Wajeschew – Noch einmal Jakob und Esau
In der Torahportion Wajeschew beginnt die Erzählung mit den Worten:
Dies ist die Geschichte Jakobs …
(1. Mose 37,2a; SLT)
Doch hier stellt sich die Frage, warum erst jetzt die Geschichte Jakobs beginnt? Kennen wir ihn nicht schon aus den Abschnitten Wajetze und Wajischlach?
Noch kurioser ist, dass die Geschichte Jakobs offensichtlich mit Joseph beginnt, denn es heißt weiter:
(1. Mose 37,2b; SLT)
… Joseph war 17 Jahre alt, als er mit seinen Brüdern das Vieh hütete, und er war als Knabe bei den Söhnen Bilhas und Silpas, den Frauen seines Vaters; und Joseph brachte vor ihren Vater, was man ihnen Schlimmes nachsagte.
Dieses Spannungsfeld zeigt eine interessante Dynamik: Während Jakob der zentrale Bezugspunkt bleibt, treten seine Kinder in den Vordergrund. Besonders deutlich wird dies im Kontrast zwischen Jakob und Esau, der in den letzten Portionen beleuchtet wurde.
Paraschat Wajeschew
1. Mose 37,1-40,23
Amos 2,6-3,8; Matthäus 1,18-25
Jakob und Esau – Brüder, aber grundverschieden
Jakob und Esau waren Zwillinge, doch sie könnten kaum unterschiedlicher sein. Schon im Mutterleib kämpften sie miteinander, sodass Rebekka sich mit der Schwangerschaft alles andere als wohlfühlte.
Und die Kinder stießen sich in ihrem Schoß. Da sprach sie: Wenn es so gehen soll, warum bin ich denn in diesen Zustand gekommen? Und sie ging hin, um den HERRN zu fragen.
(1. Mose 25,22; SLT)
Der Kampf der beiden Brüder tobte über das Erstgeburtsrecht. Doch Gott offenbarte, dass der Ältere dem Jüngeren dienen würde. Später betonte der Prophet Maleachi diesen Unterschied, indem er schrieb:
Ist nicht Esau Jakobs Bruder?, spricht der HERR. Dennoch habe ich Jakob geliebt, Esau aber habe ich gehasst; und sein Gebirge habe ich zu einer Wildnis gemacht und sein Erbteil den Schakalen der Wüste gegeben.
(Maleachi 1,2–3; SLT – Hervorhebung durch den Verfasser)
Die Ursache für den Unterschied zeigte sich im Lebensstil der Zwillingsbrüder: Jakob blieb bei den Zelten, studierte das Wort Gottes und pflegte eine enge Beziehung zu ihm. Esau hingegen zog durch die Felder und sündigte, was Gott keine Ehre bereitete.
Welchen Bruder der Allmächtige tatsächlich lieber mochte, wird auch anhand unserer Paraschah deutlich. Denn sie beginnt die Geschichte Jakobs im Kontrast zur Geschichte Esaus.
Zwei Geschlechtsregister, zwei Geschichten
Die Torahportion Wajischlach endet mit dem Geschlechtsregister Esaus in 1. Mose 36. Über 43 Verse beschreibt die Torah, wie Esau und seine Nachkommen im Gebirge Seir sesshaft wurden. Auffällig ist, dass diese Passage vor allem Namen aufzählt, ohne viele Details zu nennen. Es wird erwähnt, dass Esau die Horiter vertrieb (5. Mose 2,12), doch wie dies geschah, bleibt unerwähnt.
Im Gegensatz dazu beginnt die Geschichte Jakobs erneut in 1. Mose 37 und nimmt großen Raum ein. Jakobs Nachkommen, die später als das Volk Israel bekannt werden, zogen nach Ägypten, um später von dort aus ins verheißene Land zurückzukehren. Die Torah widmet diesem Weg ganze Bücher:
- Das Buch Bereschit (1. Mose) beschreibt den Weg Jakobs und seiner Familie nach Ägypten.
- Im Buch Schemot (2. Mose) erfahren wir vom Auszug aus Ägypten.
- Bamidbar (4. Mose) erzählt die Wanderungen durch die Wüste.
- In Devarim (5. Mose) erfahren wir, welche Regeln im verheißenen Land gelten sollten, wenn sich das Volk dort angesiedelt hatte und
- das Buch Josua enthält den Bericht über die Einnahme des Landes.
Diese Gewichtung verdeutlicht, wie sehr Jakob Gott am Herzen lag. Esaus Werdegang und Ansiedlung in Seir sind dem Allmächtigen hingegen nur 43 Verse wert.
Der Unterschied in Gottes Blick
Gott widmet Jakob und seinen Nachkommen viel mehr Aufmerksamkeit. Während Esau eine kurze genealogische Erwähnung erhält, erstreckt sich Jakobs Geschichte über viele Kapitel und Bücher. Dies zeigt, wie sehr Gott die Beziehung zu Jakob schätzte. Er wünschte sich eine lebendige Beziehung mit dem Stammvater und kannte jedes Detail.
Esau hingegen erhielt wenig Beachtung, und seine Wege wurden kaum geehrt. Dies beruhte jedoch auf Gegenseitigkeit, da Esau den himmlischen Gütern, wie dem Erstgutsrecht, kaum Beachtung schenkte.
Doch lasst uns einmal darüber nachdenken, wie wir mit unseren Kindern umgehen.
Haben wir unsere Kinder im Blick? Wissen sie, dass wir sie sehen und schätzen?
Gott sah Jakob, er förderte ihn und ehrte ihn durch detaillierte Erzählungen. Können wir das Gleiche über unsere Kinder sagen? Kennen wir ihre Stärken und Wege, und ermutigen wir sie darin? Kinder zu sehen und sie zu ehren bedeutet, sie wirklich zu kennen, Anteil an ihrem Leben zu nehmen und sie in ihren Wegen zu unterstützen.
Wajeschew – Ein Spiegel für uns
Die Torahportion Wajeschew erinnert uns daran, wie wichtig es ist, Menschen in unserer Umgebung – insbesondere unsere Kinder – wahrzunehmen. Gott ehrte Jakob und lenkte seinen Fokus auf dessen Entwicklung. Diese Beziehung ist ein Vorbild.
Lasst uns mit einem ähnlichen Blick unseren Kindern begegnen, sie sehen, fördern und ihre guten Wege erkennen. Wie Gott Jakob ehrte, können auch wir unsere Kinder ehren, indem wir ihre Gaben und Stärken erkennen und diese in einem wertschätzenden Rahmen hervorheben.
So lehrt uns Wajeschew nicht nur von Jakob und Josef, sondern auch von der tiefen Beziehung zwischen Gott und seinem Volk – ein Vorbild, dem wir folgen können.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
