Wajigasch – Die Verbindung von Seelen
In der Torahportion Wajigasch begegnen wir einem der emotionalsten Momente der Torah. Josef, der zum mächtigen Regenten Ägyptens aufgestiegen war, stand seinen Brüdern gegenüber. Sie erkannten ihn nicht und wussten nicht, dass der scheinbar unnahbare ägyptische Herrscher ihr eigener Bruder war, den sie einst in die Sklaverei verkaufen wollten.
In der Folge dieser Begegnung entsteht ein Gespräch zwischen Juda und Josef, aus dem wir uns ein Detail herausgreifen wollen. Doch lassen wir das Geschehene noch einmal Revue passieren.
Paraschat Wajigasch
1. Mose 44,18-47,27
Hesekiel 37,15-28; Lukas 24,30-48
Die Rolle Benjamins
Die Situation um Benjamin ist besonders brisant. Wie wir in Miketz lesen, hatte Josef seinen silbernen Becher im Sack seines jüngsten Bruders verstecken lassen, als die Familie zum zweiten Mal nach Ägypten gekommen war, um Getreide zu holen. Nach ihrer Abreise sandte Josef seinen Verwalter, um die Brüder zu stellen.
Als dieser die Brüder einholte, gaben sie an:
(1. Mose 44,9; SLT)
Bei welchem von deinen Knechten aber etwas gefunden wird, der soll sterben, und wir anderen wollen die Knechte deines Herrn sein!
Doch der Verwalter antwortete darauf:
Er aber sprach: Nach eurem Wort, so soll es sein! Bei wem er gefunden wird, der sei mein Knecht; ihr anderen aber sollt ungestraft bleiben!
(1. Mose 44,10; SLT)
Zwar war der Verwalter mit dem Vorschlag der Söhne Jakobs einverstanden, doch seine Wiederholung wich davon ab. Daraus können wir lernen, dass ein Aufenthalt als Knecht bzw. Sklave in Ägypten dem Tod gleichkommt. Dies ist ein Detail, welches später in diesem Kommentar zu Wajigasch noch wichtig wird.
Judahs mutiges Eintreten
Die Paraschah Wajigasch beginnt damit, dass Judah, der vierte Sohn Leas, vor Josef trat. Es heißt:
Da trat Juda näher zu ihm hinzu und sprach: Bitte, mein Herr, lass deinen Knecht ein Wort reden vor den Ohren meines Herrn, und dein Zorn entbrenne nicht über deine Knechte; denn du bist wie der Pharao!
(1. Mose 44,18; SLT)
Judah ergriff das Wort und wagte es, sein Anliegen vor den Regenten Ägyptens zu tragen. Er berichtete ihm von den Bedenken seines Vaters, den jungen Benjamin mit auf die Reise zu nehmen. Er erinnerte Josef außerdem daran, dass sie ihm schon bei ihrem ersten Besuch von der Problematik seiner Bitte in Kenntnis gesetzt hatten.
Da sprachen wir zu meinem Herrn: Der Knabe kann seinen Vater nicht verlassen; wenn er seinen Vater verließe, so würde dieser sterben!
(1. Mose 44,22; SLT)
Der hebräische Text weist eine Besonderheit auf, denn er lässt nicht eindeutig erkennen, wer denn nun sterben würde – Jakob oder Benjamin? Schauen wir uns die beiden Optionen einmal an:
- Jakob: Dieser würde wahrscheinlich an Trauer und Gram sterben, da doch Benjamin als der letzte Sohn seiner geliebten Frau Rahel geblieben war.
- Benjamin: Warum sollte er sterben? Von den Strapazen der Reise? Nun, Benjamin war schon geboren, als Josef in die Sklaverei verkauft wurde. Das war über 20 Jahre her. Benjamin musste also schon in den 20ern sein – also ein junger Mann. War er so sehr von Jakob verwöhnt worden, dass er eine Reise nach Ägypten nicht aushalten würde? Vielleicht gibt uns unsere obige Feststellung eine klare Antwort. Wenn Benjamin vor den Regenten Ägyptens treten würde, so müsste er dort als Sklave bleiben – was seinem Tod gleichkäme.
Es gibt eine Besonderheit, die die Bindung zwischen Jakob und Benjamin betrifft. Schauen wir uns diese noch etwas genauer an.
Wajigasch und die Bindung zwischen Jakob und Benjamin
In 1. Mose 44,29-30 erklärt Judah die Worte seines Vaters in Bezug auf Benjamin wie folgt:
Wenn ihr nun diesen auch von mir nehmt und es stößt ihm ein Unglück zu, so werdet ihr meine grauen Haare durch ein solches Unglück ins Totenreich hinunterbringen! Wenn ich nun zu deinem Knecht, meinem Vater, käme, und der Knabe wäre nicht bei mir, an dessen Seele doch seine Seele gebunden ist,
(1. Mose 44,29-30; SLT)
Hier liegt eine interessante hebräische Besonderheit vor. Das Wort für Seele in diesem Vers ist Nefesch (נֶפֶשׁ), das hauptsächlich das irdische Leben beschreibt. Die Nefesch unterscheidet uns nicht von Tieren, da auch sie mit einer solchen Seele ausgestattet sind. Zudem kann Nefesch auch auf einen Totenleib bezogen werden, wie es in 3. Mose 21,11 in Bezug auf den Hohepriester heißt:
Er soll auch zu keinem Toten kommen, auch um seines Vaters und seiner Mutter willen soll er sich nicht verunreinigen.
(3. Mose 21,11; SLT)
Im Hebräischen steht hier für den Toten ebenfalls Nefesch.
Die Worte „an dessen Seele doch seine Seele gebunden ist“ unterstreichen, dass Jakobs Nefesch untrennbar mit Benjamins Nefesch verbunden ist. Die beiden sind nicht nur emotional, sondern auf einer grundlegenden, irdischen Ebene miteinander verknüpft. Sollte Benjamin nicht zurückkehren, würde Jakob sterben – durch Trauer und den Verlust seiner Lebenskraft.
Tatsächlich hatte sich Jakob an das irdische Dasein Benjamins gebunden. Er hatte in Bezug auf seinen Sohn die ewige und himmlische Perspektive verloren. Doch war er damit nicht schon ein Knecht Ägyptens, ein Knecht der Sünde, geworden und damit längst tot?
Eine Lehre über irdische Bindungen
Der Apostel Jakobus gibt uns hierzu eine interessante Information:
(Jakobus 3,14-16; SLT – Hervorhebung durch den Verfasser)
Wenn ihr aber bitteren Neid und Selbstsucht in eurem Herzen habt, so rühmt euch nicht und lügt nicht gegen die Wahrheit! Das ist nicht die Weisheit, die von oben kommt, sondern eine irdische, seelische, dämonische.
Jakob klammerte sich an Benjamin, indem er sich an das irdische, das seelische Dasein seines Sohnes band. Er hätte seine Söhne, mindestens aber Judah, geopfert, um Benjamin zu behalten. Er wollte nicht loslassen. Er war in diesem Sinne selbstsüchtig.
Doch in Wajigasch nimmt die Geschichte eine Wende. Jakob lässt Benjamin ziehen, und das Ende wird zum Segen. Dies zeigt, dass wir uns nicht an irdische Dinge klammern dürfen – seien es Menschen, Besitz oder andere Vergänglichkeiten. Wenn wir uns an diese Dinge binden, werden wir wie die Sklaven in Ägypten: gefangen in Sünde und dem Tod ausgeliefert.
Fazit zu Wajigasch: Die wahre Verbindung
Wajigasch und die Geschichte von Jakob und Benjamin lehren uns, woran wir unsere Seelen binden sollten. Nicht an das Vergängliche, sondern an das Ewige. Unsere Beziehungen, seien es zu unseren Familien, Ehepartnern oder Freunden, müssen von Liebe und nicht von Selbstsucht geprägt sein. Letztlich sollten wir unsere Seele an Gott binden – die Quelle aller Lebenskraft und Weisheit.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.

Lolita Erhard
30. Dezember 2024 @ 7:07
Dieses Gedankenkonstrukt: „an wen binden wir uns – unsere Seele hier auf Erden“ – hat mich sehr berührt, vor allem aber weitere Fragen aufgeworfen. Da sind es bei der einen Mutter die erwachsenen Kinder, die noch nicht vom Vater zu ihm gezogen sind und Mutter setzt mehr daran, dies selbst in die Hand zu nehmen und verschwendet wertvolle Zeit des Weges mit Gott für sich selbst. Das kann eine Gefangenschaft bedeuten. Oder die Ehefrau, deren Mann von Abba nichts wissen will, der sein Ding macht… Es ist unglaublich schwierig, dafür Trennungswege zu bestimmen und den richtigen Weg zur rechten Zeit zu nehmen. Erst wenn die Liebe zum Leben und damit zum Lebensgeber in einem selbst entfacht ist, denke ich, kann man sich vom Irdischen lösen. Erst wenn man erkennt, dass alles, was uns hier fesselt uns hindert frei zu sein und Gott allein ALLES zuzutrauen. Ihm wirklich sich hingeben, egal wie die Umstände oder die er uns geschenkt hat, sind, oder für die wir uns aufopfernd gebunden haben – das alles wird unbedeutend, wenn wir uns vollkommen in seiner Liebe wiederfinden. Erst dann kommt BeFREIung. Und so ist das mit allen anderen Dingen genauso. An was wir uns binden, sei es materielle Sicherheit, Vertrauen auf das, was wir mit den eigenen Händen erwirtschaften oder meinen zu brauchen. Alles was nicht in JHWH ist, ist gebunden und nicht frei. UND solange Mensch nicht loslässt, bleibt er in den unguten Gefangenschaften hier auf der Erde gefangen. Danke für diese Anregungen, lieber Marco. Abba segne euch alle, dich, deine geliebte Sonja und die euren wunderbaren Kinder. Shalom
Marco
30. Dezember 2024 @ 10:49
Ich danke dir für deine Ergänzungen, Lolita.
Ich stimme dir zu, es ist manchmal gar nicht so leicht, zwischen unguter Bindung und göttlichem Auftrag zu unterscheiden – gerade, wenn es um Kinder oder Ehepartner geht.
Hier muss immer der Einzelfall betrachtet und bewertet werden. Aus meiner Erfahrung hilft es oft, sich Rat und Einschätzungen von Außenstehenden zu holen.
Ich wünsche dir reichen Segen.
Viele Grüße
Marco