respektvolle Kommunikation: Mit freundlichen Worten sprechen, niemals herablassend oder in einem scharfen Ton.
Auffällig ist: Die Ehre zeigt sich im Tun, nicht nur im Denken oder Fühlen. Das Ehren bedeutet, unseren Eltern in ihrer Bedürftigkeit beizustehen – so wie sie uns in unserer Bedürftigkeit am Anfang unseres Lebens begleitet haben.
2. Was bedeutet es, die Eltern zu fürchten? (Mora)
Jare (יָרֵא) meint keine ängstliche Furcht, sondern eine respektvolle Scheu – eine Haltung, die achtet, ehrt und nicht respektlos auftritt.
Der Kitzur Schulchan Aruch beschreibt diese Ehrfurcht durch klare Beispiele:
- Nicht auf dem Platz der Eltern sitzen, sei es am Tisch oder an ihrem festen Sitz im Haus.
- Eltern nicht beim Namen nennen, sondern respektvolle Anredeformen benutzen.
- Ihnen nicht widersprechen oder sie korrigieren, zumindest nicht in einer Weise, die beschämend oder bevormundend wäre.
- Nicht über sie reden, als stünden sie unter einem.
In alldem geht es um eine grundsätzliche innere Haltung: Unsere Eltern haben „Gewicht“ in unserem Leben – wir erkennen ihre Bedeutung an.
3. Ehre Vater und Mutter – auch wenn es schwerfällt
Eine der bemerkenswertesten Aussagen des Kitzur Schulchan Aruch ist diese:
Selbst wenn Eltern schwierig sind, verletzend handeln oder uns in Worten hart behandeln – das Gebot bleibt bestehen.
Natürlich gibt es Grenzen (dazu gleich mehr), doch die Grundhaltung der Ehre darf auch in schwierigen Beziehungen nicht aufgegeben werden.
Hier zeigt sich, wie ernst die Schrift dieses Gebot nimmt. Die Eltern zu ehren ist kein Gefühl, das wir haben oder nicht haben, sondern ein Weg, den wir gehen.
4. Grenzen des Gebots
Bei aller Betonung der Ehre macht der Schulchan Aruch dennoch etwas sehr deutlich: Die Ehrung der Eltern ist kein Freibrief für Missbrauch, Überforderung oder unbiblische Forderungen.
- Keine Pflicht zum Gehorsam, wenn Eltern verlangen, eine Mizwa (Gebot Gottes) zu übertreten.
- Keine Pflicht, eigene Ehe oder Familie zu vernachlässigen.
- Keine Pflicht, Schaden am eigenen Leben oder Glauben zu akzeptieren.
- Keine Verpflichtung, die Versorgung der Eltern aus dem eigenen Vermögen zu tragen, wenn die Eltern selbst genug besitzen.
Dieser Punkt ist wichtig, um das Gebot realistisch und gesund zu leben. Die Torah fordert nicht Unterwerfung. Sie fordert Ehre.
5. Ehre Vater und Mutter – auch nach ihrem Tod
Die Ehrung der Eltern endet nicht mit ihrem irdischen Leben. Der Kitzur Schulchan Aruch beschreibt:
- Den Namen der Eltern ehrvoll zu nennen („mein Vater, seligen Andenkens“).
- Ihr Andenken gut zu bewahren.
Ehre ist also nicht nur ein Tun im Leben der Eltern, sondern auch ein bewahrender Umgang mit ihrem Vermächtnis.
Ein Gebot, das Herzen formt
Wenn wir auf die verschiedenen Aspekte blicken, erkennen wir:
„Ehre Vater und Mutter“ ist kein enges, juristisches Gebot. Es geht viel tiefer.
- Es geht um unsere Haltung.
- Es geht um Dankbarkeit.
- Es geht um die Fähigkeit, unsere Vergangenheit nicht zu vergessen.
- Es geht darum, das Geschenk des Lebens wertzuschätzen – auch dann, wenn unsere Eltern nicht perfekt waren (und wer ist das schon?).
Die Torah lädt uns ein, in der Beziehung zu unseren Eltern ein Stück von Gottes Charakter sichtbar werden zu lassen: Respekt, Barmherzigkeit, Geduld und Ehre.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
