Miketz – Die Lehre aus den Träumen Josefs
In der Torahportion Miketz treffen wir Josef wieder, der bereits zwei Jahre im Gefängnis verbracht hat. Diese Zeit begann, nachdem er die Träume des Mundschenks und des Bäckers gedeutet hatte. Obwohl Josef für seine Gabe bekannt war, schien sie ihm bis zu diesem Zeitpunkt mehr Fluch als Segen gewesen zu sein. Doch wie so oft in der Bibel sehen wir, dass Gott langfristig wirkt.
Paraschat Miketz
1. Mose 41,1-44,17
Sacharja 2,14-4,7; Johannes 10,22-28
Die Träume des Pharaos
Zwei Jahre nach Josefs Deutungen hatte der Pharao zwei beunruhigende Träume. Im ersten Traum sah er sieben fette und sieben magere Kühe, im zweiten sieben volle und sieben dürre Ähren (1. Mose 41,1-7). Der Pharao, verunsichert und besorgt, rief alle Traumdeuter und Magier seines Hofes zusammen. Doch keiner konnte die Träume deuten oder ihm ihre Bedeutung erklären.
In dieser schwierigen Situation erinnerte sich der Mundschenk plötzlich an Josef. Es war derselbe Mundschenk, dem Josef einst im Gefängnis die Deutung seines Traumes gegeben hatte. Der Mundschenk erzählte dem Pharao von Josef, woraufhin dieser ihn sofort aus dem Gefängnis holen ließ.
Von der Sklaverei zur Herrschaft
Josef deutete dem Pharao die Träume mit einer Klarheit, die niemand zuvor hatte. Er erklärte, dass die Träume auf sieben Jahre des Überflusses deuten, die durch sieben Jahre Hungersnot abgelöst werden würden. Noch beeindruckender war jedoch Josefs praktische Weisheit: Er schlug vor, während der guten Jahre Vorräte anzulegen, um die Hungersnot zu überstehen.
Der Pharao war so beeindruckt, dass er Josef zum zweithöchsten Mann in Ägypten machte. Nur er selbst stand über Josef. Damit wandelte sich Josefs Schicksal vollständig: Vom Sklaven und Gefangenen wurde er zum Regenten über Ägypten.
Die Bedeutung der Träume in Josefs Leben
Interessant ist, dass Josefs gesamte Lebensreise mit Träumen begann. Bereits als Jugendlicher hatte er Träume, in denen sich seine Brüder und sogar sein Vater vor ihm verneigten. Diese Träume lösten den Neid seiner Brüder aus und führten schließlich dazu, dass sie ihn nach Ägypten verkauften (1. Mose 37 – Wajeschew).
Diese Träume führten zunächst zu Leid und Verstoßung. Es schien, als sei die Gabe, die Josef bereits als junger Knabe hatte, für ihn ein Segen oder ein Makel. Als er seine Träume deutete, verhieß dies für ihn Sklaverei und Leid.
Doch auch die Deutung der Träume im Gefängnis führte nicht dazu, dass er in die Freiheit kam. Im Gegenteil:
Aber der oberste Mundschenk dachte nicht an Josef, sondern vergaß ihn.
(1. Mose 40,23; SLT)
Gott verwandelt Fluch in Segen
In Josefs Geschichte sehen wir ein Prinzip, das auch im eigenen Leben gelten kann: Was zunächst als Fluch oder Problem erscheint, kann von Gott in einen Segen verwandelt werden. Eine tiefere Perspektive dazu gibt uns Jeremia 30, Vers 17:
Denn ich will dir Genesung bringen und dich von deinen Wunden heilen, spricht der HERR, weil sie dich eine »Verstoßene« nennen [und sagen]: »Das ist Zion, nach der niemand fragt!«
(Jeremia 30,17; SLT)
Im hebräischen Original lesen wir:
כִּי֩ אַעֲלֶ֨ה אֲרֻכָ֥ה לָ֛ךְ וּמִמַּכּוֹתַ֥יִךְ אֶרְפָּאֵ֖ךְ נְאֻם־יְהֹוָ֑ה כִּ֤י נִדָּחָה֙ קָ֣רְאוּ לָ֔ךְ צִיּ֣וֹן הִ֔יא דֹּרֵ֖שׁ אֵ֥ין לָֽהּ׃׃
Der Ausdruck וּמִמַּכּוֹתַ֥יִךְ (umimakotecha), welcher mit “von deinen Wunden” übersetzt wird, hat eine besondere Bedeutung. Denn wenn der Buchstabe Mem vor ein hebräisches Wort gesetzt wird, wie in diesem Fall, dann verleiht er die Bedeutung “von daher kommend”. Mit anderen Worten sagt der Vers, dass Gott uns von unseren Wunden oder Leiden ausgehend heilt, oder auch durch unsere Wunden oder Plagen heilt.
Josef wurde durch seinen scheinbaren Fluch der Traumdeutung in Sklaverei und Gefangenschaft geführt. Doch diese Leidensstationen haben ihn letztlich zu seiner Bestimmung geführt. Gott hat damit das Leid Josefs genutzt, um ihn in seine Bestimmung zu führen.
Was wir von Josef lernen können
Josef ist ein Vorbild für Vertrauen und Geduld. Er hätte in seiner Situation verzweifeln können, doch er hielt an Gott fest. Das zeigt uns, dass es wichtig ist, auf Gottes Plan zu vertrauen, auch wenn wir ihn nicht sofort erkennen können.
Vielleicht gibt es auch in deinem Leben Gaben, die dir zunächst mehr Probleme als Freude bereiten. Vielleicht erlebst du Herausforderungen, die wie unüberwindbare Hindernisse wirken. Doch genauso, wie Gott Josef von einem Sklaven zum Herrscher über Ägypten erhoben hat, kann er auch in deinem Leben wirken.
Denn letztlich ist der Weg Josefs auch der unsere: vom Sklaven in Ägypten zum Herrscher über Ägypten.
Denn alles, was aus Gott geboren ist, überwindet die Welt; und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.
(1. Johannes 5,4; SLT)
Fazit zu Miketz: Gott schreibt Geschichte durch unser Leben
Die Geschichte von Josef, wie sie in Miketz erzählt wird, erinnert uns daran, dass Gott aus jedem Fluch einen Segen machen kann. Sie zeigt, wie Gaben, die zunächst unbedeutend oder sogar hinderlich erscheinen, Türen öffnen und uns zu unserer Bestimmung führen können.
Vielleicht dauert es Zeit, vielleicht führt der Weg durch schwere Prüfungen, doch Gott hat immer einen Plan. Josefs Leben lehrt uns, dass selbst die dunkelsten Kapitel Teil einer größeren Geschichte sind, die Gott für uns schreibt – eine Geschichte des Segens und der Heilung.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
